Zwischen Chaos, Funken und magischen Geheimnissen

Kapitel 17: Die Ängste eines Mädchens

Kaum, dass wir die Schule erreichten, wurde ich auch schon stürmisch umarmt. Diese Umarmung war so fest, dass ich einen Moment dachte, dass ich angegriffen werde.
Doch bevor ich in Panik verfallen konnte, sagte Dilan schon: »Lass sie los, Finja. Außer du hast Lust, dich jetzt schon mit meinem Vater anzulegen. Dann kannst du natürlich gerne so weiter machen.«
Sofort, als er Finjas Namen sagte, beruhigte sich mein Herzschlag, sodass Elvas zum Glück nicht gerufen wurde. Doch bevor ich auch nur eine Chance zur Reaktion bekam, flötete Finja schon los: »Ich bin so froh, dass du wieder da bist. Dilan sagte mir zwar, dass du wiederkommst, doch ich war mir da nicht ganz so sicher. Ich musste es erst mit eigenen Augen sehen, bevor ich es glauben konnte. Und jetzt stehst du tatsächlich hier!«
Den letzten Teil schrie sie laut und hüpfte dabei aufgeregt auf und ab.
Langsam drehte ich mich zu ihr um, doch das Lächeln auf meinen Lippen gefror, als ich sie ansah. Wenn ich bereits Dilan wunderschön fand, so gab es für Finja keine Worte. Ihre Haut war blauschwarz, wie der Nachthimmel. Über ihrer Haut waren kleine, weiße Punkte verteilt, als würden auf dieser Sterne leben. Ihre Augen hatten die Farbe von Orchideen. Ihre Lippen die Farben von Abendrot. Als sie bemerkte, dass ich sie anstarrte, wurden ihre Wagen von einem regenbogenfarbenen Schimmer erhellt, als hätte man einen zu kräftigen Highlighter auf ihren Wangen verteilt.
Verunsichert wich sie ein paar Schritte zurück und blickte Hilfe suchend zu Dilan.
»Warum starrt sie so?«, hörte ich sie leise zu Dilan flüstern.
»Sie trägt jetzt Talisgold«, erklärte er genauso leise.
Doch diese Erklärung schien ihr auszureichen, denn ihre Lippen formten sich zu einem kleinen O und Erkenntnis huschte über ihre Züge.
»Du musst keine Angst haben …«, setzte sie an zu erklären, doch ich unterbrach sie abrupt: »Du bist so schön«, hauchte ich leise.
Schnell schüttelte ich meinen Kopf, um wieder klare Gedanken fassen zu können. Ich hatte rein instinktiv gehandelt, indem ich sie in dem, was sie sagen wollte, unterbrochen hatte.
»Sag jetzt nicht so was wie: ›Ich weiß, dass ich auf dich anders wirken musst, aber ich bin immer noch die Gleiche.‹ ›Mein Aussehen macht dir bestimmt Angst, die brauchst du aber nicht haben.‹ ›Meine Andersartigkeit könnte abschreckend auf dich wirken, aber versuch darüber hinweg zu sehen.‹ Das würde mich jetzt wirklich sauer machen. Du bist wirklich schön. So jemanden Unglaubliches wie dich habe ich noch nie gesehen. Mach dich jetzt nicht runter, nur weil du denkst, dass du mir ein gutes Gefühl vermitteln müsstest«, sagte ich in voller Empörung.
Sowohl Finja, als auch Dilan schauten mich an, als hätten sie mich gerade zum allerersten Mal gesehen. Doch als Finja meine Worte zu begreifen schien, traten Tränen in ihre Augen und sie warf sich mir mit vollem Körpereinsatz entgegen. Überrumpelt taumelte ich ein paar Schritte zurück und hielt hilflos die Hände in die Luft. Bis ich an meiner Schulter ein Schluchzen vernahm. Dann tätschelte ich ihr tröstend den Rücken. Doch mein Versuch war mehr schlecht als recht. Mit einem verwirrten Blick schaute ich Dilan an, doch auch er sah betreten zur Seite.
»Was ist denn jetzt los mit euch beiden?«, fragte ich verunsichert, weil ich nicht wusste, woher auf einmal diese Stimmung kam.
