Zwischen Chaos, Funken und magischen Geheimnissen

Kapitel 15: Das unglaubliche Dorf

Als wir im Dorfzentrum war ich im ersten Moment weniger überwältigt, als ich dachte. Elvas Erzählungen auf dem Weg hatten mir weit mehr Hoffnungen gemacht, als hier tatsächlich zu sehen war. Bis der Moment kam, indem er uns die Armbänder aus Talisgold überreichte.
In dem Moment, als es meine Haut berührte, konnte ich meinen eigenen Augen nicht mehr trauen. Es wirkte, als hätte sich ein Graufilter von meinen Augen gelöst und ich könnte das Bild zum ersten Mal in seiner vollen Farbenpracht sehen. Nur dass die Gebäude tatsächlich geschmückter waren und von Pflanzen überwuchert, die ich nicht kannte. Außerdem flogen unglaublich viele, kleine, leuchtende Bällchen durch die ganze Luft. Als würden überall Pollen sein, jedoch sahen sie doch nicht ganz so aus. Und auch die Leute um uns herum sahen nicht mehr so aus wie vorher. Sie hatten unterschiedliche Hautfarben und Texturen. Einige von ihnen hatten Hörner oder Schwänze. Auch ihre Haare waren zum Teil nicht mehr mit normalen Haaren vergleichbar. Eine Frau hatte eher Haare, die an Algen erinnerte, anstatt an richtige Haare. Insgesamt waren es bei all den Leuten so viele Kleinigkeiten, dass mir fast die Übersicht fehlte, alles genau in mich aufzunehmen.
Dann traf mein Blick auf Dilans und ich las Skepsis in seinen Augen. Als würde er jeden Moment damit rechnen, dass ich schreiend weglief. Doch je länger wir uns in die Augen schauten, desto mehr wurde aus der Skepsis Überraschung. Was er auch immer in meinem Blick sah, war nicht das, was er erwartet hatte.
Jetzt betrachtete ich ihn das erste Mal genauer und mir blieb tatsächlich der Mund offen stehen. Ich weiß nicht, was ich erwartet hatte, doch er war noch schöner als zuvor. Seine Haut war von einem leichten, goldenen Schimmer überzogen. Nicht aufdringlich, eher als würde sie von innen heraus strahlen. Außerdem konnte ich hinter seinem Rücken zwei kaum zu erkennende Flügel ausmachen. Sie waren fast durchsichtig und hatten eine gewisse Ähnlichkeit mit Libellenflügeln. Trotzdem wirkten sie eher, als würden sie fließen wie ein Bach. Seine grünen Augen erinnerten nun eher an einen lebendigen Wald sowie seine braunen Locken an gesunde Baumstämme. Wenn ich an ansah, konnte ich nur an einen sommerlichen Wald mit einem Fluss denken, der eine angenehme kühle, an einem heißen Tag verströmte. Alles an ihm strahlte genau das aus, was ich in ruhigen Momenten am meisten liebte.
Doch dann verfinsterte sich seine überraschte Miene wieder und er wand sich von mir ab. Dies löste mich aus meiner Starre und ich erklärte schnell: »Es tut mir leid. Ich wollte dich nicht so anschauen. Du siehst nur wie mein Lieblingsplatz aus.«
Als mir bewusst wurde, was ich soeben gesagt hatte, lief ich knallrot an und wand mich schnell von ihm ab. Doch nicht schnell genug, um zu sehen, wie er sich wieder mir zu wand und sich ein leichtes Schmunzeln auf seine Lippen legte. Auch die leichte Röte auf seinen Wangen entging mir nicht.
Trotzdem fielen wir beide in eine unangenehme Stille, denn keiner von uns wusste so recht, was er zu meiner Offenbarung sagen sollte.
Zum Glück kam Paul uns mit seiner Aufregung zu Hilfe.
»Class, kannst du das auch sehen?«, fragte er mich und blickte mich mit großen, glänzenden Augen an.
