Zwischen Chaos, Funken und magischen Geheimnissen
Kapitel 14: Ob das gut geht?
Beim Klingeln kam ich aus meinem Zimmer in den Flur runter. Als mein Vater Elvas die Tür öffnete, war diesem die Aufregung eindeutig anzusehen. Es wirkte, als würde ihm das Projekt und damit unsere Entscheidung tatsächlich sehr am Herzen liegen. Wahrscheinlich waren wir mit die beste Wahl für dieses Projekt und es würde nicht viele Familien geben, die sich ähnlich gut eigneten.
Daher begrüßte mein Vater ihn mit den Worten: »Du kannst dich entspannen. Wir bleiben hier.«
Meine Mutter, die meinem Vater aus der Küche gefolgt war, wirkte bei diesen Worten genauso unglücklich wie zuvor am Esstisch. Trotzdem erhob sie keinen Einspruch. Ich weiß nicht, worüber sie gesprochen haben, doch ihre Zweifel wirkten noch immer nicht beseitigt. Ich hoffte wirklich sehr, dass es sich noch legen würde. Mir war nicht wohl bei dem Gedanken, dass meine Mutter unglücklich mit dieser Entscheidung war. An einem Ort zu leben, sollte von allen gleichermaßen gefühlt werden und niemandem aufgezwungen werden.
Gleichzeitig merkte ich, wie sich Elvas deutlich entspannte und sich ein tatsächlich freundliches Lächeln auf seinem Gesicht ausbreitete.
»Ich bin ja so erleichtert. Es war schon eine unglaubliche Hürde, euch überhaupt zu finden. Zum Glück bleibt ihr hier. Ich verstehe natürlich, dass die ganzen Umstände euch Angst machen müssen. Daher habe ich einen enormen Respekt davor, dass ihr euch dazu entschlossen habt, hierzubleiben. Ich weiß gar nicht, wie ich euch vernünftig danken soll. Wünscht ihr euch etwas Bestimmtes? Kann ich etwas machen, damit ihr euch hier wohler fühlt?« Er wurde sanft mit einem leichten Druck auf die Schulter von meinem Vater unterbrochen.
»Elvas, das Einzige, was wir uns wünschen, ist, dass wir hier in Sicherheit leben können. Sollte sonst noch etwas sein, werden wir natürlich jederzeit auf dich zukommen. Dafür brauchen wir jedoch jetzt zuerst diese Armbänder. Ansonsten wäre es uns noch wichtig, wenn ihr uns beibringen könnt, uns selbst zu verteidigen. Es ist nicht gut, wenn wir in diesem Punkt ausschließlich von dir, deiner Familie und freiwilligen Helfern abhängig sind.«
Bei diesen Worten verzog sich Elvas Gesicht leicht vor Unbehagen, doch bevor er etwas erwidern könnte, sagte mein Vater bereits: »Es geht nicht darum, dass du uns beibringen sollst, wie wir euch ernsthaft verletzen könnten. Es würde ja schon ausreichen, wenn wir euch bewegungsunfähig machen oder in Ohnmacht versetzen können. Ich möchte gar nicht wissen, welche Waffen euch verletzen oder etwas in die Richtung. Wir müssen nur die Chance bekommen, uns selbst zu schützen. Kannst du das verstehen?«
Zwar wirkte Elvas noch immer nicht vollkommen überzeugt, doch nach einem kurzen Zögern nickte er widerwillig.
»Ich denke, auf diese Bedingung können wir uns einigen. Ich kann schon verstehen, dass ihr euch selbst schützen wollt. Hoffen wir einfach, dass es nicht vonnöten sein wird. Ich werde euch die am wenig schädlichsten Grundlagen beibringen, mit denen ihr euch verteidigen könnt. Damit dürftet ihr nicht in der Lage sein, jemandem nachhaltig zu schaden. Das sollte mit dem Rat vereinbar sein. Ich muss nur noch genau herausfinden, was genau ich euch dann beibringen kann. Ich weiß jedoch, dass es da eine Möglichkeit geben sollte«, erklärte er und wirkte dabei schon vollkommen in seinen Gedanken gefangen. Dann fasste er sich wieder und fragte: »Was haltet ihr davon, wenn ich euch heute das Dorf so richtig zeige. Nicht nur die Geschäfte des täglichen Bedarfs, sondern auch die Geschäfte und Leute, die bis jetzt vor euch verborgen blieben? Vielleicht bekommt ihr dann einen besseren Eindruck davon, was wir tatsächlich zu bieten haben. Vielleicht fühlt ihr euch dann auch ein bisschen heimischer.«
Paul und ich waren von diesem Vorschlag direkt begeistert und schauten unseren Vater mit großen Augen an.
