Zwischen Chaos, Funken und magischen Geheimnissen

Kapitel 1: Irgendwo im Nirgendwo

»Und warum hast du dich nochmal für diesen Ort entschieden?«, fragte ich gefühlt zum hundertsten Mal. Ich konnte es nämlich noch immer nicht fassen. Es standen nur noch zwei Schuljahre vor mir und ich sollte tatsächlich die Schule wechseln. Alle Freunde, die ich bereits mein Leben lang kannte, zurücklassen und irgendwo im Nirgendwo ein neues Leben anfangen.
»Weil ich das vierfache Gehalt angeboten bekommen habe, einen unbefristeten Arbeitsvertrag und ein Haus, in dem wir leben können und das uns gehört, sobald Paul seinen Abschluss gemacht hat«, erklärte er es erneut.
Seufzend lasse ich mich in den Beifahrersitz des Lkws fallen, in dem unsere ganzen Besitztümer liegen.
»Kannst du mir dann auch bitte erklären, warum die unbedingt wollen, dass ich mitkomme? Das macht für mich absolut keinen Sinn«, stöhnte ich entnervt, obwohl mit klar war, warum ich mitkommen musste. Auch mein Vater bedachte mich nur mit einem abschätzigen Blick. »Ja, weil sie neue Einwohner brauchen. Deswegen bist du überhaupt ausgewählt worden, weil du eine vierköpfige Familie hast und deren neue Schule einen Geschichtslehrer braucht. Außerdem ist es eine gute Chance für Ma, damit sie endlich ihrem Traumberuf nachgehen kann, weil du jetzt mehr Gehalt verdienst, als ihr damals noch zusammen. Außerdem leben wir mittlerweile in einer modernen Zeit, in der es mir trotzdem möglich ist, Kontakt zu meinen Freunden zu halten, da wir jederzeit Videocalls machen können oder zusammen zocken können und und und …«, wiederholte ich den Vortrag, den ich mir die letzten Tage immer wieder anhören durfte.
Auch wenn ich wusste, dass es stimmte, änderte es nichts daran, dass ich nicht von zu Hause wegwollte. Ich wollte kein neues Leben anfangen oder neue Freundschaften schließen. Zumindest noch nicht jetzt. Ich wollte die ganz normale Erfahrung machen, wenn ich aufs College ging und in den Ferien oder zu den Feiertagen immer zu meinem trauten Heim zurückkommen. Doch ich glaubte nicht, dass das in Zukunft so sein würde.
Meine ganzen Kindheitserinnerungen und alles, was mit meinem Leben vor dieser neuen Wohnsiedlung zusammenhing, hatten wir in London zurückgelassen. Der neue Ort hatte überhaupt nicht die Chance, diese Art von Erinnerungen zu schaffen. Es wird nicht die Straße sein, an der ich Fahrradfahren gelernt hatte, nicht der Baum sein, der gleichzeitig mit mir gewachsen war und nicht der Türrahmen sein, an dem zu erkennen war, wie viel ich gewachsen war. Diese ganzen Erinnerungen, alles, was mich bis jetzt mein ganzes Leben lang geprägt hatte, werden meine Eltern einfach ohne Rücksicht auf meine Gefühle zurücklassen.
Ich hatte mit ihnen gestritten, verhandelt, sie gebeten, mich alleine in London zu lassen oder mir die Chance zu geben als Internatsschülerin an meiner alten Schule zu bleiben, doch alles wurde eiskalt abgewehrt.
Immer wieder wurde gesagt, dass ich meine Freunde ja am Wochenende oder online sehen und dass ich gerne nach meinem Abschluss zurück nach London ziehen konnte, doch dass für jetzt keine andere Möglichkeit für mich bestand. Das Angebot war zu gut und die Vertragsbedingungen eindeutig – die ganze Familie musste mit. Ob ich wollte, oder nicht.

Ich konnte meine Eltern sogar verstehen. Für sie war es eine einmalige Gelegenheit und mein Bruder Paul war erst zehn Jahre alt, sodass er noch gut neuen Anschluss finden und noch einige neue Erinnerungen an diesem Ort schaffen konnte. Es ist eine Chance, die ihr ganzes Leben verändern konnte und uns grundsätzlich allen etwas brachte. Vor allem in der künstlerischen Selbstverwirklichung meiner Mutter.
