Zwischen Chaos, Funken und magischen Geheimnissen

Kapitel 2: Zwischen Tür und Fluff

Zu unserem Erstaunen waren wir bei Weitem nicht so weit von der Neubausiedlung entfernt, wie wir dachten. Tatsächlich hätten mein Vater oder ich dort auch ohne größere Probleme hinlaufen können und selbst um Hilfe bitten können. Vielleicht hätten wir sogar den Dorfvorsteher selbst getroffen und uns dann nicht rechtfertigen müssen, warum wir schon hier waren. Natürlich war ich dankbar, dass die beiden uns geholfen hatten, doch man hatte Dilan eindeutig angemerkt, dass es ihm zuwider war. Ich sah es nicht ein, warum uns jemand helfen sollte, der überhaupt kein Interesse daran hatte. Doch meinen Vater schien die vorangegangene Situation überhaupt nicht zu stören und ignorierte meine noch schlechtere Laune, so gut er konnte.
Die Neubausiedlung sah viel besser aus, als ich erwartet hatte. Ich hatte ausschließlich mit gleichgesetzten Neubauhäusern gerechnet, ohne jeglichen Charme. Da hatte ich mich aber ordentlich geirrt. Die Straße, auf der wir nun fuhren, bestand aus großen, rötlichen Pflastersteinen. Die Häuser an der Straße waren alle Einfamilienhäuser, hatten doch alle eine außergewöhnliche Einzigartigkeit. Das eine war ein altes, neu aufgebautes Bauernhaus. Das nächste Haus hätte direkt aus der Schweiz kommen können und alles daran schrie förmlich Hygge. Das nächste Haus war sehr modern und hätte von einem berühmten Architekten stammen können. Und so ging es die ganze Straße entlang. Ich mochte mir gar nicht vorstellen, wie teuer dass alles gewesen sein muss.
»Sind die Leute hier so reich? Und warum wollen sie dann gerade dich als Lehrer? Warum leben sie hier und nicht in großen Städten? Wollen Reiche nicht so leben?« Ich wusste, dass meine Fragen voller Vorurteile waren, konnte sie dennoch nicht zurückhalten. Gerade deswegen wunderte es mich nicht, als ich einen missbilligenden Blick von meinem Vater bekam.
»Nicht jeder möchte, wie du, in der Großstadt leben. Viele fühlen sich näher an der Natur wohler. Außerdem ist es erwiesen, dass weniger Lärm viel zur Gesundheit beiträgt. Vom Feinstaub möchte ich erst gar nicht anfangen. Soll ich noch weiter machen, oder reicht dir das vorerst als Antwort?«, erwiderte mein Vater.
»Du hast mir noch nicht erklärt …«, wollte ich ansetzen, konnte mich jedoch im letzten Maent unterbrechen. Sicherlich war es keine gute Idee, meinen Vater erneut danach zu fragen, warum sie unbedingt ihn als Lehrer wollten. Ich selbst hatte noch nie bei ihm Unterricht gehabt und konnte daher schlecht einschätzen, wie gut sein Unterricht tatsächlich war. Außerdem war es sicher nicht leicht, überhaupt eine Lehrstelle in London zu bekommen, daher musste er zumindest etwas auf dem Kasten haben.
Daher setzte ich neu an: »Weißt du denn, warum es ihnen so wichtig war, dich als Lehrer zu bekommen? Soweit ich weiß, hast du dich nicht beworben und hattest einen unbefristeten Arbeitsvertrag. Wurdest direkt von Ihnen angesprochen oder …« Bevor ich mit meiner Frage fortfahren konnte, unterbrach mich mein Vater.
»Hier ist es. Unser neues Zuhause!«, rief er aus.
Ganz aus meinen Gedanken gerissen, starrte ich aus dem Auto und mir blieb der Atem stehen. Das konnte doch wohl nicht deren Ernst sein?! Vor uns lag ein riesiges Haus, eher eine Villa, die mindestens drei Mal so groß war wie unser altes Haus. Sie erinnerte an ein altes Herrenhaus, trotzdem so modern, dass man die Mischung aus alt und neu förmlich auf der Haut spürte. Direkt an dem Haus angeschlossen war ein Gebäude aus Glas, was noch mal ein Stück größer war als die Villa selbst. Damit verbunden war dann ein weiteres Gebäude, welches eher an ein kleines Schloss erinnerte als an noch eine Villa.