Seine Begeisterung zauberte auch mir ein Lächeln auf das Gesicht. Egal, was auch sonst noch passieren mochte, seine unschuldige Neugier konnte mich immer mitreißen.
Offenbar teilte auch Dilan meine Ansicht, denn er fragte: »Was möchtest du dir zuerst anschauen?«
»Was gibt es denn alles?«, fragte Paul ganz aufgeregt.
»Es gibt einen Laden, da singen die Blumen. Dann gibt es noch einen voller Lebewesen, welche du noch nie in deinem Leben gesehen hast oder einen mit Süßigkeiten, die dir das Wasser im Mund zusammenlaufen lassen. Ein Laden hat sogar mit Magie belegte oder hergestellte Spielsachen, doch ich weiß offen gestanden nicht, ob manche davon zu gefährlich für euch sind.«
Mit jedem Wort, was Dilan von sich gab, wurden Pauls Augen noch größer und ein noch breiteres Grinsen zierte sein Gesicht. Doch bevor die beiden sich aufmachen konnten, um wahrscheinlich alles zu erkunden, was Dilan vorgeschlagen hatte, hielt Elvas die beiden auf.
»So lustig es auch klingt, was ihr davor habt, sollten wir uns doch erst mal zusammen die Stadt ansehen und welche normaleren Läden es noch gibt. Vielleicht wäre es auch ratsam, dass ihr euch alle an das gewöhnt, was ihr nun seht.«
Als ich Elvas betrachtete, erkannte ich, dass er sich im Gegensatz zu allen anderen kaum verändert hatte.
Als hätte er meinen prüfenden Blick auf seinem Körper gespürt, erklärte er: »Ich trage permanent einen Zauber, der auch nicht mit Talisgold durchschaut werden kann. Tatsächlich gehöre ich zur Adelsfamilie des Elfenhauses und wenn man dort ein paar Jahrhunderte gelebt hat, hat man so viel Magie angesammelt, dass diese Ausstrahlung sogar unser Volk irritieren könnte. Daher ist es leichter für uns alle, wenn ich ein gewisses Maß an Diskretion zu jederzeit walten lasse.«
Erstaunlicherweise wirkte er überhaupt nicht abgehoben, als er das sagte. Dilan hingegen wirkte peinlich berührt. Als sei etwas über ihn offenbart worden, was er lieber geheim gehalten hätte.

Zusammen machten wir uns auf zu den unterschiedlichsten Geschäften. Zuerst besuchten wir ein kleines Café, welches lustigerweise von Finjas Mutter betrieben wurde. Sie stelle sich uns als Lillian vor und machte uns allen ein Getränk unserer Wahl für den weiteren Weg fertig. Dabei gab es die normalen Sorten, die man auch bei uns in jedem Café bekommen würde, doch auch ein paar besondere wie den Pollenfrappuccino oder einen Glimmer Thai Latte. Es standen sogar noch einige andere zur Auswahl, unter denen ich mir jedoch nichts vorstellen konnte. Daher bestellte ich mir einen Pollenfrappuccino und hoffte darauf, dass ich nicht total daneben griff.
Es schmeckte viel besser, als ich erwartet hatte. Als hätte man dem ganzen einfach eine fruchtige Note untergejubelt, die jedoch nicht so sehr herausstach, dass es zu auffällig war und dem ganzen Getränk seinen ureigenen Geschmack weggenommen hätte. Daher nahm ich mir vor, in Zukunft öfter herzukommen und mich durch die gesamte Karte zu probieren.
Als wir nun aus dem Café traten, nahm ich mir zum ersten Mal richtig Zeit, diese Stadt genauer zu betrachten. Es gab einen Dorfplatz, in dessen Mitte ein großer Brunnen stand. Dieser hatte eine mittlere Säule, die von drei Frauen gebildet wurden. Sie alle waren auf ihre weise wunderschön. Eine von ihnen hatte eine Schwanzflosse, eine Kiemen und Schuppen und die Dritte sah einfach aus, wie ein ganz normaler Mensch.