Natürlich hatten wir vorher nicht am Hungertuch genagt, doch so wirklich wohlhabend waren wir auch nicht. Wir waren schon auf den Vollzeitjob meiner Mutter angewiesen gewesen und konnten uns auch nur alle zwei Jahre einen Urlaub in ein anderes Land leisten – die normale Mittelschicht.
Auch unser Haus ist nicht das Größte gewesen. Kleidung mussten wir immer tragen, bis sie uns nicht mehr passte oder nicht mehr repariert werden konnte. Für unsere finanzielle Situation ist es nicht gerade zuträglich gewesen, dass wir eine Pflegerin für meine Großmutter brauchten.
Auch wenn wir direkt nebenan wohnten, hatten meine Eltern einfach nicht die Zeit, sich noch zusätzlich vollumfänglich um Granny zu kümmern. Doch das hatte sich nun auch geändert. Auch Granny zog mit uns in die kleine Neusiedlung. Auch sie wurde aus ihrer gewohnten Umgebung gerissen. Doch ihr schien es nicht so viel auszumachen wie mir.
Immer wieder hatte auch sie beschwichtigend auf mich eingeredet und gesagt, was für eine gute Chance es für meine Eltern war – zumindest in ihren lichten Maenten. Leider ist sie an Demenz erkrankt. Es war zwar noch nicht so weit fortgeschritten, dass sie uns überhaupt nicht mehr erkannte, trotzdem merkte man ihr die Schwierigkeiten eindeutig an. Sie fing an, uns miteinander zu verwechseln, vergaß, was sie uns erzählen wollte, oder wundert sich regelmäßig, wie groß ich mittlerweile geworden war und ob ich nicht Enormen erwachsen für zwölf aussehe.
Selbst auf die Einwände, dass eine neue Umgebung schlecht für sie und ihr Erinnerungsvermögen wäre, meinte sie nur, dass die Natur ihr sicher guttun würde und sie an ihre Jugend erinnerte und das müsste schließlich auch was bringen.
Selbst mein kleiner Bruder, den ich bitterlich versucht hatte, auf meine Seite zu ziehen, hatte sich strikt dagegen geweigert. Er habe in der Schule sowieso nicht so guten Anschluss gefunden und mehr Onlinefreunde als echte Freunde. Dies würde ihm die Chance geben, diesen Umstand endlich zu ändern, und auch in der Schule noch mal eine neue Gelegenheit für bessere Noten geben.
Schwer seufzte ich. Konnte das wirklich für alle eine so gute Gelegenheit sein, nur für mich nicht?

Mittlerweile fuhren wir schon eine halbe Stunde auf einem erstaunlich unbefestigten Weg und hatten seitdem auch keine Häuser mehr gesehen.
»Bist du die sicher, dass wir hier richtig sind?«, fragte ich daher meinen Vater vorsichtig.
Er selbst wirkte zwar auch verunsichert, entgegnete aber: »Ja, ich bin mir ziemlich sicher, dass das der Weg war. Auch das Navi zeigt an, dass das der richtige Weg ist.«
»Bist du den Weg denn schonmal alleine gefahren, oder immer nur als Beifahrer?«
»Nur als Beifahrer, aber es ist alles genauso, wie ich es in Erinnerung habe.« Als er das sagte, versuchte er Zuversicht auszustrahlen, die jedoch nicht in seinem unruhigen Blick ankam. »Das letzte Mal war es nur etwas nebelig«, murmelte er noch kleinlaut vor sich hin.
Gerade wollte ich ansetzen, etwas zu erwidern, da krachte es plötzlich und der Lkw glitt Stück für Stück in Schräglage. Ein kaum hörbarer Fluch schlich sich bei meinem Vater über die Lippen.
»Ich steige kurz aus und schaue mir das an«, sagte er, während er schon der Fahrertür öffnete.
»Warte auf mich«, rief ich ihn noch hinterher, doch da schlug er schon die Tür zu. Ich würde sicher nicht in diesem schräg liegenden Lkw sitzen bleiben, während mein Vater ausstieg, um einen besseren Eindruck zu gewinnen.
Gerade, als ich die Tür zuschlug, wollte mein Vater mich aufhalten, doch mit dem Schwung, rutschte das Gefährt noch ein weiteres Stück tiefer in den Graben.