»Wie sehr wollten sie dich als Lehrer haben? Hast du vielleicht Geld gespart, ohne das wir etwas davon mitbekommen haben und das mit dem Jobwechsel war einfach nur eine lahme Ausrede? Bist du dir sicher, dass wir das alles hier zum wohnen bereitgestellt bekommen und in ein paar Jahren sogar uns gehört?«
Mein Vater musste die Fassungslosigkeit aus meiner Stimme hören, denn erschaute mich mit einem breiten Grinsen an, als er sagte: »Das ist schon unglaublich, oder? Findest du immernoch, dass ich den Job hätte ausschlagen sollen?«, dann überlegte er kurz, als er fortfuhr: »Dir ist aber hoffentlich klar, dass uns nur die Villa hier direkt vor uns gehört? Das Gewächshaus teilen wir uns mit den Nachbarn, aber jeder hat seinen eigenen Garten.«
Schnell versuchte ich, mich wieder zu fassen, denn ich wollte mir nicht weitere stichelnde Kommentare anhören. Der Schalk auf seinem Gesicht ließ Böses erahnen. Dennoch war es nicht zu bestreiten, dass die Villa alleine schon unglaublich war. Ein Teil von mir war sogar froh, dass das Schloss nicht dazu gehörte, denn das Mauerwerk war düster und die Wasserspeier auf den Kanten hatten bei genauerer Betrachtung auch etwas Gruseliges an sich. Außerdem waren es keine Gargoyles, wie normale Wasserspeier, sondern unterschiedliche Feen, die entweder einen Krug in der Hand hatten, oder ein großes Blatt im Schoß liegend. Doch das war nicht, was sie so gruslig machte. Es waren ihre Gesichter. Sie waren entweder von Schmerz oder durch Hass verzerrt. Ich wusste nicht, was mich von beidem mehr schockte.
Schnell wand ich den Blick ab und schaute wieder mein neues Zuhause an. Dieses Gebäude war um einiges einladender, mit seinen roten Ziegeln, den Holzverschlägen und den großen, weißen Fenstern mit Mittelstreben.
»Weißt du denn, wer unsere Nachbarn sind?«, fragte ich meinen Vater. Das hier konnte alles noch so sehr wie ein wahrgewordener Traum wirken, ich wollte erst alle Fakten haben, bevor ich auch nur etwas Freude zuließ.
Doch anstatt mich mit einer Antwort zu beehren, grinste mein Vater mich nur schelmisch an und entgegnete: »Lass dich überraschen.«
Tatsächlich wusste ich nicht, wie ich diese Aussage vernünftig einordnen sollte.

Schnell merkte ich, dass ich aber nicht lange ratlos bleiben sollte. Schnell fiel der Traum von einem neuen, ruhigen Zuhause in sich zusammen, als ich erkannte, wer da an unserem Eingang stand und uns mit genervter Miene nieder starrte. Niemand anderer als Dilan. Das konnten nun wirklich anstrengende zwei Jahre werden.
Neben Dilan stand ein gut aussehender Mann, dessen Ähnlichkeit zu Dilan und Simon kaum zu verkennen war. Er sah genauso gut aus, wie die beiden anderen, doch noch ein bisschen älter als Simon – eher Mitte vierzig. Das musste Dilans Vater sein. Im Gegensatz zu seinem Sohn hatte er ein tausend Watt Strahlelächeln aufgesetzt und schien vor Freude, dass wir angekommen sind, geradezu sprühen.
»Hallo, ich bin Elvas, Dilans Vater und Dorfvorsteher. Dilan uns Simon haben mich schon über die Unannehmlichkeiten, in die Sie geraten sind, informiert. Das tut mir natürlich schrecklich leid. Du musst sicherlich Clarissa sein. Seid Ihr den ansonsten gut hierhin gekommen? Wie ist der erste Eindruck von der Stadt«, plauderte er schon los.