Finja löste sich von mir, packte mich an den Schultern und schaute mich ernst an. Dann sagte sie: »Vor uns haben Menschen in der Regel wirklich Angst. Wenn sie uns nachts sehen, können sie meist nur unsere Zähne oder Augen sehen. Daher kommt auch der Name, den ihr uns gegeben habt. Irrlicht. Diese Körperteile von uns leuchten so sehr, dass ihr kaum unseren Körper ausmachen könnt. Vor allem in tiefster Nacht. Doch sobald ihr uns mal am Tag erblickt, habt ihr besonders große Angst vor uns, weil unsere Hautfarbe und dadurch unsere Andersartigkeit, euch direkt ins Auge fällt. Nur die wenigsten von euch – ehrlich gesagt ist mir keine einzige Geschichte bekannt – nehmen sich die Zeit uns genauer zu betrachten. Wenn wir im Wald gesehen werden, rennen die meisten schon weg, ohne nachzufragen. Dass du mich jetzt schön nennst, ist einfach unfassbar für mich. In meiner Lebensrealität war eine solche Reaktion nicht möglich. Es war nichts, womit ich gerechnet habe. Ich hatte Sorge, dass du dich von mir abwenden würdest. Obwohl, dafür bist du ganz offensichtlich zu nett. Vielleicht hättest du mich dann eher so unoffensichtlich wie möglich nicht angeschaut. Wärst freundlich zu mir gewesen, mein Anblick hätte dich aber verschreckt. Selbst unter meines Gleichen ist es nicht immer leicht. Sie meinen, dass wir nicht so natürlich aussehen wie sie, doch was gibt es Natürlicheres als den Tag-Nacht-Wechsel?«
Mir wurde sofort klar, dass dieses Thema wohl eine große Wunde in ihrem Leben war. Die Vorstellung, dass selbst unter ihnen selbst so viel Ablehnung herrschte, machte mich unglaublich traurig. Gerne hätte ich ihr was Aufmunterndes gesagt, doch mir fehlten die passenden Worte. Ich kannte mich nicht damit aus und war daher doch damit überfordert.
»Mach dir über diese Idioten keine Sorgen. Du weißt, dass sie eine Minderheit sind und damit nicht im Recht sind. Gerade von Leuten wie Cindy solltest du dich nicht verunsichern lassen. Du bist eintausend von ihnen wert«, sagte Dilan schroff.
Offensichtlich hatten sie dieses Thema schon öfter.
»Diese Leute bilden sich nur etwas auf ihren Status ein und leisten kaum noch etwas für die Gesellschaft. Ganz anders als ihr. Ihr beschützt uns und helft tatkräftig dabei, unsere Welt geheim zu halten. Das sollen die anderen erst mal nachmachen. Ihre Ahnen haben vielleicht in einem Krieg gegen die Jäger Großes bewirkt und das ist alles, worauf sie sich noch ausruhen. Das ist nicht besonders viel wert – meiner Meinung nach. Außerdem fühlt sie sich vermutlich einfach von dir eingeschüchtert. Es ist schon schwierig, so unglaublich wie du zu sein.«
Bei seinen letzten Worten konnte Dilan ein Schmunzeln nicht mehr unterdrücken. Trotzdem schienen seine Worte kaum Einfluss auf sie zu haben, denn mit hängenden Schultern drehte Finja sich zu ihm um und sagte: »Ich weiß, dass du es gut meinst, doch die Realität zeigt mir etwas anderes. Du weißt, dass viele abweisend zu mir sind und mich wie eine Aussätzige behandeln.«
Prompt wurde er wieder ernst und erwiderte: »Das liegt nicht an deinem Aussehen, sondern an den Lügen, die Cindy über dich verbreitet. Das solltest du doch mittlerweile durchschaut haben.«
Widerwillig nickte sie und wirkte noch immer nicht sonderlich überzeugt.
»Was sind das denn für Lügen?«, fragte ich neugierig. Mir gefiel es nicht, dass Lügen über Finja verbreitet wurden. Außerdem wollte ich, wenn ich mit solchen konfrontiert wurde, angemessen darauf reagieren können. Nämlich indem ich die Leute mit der Wahrheit in den Boden stampfte.
Beide wirkten jedoch unbehaglich.
Daher bohrte ich weiter nach: »Ich werde es vermutlich so oder so erfahren. Haltet ihr es nicht für besser, wenn ich eure Perspektive zuerst kenne?«
Nervös trat Finja von einem auf den anderen Fuß, während sie Hilfe suchend zu Dilan blickte. Dieser zuckte nur unaussagekräftig mit den Schultern und bedeutete ihr damit, dass es vollkommen in ihrer Entscheidung lag.
»Also… Ähm…«, fing sie an zu stottern.
»Jaaaa?«, fragte ich auffordernd.
»Ich stehe auf Mädchen«, brachte sie hervor und schaute mich dabei mit ihren riesigen, violetten Augen verängstigt an.
»Ok. Und was hat deine sexuelle Orientierung hiermit zu tun?«, fragte ich und war ernsthaft verwirrt.
Zwar war mir durch Hörensagen bewusst, das in unserer Gesellschaft noch Ablehnung herrschte, doch gerade in unserer Generation war mir kein realer Fall unter die Augen gekommen. Selbst die mit den verquertesten Ansichten in meiner alten Schule hatten damit kein Problem gehabt. Allein die Vorstellung, dass es hier anders sein sollte, jagte mir einen unwohlen Schauer über den Rücken. Doch Finjas Blick bestärkte nur meine schlimmsten Befürchtungen.
