Zwischen Chaos, Funken und magischen Geheimnissen

Kapitel 9: Hallo Irrlicht

Als Finja mich sanft an den Schultern packte, um mich vom Schulgelände wegzuführen, zuckte ich erschrocken zusammen. Es war nicht so, dass ich das tatsächlich wollte, doch der Schock der vorangegangenen Ereignisse saß noch zu tief in meinen Knochen. Dann sah ich jedoch ihren gekränkten Blick und mein Verhalten tat mir sofort leid. Noch lauter meldete sich mein schlechtes Gewissen, als ich bemerkte, dass ich auch noch Fluff in den Armen hielt und mir das offenbar überhaupt nichts ausmachte.
Schnell begann ich, mich zu entschuldigen: »Hör zu. Ich meinte das nicht so. Ich weiß, dass du nicht so bist. Ich bin einfach nur durch mit den Nerven und gefangen in meinen Gedanken und Gefühlen. Ich meine das ganz sicher nicht persönlich. Kannst du mich ein bisschen verstehen?« Sicher war das ein Teil der Wahrheit, doch nicht der ganze. Dinge, die man nicht begreifen konnte, machten einem Angst – dazu gehört auch die für mich unerklärliche Aggressivität mir gegenüber. Wie sollte ich jetzt einschätzen können, ob sie nicht auch versteckte negative Gefühle mir gegenüber hatte? Wie konnte ich die Personen um mich herum verstehen, wenn ich das große Ganze nicht sah? Nach einigem hin und Her kam ich zu dem Schluss, dass Direktheit das Problem am besten lösen würde.
»Sag mal, warum sind die denn so mir gegenüber? Hast du auch schlechte Erfahrungen gemacht? Muss ich mich vor dir genauso in acht nehmen? Ich meine, du warst nett und aufgeschlossen in der Schule, deswegen möchte ich überhaupt nicht so von dir denken. Trotzdem hoffe ich, dass du mir das nach diesen Ereignissen nachsehen kannst«, plapperte ich drauf los, weil es mir doch unangenehmer war, als erwartet.
Zu meinem Erstaunen schaute Finja mich mit großen, leuchtenden Augen an und ein leichtes, aufrichtiges Lächeln legte sich auf ihre Lippen.
»Ist das dein größtes Problem? Nicht das, was ich bin?«, fragte sie mich schüchtern.
Jetzt schaute ich sie irritiert an, bis mir klar wurde, dass sie davor vermutlich wirklich Angst hatte. Etwas Ähnliches hatte sie auch schon im Flur gesagt. Beschwichtigen hob ich die Hände.
»Ich weiß ja noch nicht mal, was du bist. Bis zum jetzigen Stand bist du einfach Finja für mich – die einzige Person an dieser Schule, die heute wirklich nett zu mir war. Solange du nicht vorhast, mir wehzutun oder dich von mir zu ernähren, habe ich kein Problem mit dir«, sagte ich und meinte es auch genau so. Was sollte es für einen Unterschied machen, was sie war, wenn ihr Inneres jemand Gutes war? Unnötige Angst brachte meistens ausschließlich Nachteile.
Bei meinen Worten fingen Finjas Augen an, noch heller zu leuchten, und füllten sich mit Tränen. Unbeholfen tätschelte ich ihr über die Schuler.
Trotzdem fragte ich unsicher: »Du weinst jetzt aber nicht, weil du vorhattest dich von mir zu nähren?« Man konnte ja nie wissen.