Auch wenn er noch mehr zu erzählen hatte und mein Vater in ein enthusiastisches Gespräch einlullte, zog ich mich schnellstmöglich daraus. Sein ganzes Wesen und auftreten war mir einfach zu viel. Ich konnte nicht so gut damit umgehen, wenn andere Leute sich so stark aufdrängten. Ich mochte eher einen natürlichen Abstand und ruhige Konversation. Zu viel aufgesetzte oder aufdringliche Freundlichkeit verunsicherte mich schnell.
Die beiden waren aber so sehr in ihr Gespräch vertieft, dass sie meinen Weggang überhaupt nicht bemerkten. Ich schlich um die Villa herum, um einen ersten Blick in den Garten zu werfen. Immerhin war das eins der Sachen, auf die ich mich tatsächlich gefreut hatte. So viele Vorteile London auch hatte, ein großer Garten war es, zumindest für uns, nicht gewesen. Ich mochte schon immer die Natur und fühlte mich sehr zu ihr verbunden – zumindest sobald ich in ihr war. Das war jedoch recht schnell vergessen, in dem Augenblick, wo ich wieder in dem normalen Alltagstrubel war.
Gerade als ich die Hand auf die kupferne Klinke des hölzernen Tors legte, ertönte eine Stimme hinter mir: »Was hast du da vor?« Die Missbilligung in Dilans Stimme war kaum zu überhören.
»Ich wollte mir den Garten einmal anschauen. Schließlich werden wir in Zukunft hier wohnen«, erklärte ich nach außen hin Gelassen. Ich würde mir sicher nicht von ihm erklären lassen, was ich hier tun durfte und was nicht. Solche Typen kannte ich bereits aus meiner Schule. Wenn man einmal etwas Schwäche zeigte, würden sie das den Rest der Schulzeit ausnutzen und Kontrolle über dich ausüben.
»Möchtest du uns nicht zuerst kennenlernen, bevor zu anfängst hier herum zu spionieren?«, entgegnete er gehässig.
Kurz überlegte ich, ob ich mich auf sein Niveau herablassen und ihn auch anzicken sollte. Immerhin war auch das für mich ein anstrengender Tag. Doch ich entschied mich dagegen und bei der Wahrheit zu bleiben: »Ich brauche etwas Abstand. Das hier ist gerade alles etwas viel und ich möchte runterkommen. Ich dachte einfach, dass der Garten dafür der richtige Ort ist. Etwas mehr Natur, trotzdem nicht so weit weg, dass ich es nicht mitbekomme, wenn ich gerufen werde. Einfach mal ein bisschen durchatmen. Oder hast du ein Problem damit?«
Ich musste zugeben, der letzte Teil war schon etwas provokant und zeigte Paurch mehr von meiner Gereiztheit, als ich eigentlich wollte. Dennoch fand ich, dass ich die Situation verhältnismäßig gut gelöst hatte.
Dilan schien meine Ansicht zu teilen, denn sein Gesichtsausdruck wurde ein bisschen milder.
»Soll ich dir den Garten zeigen?«, fragte er, nachdem wir uns eine kurze Weile angeschwiegen hatten.
»Ich würde es genießen, wenn ich einen kurzen Augenblick nur für mich bin. Wenn es dir nicht ausmacht würde ich dann jetzt alleine in den Garten gehen«, erwiderte ich und machte schon das Tor auf.
Er nickte nur, drehte sich um und wollte gerade gehen, als mir ein erschrockener Schrei entwich.
»Was ist …«, setzte er schon an zu sagen, als er mich auf dem Boden sitzend sah.
Auch mein Vater, sein Vater und Simon kamen um die Ecke gestürmt.
Auf meinem Schoß saß ein kleines, fluffiges Hündchen, dass mich freudestrahlend an hechelte. Er erinnerte an einen Zwergspitz, doch das Fell war eher eine Kugel und Pink – ich meine PINK -, das Gesicht ein bisschen eingedrückt und die Beine ein bisschen kürzer. Insgesamt äußerst süß, dennoch keine Hunderasse, die ich jemals zuvor gesehen hatte. Doch das schien ihn nicht zu stören, denn er wollte nur eins – Streicheleinheiten. Mit hingebungsvoller Bestimmtheit drückte er sich in meine Hand.