»Wir sind so wenige, da wird das nicht gerne gesehen. Es ist nicht direkt verboten, sorgt aber für einen deutlichen Abfall in der gesellschaftlichen Stellung«, erklärte Dilan, als Finja nur unruhig durch die Gegend sah.
Offensichtlich stärkte seine Offenlegung ihr Selbstbewusstsein genug, damit sie weiter erklärte: »Früher waren Cindy und ich noch gut befreundet. Bevor sie so eine komische Zicke geworden ist. Es gab da sogar Momente, in denen ich dachte, dass mehr zwischen uns sein könnte. Als ich ihr dann meine Gefühle gestand, änderte sich alles. Sie wies mich sofort ab und begann an, mein Geheimnis überall in der Schule rumzuerzählen. Sie sagte, ich hätte sie bedrängt, ihr einen Kuss aufgezwungen und noch viel viel schlimmere Sachen. Das tat sie alles, um sich möglichst weit von mir abzugrenzen. Doch bei mir hinterließ es irreparablen Schaden. Seitdem ist kein Schultag mehr wie vorher. Die meisten Schüler, bis auf ein paar wenige Ausnahmen, versuchen sich von mir fernzuhalten oder ziehen über mich her, nur damit nicht der Eindruck erweckt werden könnte, dass sie kein Problem damit haben oder genauso sind wie ich.«
Noch immer schaute sie mir dabei nicht in die Augen. Dadurch merkte ich erst recht, wie schlimm es sie mitnahm.
»Bei mir musst du dir darum keine Sorgen machen«, sagte ich scherzhaft, »In eurer Gesellschaft bin ich sowieso eine ausgestoßene. Dein schlüpfriger Ruf wird nicht schlimmer sein als das, was die Leute hier von mir halten.«
Der Schalk in meiner Stimme konnte nicht überhört werden.
»Ausgestoßene müssen doch zusammenhalten«, fügte ich noch hinzu und stellte mich so in ihr Blickfeld, dass die mir nicht mehr ausweichen konnte.
»Hast du mich verstanden?«, fragte ich nun ernst, denn ich wollte nicht, dass diese Unsicherheit auch mir gegenüber in ihr herrschte.
Ich konnte vielleicht nichts daran ändern, wie sich die anderen ihr gegenüber verhielten. Doch ich hatte Einfluss darauf, ob sie sich in meiner Gegenwart wohlfühlte und ihre Ängste loslassen konnte.
Langsam nickte sie, wirkte dennoch nicht so richtig überzeugt.
Tief atmete ich durch. Ich hätte mir nicht vorstellen können, dass unter so einer freundlichen, fröhlichen Fassade so viel Angst stecken könnte.
»Hör zu. Ich stehe nicht auf Frauen, aber mir ist es trotzdem vollkommen egal, worauf du stehst. Ich habe keine Angst davor, dass du dich in mich verlieben könntest. Ich verliebe mich schließlich auch nicht automatisch in jeden Mann, mit dem ich etwas zu tun habe. Ehrlich gesagt habe ich mich noch niemals verliebt. Interesse? Ja. Körperliche Anziehung? Ist auch schon öfter vorgekommen, als mir lieb war«, bei diesen Worten konnte ich nicht verhindern, dass mein Blick ganz kurz Dilan streifte. »Mir ist bewusst, dass man sich das nicht wirklich aussuchen kann. Daher ist die einzige Sache, um die ich dich bitte, dass wenn du jemals Interesse an mir haben solltest – wovon ich jetzt mal nicht ausgehe – du dir zuliebe offen mir gegenüber damit umgehst. Damit wir dann zusammen eine Lösung finden, wie unsere Freundschaft dann erhalten werden kann. Und sei es, dass wir dann eine Pause einlegen müssen, bis du diese Gefühle nicht mehr hast. Ich werde dann auf dich warten, bis du bereit bist. Also selbst sollte erneut so etwas passieren wie mit Cindy, brauchst du bei mir keine Angst haben, mich zu verlieren. Ich werde für dich da sein, wenn du das möchtest, egal wie du zu mir stehst. Ok, sagen wir nicht ganz egal. Mit Arschlöchern möchte ich nämlich nichts zu tun haben.« Auch bei diesem Teil konnte ich nicht verhindern, dass mein Blick zu Dilan glitt. Doch diesmal ließ ich ihn bewusst auf ihm ruhen. Er zuckte nur ertappt zusammen und wich meinem Blick aus.
Als ich diesmal wieder zu Finja sah, waren wieder Tränen in ihren Augen. Doch auf ihren Lippen lag ein leichtes Lächeln.
»Dank, Class«, wisperte sie nur, strich sich mit den Handrücken die Tränen weg und harkte sich bei mir unter.
In ihrem typischen, lockeren Ton sagte sie dann: »Dann lass uns mal zusammen in die Schule gehen und den anderen Schülern die Stirn bieten. Zwei Aussätzige zusammen werden sicher für viel Gesprächsstoff sorgen.«
Bei ihren letzten Worten mussten wir beide anfangen zu giggeln.

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