Schnell schüttelte sie den Kopf und antwortete: »Nein, ich bin einfach so unglaublich erleichtert. Seit der Situation mit dem Baum hatte ich solche Sorge, dass das Projekt schon jetzt meinetwegen gescheitert ist. Dass wir uns eine neue Familie suchen müssten und euer Leben umsonst umgekrempelt haben. Dass es vielleicht sogar überhaupt keine zweite Chance gegeben hätte. Es fällt mir einfach ein riesiger Stein vom Herzen.«
Ich wollte noch etwas dazu sagen, aber ließ es sein. Hier war nicht der richtige Ort, um diese Angelegenheit vernünftig zu klären. Außerdem braute ich erst mal eine heiße Schokolade, um die ganze Situation vernünftig zu verarbeiten – sie war dabei immer eine große Hilfe. Mit einer Kopfbewegung machte ich eine auffordernde Bewegung Richtung Finja und zusammen machten wir uns auf den Weg.

Zu Hause angekommen, schaute meine Mutter mich mit großen Augen an.
»Liebes, warum bist du denn schon hier?«, fragte sie mich schockiert, kam auf mich zugeeilt und umrundete mich prüfend, »Verletzungen scheinst du ja nicht zu haben und krank siehst du auch nicht aus.« Jetzt legte sich Verärgerung in ihre Miene, bis sie Finja hinter mir sah. Sofort hellte sich ihr Blick wieder auf und sie lächelte freundlich und mit flötender Stimme, als sie sich vorstellte: »Hallo, ich bin Amelie – Clarissas Mutter. Und wer bist du?«
Schüchtern trat sie hinter mir hervor und stellte sich vor.
»Ich bin Finja, eine neue Mitschülerin von Clarissa. Machen sie Clarissa nicht zu große Vorwürfe. Der Direktor hat uns aus dem Unterricht befreit, weil einige Mitschüler nicht gut mit ihr umgegangen sind. Nach Unterrichtsende wird er vorbei kommen und die Situation erklären. Ich kann aber schon mal klarstellen, dass Clarissa keinerlei Schuld an der Situation hat und lediglich Opfer der Umstände geworden ist. Für diese Umstände möchte ich mich bereits jetzt aufrichtig entschuldigen.«
Das raubte meiner Mutter den Atem und sie blickte mich irritiert an.
»Ja gut, dann weiß ich wohl Bescheid. Ich bin sicher, dass es dafür eine vernünftige Erklärung geben wird. Clarissa, bist du sicher, dass du mir noch nicht erzählen möchtest, was passiert ist?«, fragte sie mich hölzern.
Ich schüttelte den Kopf, als ich antwortete: »Nein, das hat Zeit bis später. Was mir jetzt aber wirklich helfen würde, wäre eine deiner heißen Schokoladen.«
Nun schaute sie noch verwirrter drein, als sowieso schon, denn ich bat sie nur darum, wenn es mir wirklich schlecht ging. Auch wenn mir bewusst war, was diese Bitte auslösen musste und welche Gedanken sie sich nun machen würde, konnte ich in diesem Maent keine Rücksicht auf sie nehmen. Dafür war ich selbst viel zu angespannt.

Zusammen machten Finja und ich uns auf den Weg in meinem Zimmer. Ich würde keine Fragen stellen, bis ich meine Schokolade ausgetrunken hatte und durchgeatmet hatte.
Angespannt saßen wir in meinem Zimmer und auch als Ma ins Zimmer kam mit dem dunklen Gold, lockerte sich die Spannung nicht. Als sie den Raum verließ, schaute sie erneut zurück, als wolle sie etwas sagen, doch verließ uns nur mit hängenden Schultern.
Jetzt tat es mir ein bisschen leid, dass ich ihr nicht die Wahrheit gesagt hatte, doch mir war klar, dass ich vermutlich niemals zu gut erklären könnte, wie Elvas.
Ich merkte immer wieder Finjas Blicke auf mir, wie sie versuchte, ein Gespräch zu starten, und es dann doch wieder sein ließ. Auch sie tat mir ein bisschen leid, trotzdem wollte ich nicht aus Mitleid übereilt etwas sagen. Zuerst musste ich mir alles, was geschehen war, noch mal vor Augen führen.
Punkt eins. In dieser Stadt lebten übernatürliche Wesen.