Die erste schoss Wasser aus ihren Händen, die zweite aus ihrem Mund und die dritte kippte einfach nur Wasser aus einem Krug in das Becken. Ich nahm mir vor, später jemanden zu fragen, was sie drei jeweils genau darstellten. Besonders interessierte mich aber die Frau, die in meinen Augen verhältnismäßig normal wirkte.
Der Rand des Brunnens selbst war mit gemeißelten, aber auch echten Pflanzen verziert. Von dem Brunnen weg führten vier Wege, welche von Grünflächen getrennt waren, die immer unterschiedlich dekoriert waren. Doch alle waren zum Ausruhen und Entspannen gedacht, boten Sitzmöglichkeiten sowohl für einzelne Leute als auch für Gruppen.
Nach diesen Flächen wurden die Wege wieder durch einen gepflasterten Kreis zusammengeführt, doch immer wieder waren einzelne Flächen ausgespart, an denen Pflanzen genug Raum zum Wachsen gegeben wurden. Viele von ihnen wirkten sogar überhaupt nicht bewusst gepflanzt, sondern eher, als wäre ihnen ausschließlich freier Raum zur Entfaltung gelassen worden.
Auch die Geschäfte selbst waren von unterschiedlichsten Rankenpflanzen in allen möglichen Farben überwuchert, was den ansonsten so durchmischten Gebäuden von altertümlich bis schon eher futuristisch trotzdem ein einheitliches Antlitz verschaffte.
Gedankenverloren fragte ich flüsternd, eher an mich selbst gerichtet: »Was sind wohl diese ganzen kleinen Lichter, die hier überall umherschweben?«
Als plötzlich neben mir Elvas Stimme erklang, zuckte ich erschrocken zusammen.
»Das sind die Pollen der Pflanzen, die hier wachsen. Doch darin versteckt wird auch die eine oder andere Pixie sein, sowie unterschiedlichste kleine Insekten und Kleinsttiere, die du mit bloßem Auge vermutlich noch nicht mal erkennen würdest. Eine Lupe könnte dir da bestimmt weiterhelfen«, fügte er noch schmunzelnd hinzu.
»Wie meinst du das?«, harkte ich nach.
»Naja, du hast ja Fluff gesehen. Wenn sie noch ganz kleine Schlumpflinge sind, sind sie nur so klein wie ein Staubkorn und werden von dem Wind durch die Wälder gerieben. Sie entstehen aus einer speziellen Pflanze, die dann von Nicklings bestäubt wurden. Daher ändert sich auch seine Fellfarbe, je nachdem, was er gerade zu sich nimmt, und die Intensität seiner Farbe durch seine Laune. Es gibt noch viele weitere solche Tierchen«, erklärte er.
»Aber ist das nicht gefährlich für sie, wenn sie so klein sind? Können sie dann nicht einfach aus Versehen eingeatmet werden?«, fragte ich sehr besorgt. Die Vorstellung, dass ich einen kleinen Fluff einatmen könnte, ließ mich ziemlich unwohl fühlen.
Bei meiner Frage musste er leicht Schmunzeln.
»Mach dir da mal keine Sorgen. Der Luftstoß, den dein Atem erzeugt, reicht in der Regel dafür aus, dass sie schon wegfliegen. Zusätzlich haben sie aber auch eine automatische Teleportmagie, welche die Schlumpflinge aus brenzligen Situationen verschwinden lässt. Das heißt, selbst wenn sie in deine Atemwege kommen, sollten sie einfach schon von ihrer Magie gerettet werden. Um alles andere würde ich mir an deiner Stelle keine Gedanken machen. Oder achtest du auf jede Ameise, die dir über den Weg läuft?«, erklärte er mir.
Der Vergleich mit den Ameisen behagte mir zwar nicht ganz, doch ganz Unrecht hatte er damit nicht. Wenn wir so groß waren, konnten wir einfach nicht auf jedes kleinste Lebewesen achten, egal wie sehr wir es wollten. Der Gedanke machte mich zwar irgendwie traurig, doch ich war realistisch genug, um mich davon nicht vollkommen gefangen nehmen zu lassen.

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