Irritiert schaute ich zu den Männern hoch, die mich mit unterschiedlichsten Mienen anschauten. Von Schock bis Erstaunen war alles dabei.
»Fluff – runter von ihr. Du sollst doch nicht einfach andere Leute anfallen«, sagte Dilan, der sich als erster wieder unter Kontrolle bekam. Er griff schon nach dem kleinen Ungetüm, als dieses so kläglich anfing zu fiepen, dass ich ihn beschützend an meine Brust drückte. Ob es nun sein Hund war, oder nicht. Jetzt gerade wollte nicht zu ihm und hatte Angst vor seinem Herrchen. Ich würde sicher nicht gewaltvolles Eingreifen unterstützen, wenn es dazu keinerlei Grund gab.
»Alles gut. Er kann ruhig noch etwas bei mir bleiben«, unterstrich ich daher meine Handlung mit Worten, um ihn aufzuhalten.
»Ist dir überhaupt bewusst …«, fing er an, doch da unterbrach ich ihn schon.
»Mir ist bewusst, dass dein Hund dich offensichtlich nicht so mag. Was sagt es außerdem über dich aus, dass er schon fiept, nur wenn du die Hand nach ihm ausstreckst?! Mal ganz davon ab, dass ich die Verzüchtung von Hunden sowieso schrecklich finde. Ist dir bewusst, dass Hunde Paurch viele gesundheitliche Probleme kommen können? Vom Haare färben will ich erst gar nicht anfangen. Ich …« Mein Vater unterbrach mich mit einer Handbewegung, bevor die Aktivistin in mir noch mehr ausbrechen konnte.
»Entschuldigung. Tierrechte sind ihr sehr wichtig. Sie wird immer ein bisschen unhaltbar, wenn es um Tierwohl geht. Clarissa, du solltest dich für dein Verhalten entschuldigen und andere Menschen nicht direkt verurteilen«, schritt mein Vater ein.
Kurz zuckte ich zusammen. Mit dem letzten Punkt hatte er eindeutig recht. Ich neigte dazu, voreilige Schlüsse zu ziehen und nicht das große Ganze zu sehen. Daher murmelte ich: »Tut mir leid, dass meinte ich nicht so.«, und entließ Fluff aus meinem Klammergriff. Dieser schaute mich enttäuscht an und ich tätschelte ihm noch ein paar Mal sanft über den Kopf.
Da fing Elvas auch schon freudig an zu lachen und sagte: »Etwas Temperament ist doch nicht Schlechtes. Besonders wenn es für die richtigen Dinge ist. Doch du musst dir keine Sorgen machen, Clarissa. Fluff wird bei uns bestens versorgt. Er ist uns irgendwann aus dem Wald zugelaufen, daher wissen wir nicht, von welcher Rasse er abstammt. Tatsächlich haben einige Bewohner in der Stadt einen ähnlichen Hund. Mir ist nicht bekannt, ob es einen Züchter gibt, aber die meisten, die ich kenne, haben ihren auch im Wald gefunden. Offenbar gibt es dort ein kleines Rudel von diesen Hunden. Dieser hier ist einfach zu uns gekommen und wollte auch nicht mehr in den Wald zurück. Und was die Fellfarbe angeht, hast du recht. Färben wäre eindeutig Tierquälerei. Doch mein Sohn hat ein Kunstzimmer, mit Farben unterschiedlichster Art und da ist Fluff einfach in einen Eimer mit einem pinken Kreidewassergemisch reingesprungen. Wir haben uns erkundigt, solange der Hund nicht eine große Menge davon frisst, sollten keine Probleme auftreten.«
Bei Elvas einfühlsamer Reaktion fühlte ich mich nur noch schlechter.
»Hmh«, murmelte ich daher nur und versuchte verlegen den Blicken der anderen aus dem Weg zu gehen.

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