»Tut mir leid«, murmelte ich. Das war sicherlich nicht meine Absicht gewesen.
»Alles gut. Auch schon vorher hatten wir keine Chance, hier alleine loszukommen. Wir müssen einen Abschleppdienst rufen. Außerdem sollten wir deiner Mutter Bescheid geben, dass sie mit dem Auto in der letzten Stadt warten sollen. Es macht keinen Sinn, wenn wir alle hier festsitzen.«
Meine Mutter, mein Bruder und Granny fuhren erst eine Stunde nach uns los. Sie hatten noch das Haus geputzt und die Katzen eingesammelt. Ich bin mit Vater schon vorher losgefahren, um vorab die ersten Kartons rein zutragen.
»Mist, kein Empfang«, riss mein Vater mich aus meinen Gedanken.
»Und was machen wir dann jetzt?«, fragte ich ihn und merkte, wie Panik in mir aufzusteigen drohte.
»Darauf warten, dass deine Mutter hier hin kommt, zurück in das letzte Dorf fahren und von dort einen Abschleppdienst rufen«, beruhigte er mich sofort.
»Was ist das bloß für ein Ort, dass wir auf der Strecke dorthin keine richtige Straße haben und auch noch keinen Empfang?«, gab ich verärgert von mir.
Anstatt, dass mein Vater auf mich einging, bedachte er mich nur mit einem eindeutigen Blick. Ich hatte die letzten Tage schon zu viel gezickt, als das er nun vernünftig darauf eingegangen wäre. In seiner Position wäre ich vermutlich nicht so ruhig geblieben und konnte froh sein, dass ich nur diesen Blick bekam.
»Was denkst du, wie lange wir warten müssen?«, fragte ich nach einer Weile, in der wir beide geschwiegen hatten.
»Ich weiß es nicht genau. Du weißt doch, deine Mutter fährt sehr vorsichtig.« Das war seine diplomatische Ausdrucksweise dafür, dass sie langsam fuhr.
»Hmh«, war alles, was ich dazu sagte, weil mir selbst bewusst war, wie langsam sie tatsächlich fuhr. Wenn sie eine Stunde nach uns losgefahren ist, konnte es gut sein, dass sie dreißig Minuten, bis eine Stunde nach uns ankam.
Ich wollte schon frustriert vor mich hermurmeln, als eine Stimme aus dem Nichts sagte: »Können wir Ihnen helfen?«
Vor uns stand der breitschultrigste Mann, den ich außerhalb von einer Filmleinwand jemals gesehen hatte. Nicht nur das, er war auch außergewöhnlich schön. Wenn er nicht doppelt so alt, wie ich gewesen wäre, wäre ich ihm sofort mit Haut und Haaren verfallen. Wie konnte es sein, dass so ein gut aussehender Mensch hier, am Ende der Welt, lebt und nicht in Hollywood?
Beim genaueren Hinsehen viel mir auf, dass obwohl er einen freundlichen Gesichtsausdruck aufgesetzt hatte, doch irgendwie etwas Bedrohliches von ihm ausging. Ich konnte nicht genau ausmachen, was es war, aber mein Instinkt riet mir, ein paar Schritte vor ihm zurückzuweichen. Vielleicht lag das aber auch an dem jüngeren Kerl direkt hinter ihm. Er war genauso schön wie der, der uns angesprochen hatte, doch er schaute uns offen feindselig an.
Dann schien er der Ältere von beiden meinen Vater zu erkennen und seine Haltung entspannte sich etwas, sodass sein Auftreten nun mehr zu seiner Tonlage passte, als er sagte: »Sie sind der neue Geschichtslehrer, oder?«
Mein Vater schien sich wieder zu fangen, als er entgegnete: »Ja, der bin ich. Sind wir uns schonmal begegnet? Ich kann mich leider nicht an sie erinnern«, fügte er noch entschuldigend hinzu.
»Ich bin Simon, der Bruder des Dorfvorstehers. Als sie sich die Neubausiedlung angeschaut haben, haben wir uns kurz in ihrem neuen Haus getroffen. Ich habe dort die letzten Bauarbeiten durchgeführt. Ist heute Ihr Umzug? Wir dachten, dass Sie erst morgen eintreffen«, erklärte er und wirkte dabei leicht irritiert.