Dieser seufzte nur, als er antwortete: »Vermutlich ist das eine gute Idee. Dann kennen wir uns mal wirklich hier aus. Vielleicht sind die anderen uns gegenüber auch freundlicher eingestellt, wenn sie uns einmal in echt gesehen und erkannt haben, dass wir keine Gefahr sind.« Mit einem leichten Schimmer der Hoffnung schaute er dabei meine Mutter an. Vermutlich setzte er darauf, dass dieser Besuch auch etwas bei ihr ändern würde. Sicher wissen konnte er es natürlich nicht, doch auch ich teilte seine Zuversicht. Wenn sie das alles erst mal mit eigenen Augen gesehen hätte, würde sie bestimmt ihre Ansicht ändern. Bis jetzt ist sie die meiste Zeit im Haus geblieben und wurde noch kaum mit diesem Dorf konfrontiert. Der erste richtige bleibende Eindruck war meine Erfahrung in der Schule. Wie sollte sie da auch unvoreingenommen sein? Immerhin ging es hier um die Sicherheit ihrer Lieben.
Wir trafen uns zusammen vor dem Haus. Zu meinem Erstaunen wartete dort auch Dilan.
»Musst du nicht zur Schule?«, fragte ich perplex.
Ein leichtes Lächeln legte sich auf seine Lippen, als er in einem spöttischen Ton antwortete: »Ich kann diesen ganzen Spaß doch nicht meinem Vater allein überlassen. Außerdem, woher sollte er wissen, wo die angesagten Spots für unsere Altersklasse sind? Dass er in unserem Alter war, liegt bestimmt schon über vierhundert Jahre zurück.«
Zuerst fing ich an, zu kichern, bis mir wirklich bewusst wurde, was er gesagt hatte.
»Vierhundert Jahre?«, fragte ich verunsichert.
Bei meinen Worten verschwand sofort wieder das Lächeln aus seinem Gesicht, denn diese legte nur offen, wie unterschiedlich doch unsere Welten waren.
»Stimmt. Ich hatte ganz vergessen, dass ihr nur eine solch kurze Lebensspanne habt. Das muss dir vorkommen wie eine Ewigkeit«, versuchte er es noch zu retten, doch die Andersartigkeit zwischen uns war in diesem Moment zu eindeutig offengelegt.
Eine unbehagliche Stille breitete sich über uns aus.
Als es zu unangenehm wurde, räusperte sich mein Vater unbehaglich und sagte: »Wollen wir dann mit der Tour anfangen? Ich bin schon wirklich gespannt, was uns jetzt erwartet.«
Uns allen war klar, dass er es nur sagte, um die Stimmung etwas zu lockern. Trotzdem waren wir alle dankbar für dieses Rettungsseil, welches er uns entgegenwarf.
Elvas ergriff es sofort und fing an, zu erzählen: »Wisst ihr, dass unser Dorf hier an dieser Stelle schon vor dreitausend Jahren stand? Es war schon immer ein Treffpunkt von uns und den Menschen. Früher wurde hier reger Handel betrieben, weit bevor es die ersten Jäger gab. Einige der Gebäude, die heute noch hier stehen, sind in ihren Grundmauern noch von den Menschen, die mit uns hier lebten, erbaut.«
Diese Offenbarung erstaunte uns alle, doch bei genauerer Betrachtung verstand ich nicht warum. Es war nur natürlich, dass wir früher zusammengelebt hatten. Doch dann stellte sich wohl eher die Frage, was zu einem solchen Zerwürfnis zwischen unseren Völkern geführt hatte. Doch bestimmt würde ich das zu gegebener Zeit noch erfahren. Ich hatte nicht das Gefühl, dass hier aus den Gründen der Abneigung ein großer Hehl gemacht wurde.