Punkt zwei. Einige Wesen hatten offensichtlich ein Problem mit Menschen.
Punkt drei. Dilan hatte ein Problem mit Menschen, weil seine Cousine nicht mehr lebte? – War zumindest meine Vermutung.
Das würde zumindest auch erklären, warum er von Anfang an so misstrauisch uns gegenüber war. Gleichzeitig erklärte es jedoch nicht, warum dann Elvas so nett uns gegenüber war, genauso wie sein Bruder. Das war dann wohl nur eine Angelegenheit, die die beiden mir erklären konnten.
Punkt vier. Fluff konnte sich zu einem riesigen Ball aufplustern – was dann den Schluss nahelegt, dass seine Fellfarbe auch nicht unnatürlich ist. Diese Tatsache sorgte dafür, dass mir mein Ausraster vom ersten Tag noch peinlicher war. Aber wer konnte mit so etwas rechnen?
Gedankenverloren nahm ich noch einen weiteren Schluck von meiner heißen Schokolade.
Punkt fünf. Finja schien kein Problem mit mir zu haben. Nein, sie wollte sogar von mir gemocht werden. Entweder hatte sie keine schlechten Erfahrungen mit Menschen gemacht oder war einfach unvoreingenommen.
Punkt sechs. Die Schüler an dieser Schule waren bereit, Gewalt einzusetzen. Das hieß, dass ich entweder der Schule fern bleiben musste, oder versuchen musste, mich zu verteidigen.
Punkt sieben. Ich musste wissen, welche übernatürlichen Wesen hier lebten und inwieweit sie uns gefährlich werden konnten. Ich würde sicher kein Auge mehr zu tun können, wenn ich nicht wusste, ob ich und meine Familie in diesem Haus sicher waren. Dilans verhalten sprach nicht gerade dafür.
Und zuletzt acht und damit letzter Punkt. Ich musste die Frage klären, warum wir überhaupt hier ins Dorf geholt wurden, wenn die Bewohner so schlecht auf uns zu sprechen waren. Auch wenn die Lebensbedingungen hier viel besser waren, als ich zuerst angenommen hatte, rechtfertigte es nicht, dass wir uns Gefahren aussetzen.

Als ich meine Gedanken geordnet hatte, war auch meine heiße Schokolade leer. Jetzt wand ich mich Finja zu und fragte: »Ich bin bereit. Bist du auch bereit für meine Fragen?« Sicher würde sie mir nicht alles beantworten können, aber ich würde wenigstens einen groben Einblick bekommen.
Sie sah nicht glücklich aus, nickte aber vorsichtig. Man sah ihr an, dass sie sich im Inneren wappnete. Ich weiß nicht, wovor sie so große Angst hatte, doch ich hoffte, dass ich ihre Erwartungen nicht erfüllen würde.
»Fangen wir zuerst mit einer leichten Frage an – was bist du?«
Bereits damit schien ich einen Nerv getroffen zu haben, denn sie verzog unglücklich das Gesicht.
Trotzdem antwortete sie: »Ich bin ein Irrlicht.« Unglücklich blickte sie mich dabei an, als würde sie mit den schlimmsten Vorwürfen rechnen.
Sicher, ich kannte Geschichten über Irrlichter, dass sie Menschen durch ihr Leuchten in Sümpfen in den Tod lockten. Doch das waren Geschichten, einfache Geschichten die von Menschen erzählt wurden und bildeten sicher nicht die vollkommene Realität ab.
»Und was bedeutet das?«, fragte ich aufmunternd, in der Hoffnung so mehr zu erfahren.
Finjas Schultern entspannten sich ein wenig, als sie mir ins Gesicht blickte und keine Abneigung fand.
»Wir leben in Sümpfen und können leuchten. So viel weißt du sicher.«
Stumm nickte ich, um sie zum Fortfahren zu bewegen, als sie eine lange Pause machte.