»Ich hatte heute Morgen mit Ihrem Bruder gesprochen. Er sagte, dass es auch kein Problem ist, wenn wir heute schon einziehen. Wir waren mit dem Packen früher fertig, als erwartet.«
Nun verfinsterte sich Simons Blick für einen kurzen Maent, doch es war so schnell vorbei, dass ich mir nicht sicher war, ob ich es tatsächlich gesehen hatte.
»Da hätte mein Bruder ja mal Bescheid sagen können. Niemand hat heute mit ihnen gerechnet. Sonst wären sicherlich bessere Vorbereitungen getroffen worden«, sagte er freundlich.
»Was für Vorbereitungen?«, fragte mein Vater irritiert.
Ein amüsiertes Lachen verließ seine vollen Lippen, während der jüngere von beiden ihm einen noch finsteren Blick zuwarf. »Entschuldigung. Natürlich ist es nicht witzig. Wir hätten zum Beispiel den Graben abgedeckt. Nach unseren eigenen Erfahrungen mit Umzugsunternehmen ist das hier schon öfters in einer Katastrophe geendet. Sie haben wirklich Glück, dass wir gerade vorbeigekommen sind, um alles hier für morgen vorzubereiten. Sonst hätte das sicherlich ungut enden können. Steigen Sie beide in ihr Auto. Ich und Dilan geben unser bestes von hinten zu schieben. Sicherlich bekommen wir den Laster mit vereinten Kräften auf dem Graben raus.«
Irritiert schaute mein Vater ihn an, als er sagte: »Ich glaube kaum, dass sich dieses Problem so leicht lösen lässt. Der Laster ist wirklich schwer.«
Simon dachte einen Maent über den Einwand meines Vaters nach. »Vermutlich haben Sie recht. Dilan, du wartest hier und achtest darauf, dass nichts passiert. Ich hole kurz den Laster, damit wir den Lkw rausziehen können.«
Entnervt rollte der Junge, der Dilan zu heißen schien, mit den Augen und sagte: »Bist du dir sicher, dass das nötig ist?« Der Widerwille in seinen Worten war kaum zu überhören.
»Nein, nein. Wir kommen hier schon zurecht. Geh du ruhig mit deinem Onkel mit«, schritt mein Vater ein, bevor Simon etwas erwidern konnte.
Als mein Vater das sagte, verzog Dilan nur verächtlich die Miene und erwidert in Richtung seines Onkels: »Mach aber schnell. Ich habe keine Lust hier meine Zeit zu vergeuden.«
Als habe Simon nur auf diese Antwort gewartet, sprintete er ohne ein weiteres Wort davon und ließ uns mit seinem unwilligen Neffen zurück. Meinem Vater bereitete die ganze Situation offenbar Unbehagen, denn er versuchte, ein Gespräch mit Dilan zu beginnen.
Als der Erfolg jedoch ausblieb, sagte ich zu ihm: »Gib dir keine Mühe. Er möchte offensichtlich nicht mit uns reden. Es ist schon nett genug, dass sie uns helfen wollen, da musst du ihm nicht noch ein Gespräch aufzwingen. In der Schule wirst du noch genug Möglichkeiten haben ihn kennenzulernen. Wenn es euch nichts ausmacht, ich gehe wieder in den Laster. Mir ist es hier zu ungemütlich.«
Bei meinen Worten blitzt etwas wie Interesse in Dilans Blick auf und ich bekomme ein leichtes, anerkennendes Nicken. Ich versuchte, es an mir abprallen zu lassen, aber egal, ob Arschloch oder nicht, ein Typ der aussieht, wie der junge Sam Claflin ließ einen nicht vollkommen kalt. Schnellstmöglich versuchte ich, mir jedoch diesen Gedanken aus dem Kopf zu schlagen.
Kaum eine viertel Stunde später war auch schon Simon wieder da und erstaunlicherweise konnten wir, oder um genauer zu sein, vor allem Simon und Dilan, den Lkw befreien und ohne große Umwege und weitere Schwierigkeiten unsere Reise zu meiner neuen, persönlichen Hölle fortsetzen. Wenn alle Bewohner dort so freundlich waren wie die beiden, konnten das wirklich anstrengende zwei Jahre werden.

 

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