Erstaunlicherweise regten Elvas Worte geradewegs meine Mutter zu einer Frage an: »Haben die Menschen das alleine erbaut, oder mit eurer Hilfe? Mir ist schon aufgefallen, dass hier die Handwerkskunst eine vollkommen andere ist. Viel einzigartiger als unsere.«
Ihre Aufregung schien sie selbst peinlich zu berühren. Daher schaute sie schnell mit geröteten Wangen auf den Boden.
Doch Elvas ging nur zu gerne auf ihre Frage ein: »Es ist eine wilde Mischung und heutzutage kaum noch zuzuordnen. Es ist aber bekannt, dass viele Menschen hier von unseren Meistern unterrichtet wurden und sie teilweise sogar überboten haben und so die Meister dann von unseren Lehrlingen wurden. So ging es immer weiter, bis sich daraus ein gemeinsames Handwerk entwickelte.«
Das schien meine Mutter umso mehr zu begeistern und sie vertiefte sich in ein Gespräch mit Elvas. Da mich Architektur und Handwerkskunst nicht wirklich interessierten, ließ ich mich weiter zurückfallen und schlenderte neben Dilan her.
Als ich ihn einen Moment betrachtete, fielen mir die Unterschiede zu sonst erst richtig auf. Seine Körperhaltung uns gegenüber war vollkommen anders. Normalerweise war er immer angespannt und trug eine grimmige Miene. Doch heute nicht. Heute waren seine Schultern entspannt und er hatte eher einen nachdenklichen Gesichtsausdruck.
Jetzt, wo ich darüber nachdachte, fiel mir auch auf, dass er heute eher sarkastisch, wenn nicht sogar humorvoll war. Nicht so angriffslustig wie sonst.
Bevor ich es verhindern konnte, fragte ich auch schon: »Ist alles gut bei dir?«
Irritiert blickte er mich an, als er antwortete: »Ja. Wie kommst du auf die Frage?«
Bevor ich genauer über meine Worte nachdenken konnte, brachte ich sie einfach hervor. Ich war sowieso nicht der Typ Mensch, der sich gerne den Mund verbieten ließ.
»Du bist heute so anders. Ich erkenne dich kaum wieder. Als hätte man dich mit einem friedlichen Zwilling vertauscht.«
Nun seufzte er nur angestrengt und blickte mich entnervt an.
»Ob du es glaubst oder nicht – das ist mein tatsächlicher Charakter. Ich neige eigentlich nicht dazu, grundlos feindlich zu sein. Außerdem bin ich, vermutlich wider deiner Erwartungen, lernfähig. Ich habe verstanden, dass mein Verhalten bis jetzt nicht in Ordnung war und ich euch nicht dafür verantwortlich machen sollte, was mit Elisa passiert ist. Es heißt nicht, dass ich das jetzt schon perfekt hinbekommen werde. Es heißt eher, dass ich mich bessern möchte. Vielleicht kann ich noch nichts für meine unbewussten Reaktionen, doch ich kann etwas für meine bewussten Entscheidungen. Ich kann ja aber wenigstens versuchen, freundlich zu euch zu sein und so wenig voreingenommen wie möglich«, erklärte er.
Diesmal war ich diejenige, die ihre Stirn runzelte.
»Und das alles wegen gestern?«, fragte ich verunsichert. Mir ist es bis jetzt äußerst selten unter die Augen gekommen, dass Menschen sich von einem auf den anderen Tag grundsätzlich änderten.
Nun wurde sein Blick ernst, als er angestrengt die Luft ausstieß und mir antwortete: »Da du es genau wissen willst. Ich bin überhaupt nicht damit zufrieden, was ich gestern beinahe zugelassen hätte. So jemand möchte ich einfach nicht sein. Egal ob jemand schuldig ist oder nicht, ich bin nicht in der Position, über diese Person zu richten. Und gerade wenn ich bei einer solchen Situation einfach wegschaue und nichts unternehme, mache ich mich genauso schuldig. Bist du jetzt zufrieden?«
Man merkte ihm eindeutig an, dass er nicht ganz zufrieden damit war, dass er mir das alles offenbaren musste, nur damit ich ihn verstehen kann. Daher verstand ich auch nicht so recht, warum er es machte.
»Warum erzählst du mir das?«, fragte ich daher prompt.
»Damit du mir glaubst. Ich mag es nicht, anderen meine Beweggründe zu erzählen, doch ich kann verstehen, warum du mir nicht blind glauben würdest. Daher …«, sagte er nur und zuckte hilflos mit den Schultern.
0 Kommentare