»Also eigentlich sind wir Wächter der Tiere, die dort Leben und des Übergangs in die Anderswelt. Der Ort hier liegt auch auf einem Sumpf, auch wenn man es jetzt nicht mehr erkennt. Jeder Sumpf ist ein Tor in die Anderswelt, wo das Zuhause der meisten übernatürlichen Wesen ist. Außerdem ist es unsere Aufgabe, die Menschen sicher durch diese Gefilde zu führen.«
Wieder nickte ich, um ihr zu signalisieren, dass ich ihr weiter zuhörte, und sie fasste weiteren Mut.
»Es ist so. Manchmal wirkt die Anderswelt zu verlockend auf Menschen. Es kommen Gerüche, Klänge oder Düfte herübergeweht, die sie anziehen. Meistens passiert, dass in den Vollmond- oder Neumondnächten, an welchen der Schleier zwischen den Welten besonders dünn ist. Hier kommen wir ins Spiel. Es ist schon so, dass wir dafür sorgen, dass die Menschen sich irren und nicht mehr ihrem Instinkt folgen. Sie folgen dann uns und kommen wieder aus dem Sumpf heraus – ohne das sie, der Übergang oder die Tiere die dort leben in Mitleidenschaft gezogen werden. Doch ab und zu reicht unser Scheinen nicht aus und sie verlaufen sich trotzdem. Das ist dann der Punkt, an dem sie verloren sind, denn die meisten Menschen kommen aus der Anderswelt nie wieder zurück. Und …«, sie machte eine kurze Pause, als sei sie sich nicht sicher, ob sie den letzten Teil auch noch sagen könnte. Doch dann fasste Finja sich ein Herz: »Und einige unserer Art waren auch so in Hass auf die Menschen, dass sie tatsächlich Menschen in den Sumpf gelockt haben, um sie dort sterben zu lassen. Doch sobald sie erwischt wurden, wurden sie auch schon vor den Rat gestellt und über sie geurteilt. Es ist nicht so, als hätten wir das einfach geduldet«, versuchte sie schnell das Gesagte zu entkräften.
»Alles gut, Finja. Es gibt nicht nur schwarz und weiß, sondern ganz viel grau. Sicher bist du nicht böse, nur weil ein anderer Irrlicht einen Menschen getötet hat. Ich bin ja auch nicht böse, nur weil andere Menschen, Menschen umbringen. Oder ist das bei euch anders? Seid ihr keine Individuen oder ist sowas bei euch genetisch festgelegt?«, fragte ich, als mir bewusst wurde, dass ich einfach von mir auf andere schloss, ohne etwas Genaueres zu wissen.
Bevor ich mich wieder noch weiter in abschweifende Gedanken verlieren konnte, sagte sie schon: »Nein. Das ist bei uns genauso wie bei den Menschen. Wir sind zwar durch Magie verbunden, doch dass seid ihr auch. Ihr könnt das im Gegensatz zu uns nur nicht wahrnehmen.«
Mit großen Augen sah ich sie nun an.
»Wir sind auch durch Magie verbunden?«, fragte ich erstaunt.
Daraufhin lächelte sie leicht und erklärte: »Natürlich. Menschen in früherer Zeit konnten sogar zum Teil darauf zugreifen. Man nannte sie Hexen und Zauberer. Das was ihr jetzt noch davon übrig habt, sind eure Talente oder ein Bauchgefühl, wenn etwas nicht stimmt. Sehr wenige können auch heute noch darauf zugreifen, doch meistens trauen sie sich nicht, weil sie von anderen dafür kritisch betrachtet werden. Außerdem würden sie so in das Blickfeld der Jäger gelangen und das kann ich wirklich niemanden raten.«
Stimmt. Die Jäger hatten Dilan und Cindy bereits erwähnt, doch die hatte ich vollkommen verdrängt.
»Was sind die Jäger?«, fragte ich daher ohne Umschweife.

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