Dalia – Das Erwachen: Kapitel 1
»Mein herzliches Beileid zu deinem Verlust. Deine Mutter war ein toller Mensch. Ich kannte sie noch aus der Schulzeit. Sie war immer lebensfroh und hat die Freude mit allen geteilt. Es ist so grausam, dass sie sich selbst umgebracht hat. Bei ihrem sonnigen Gemüt kaum zu glauben«, sagt eine Frau, welche ich nicht kenne. Meine Mutter hat nie über sie gesprochen, wie über so viele, die heute ihr Beileid bekundet haben. Aber eine Tragödie zog schon immer den Abschaum der Gesellschaft an. Trotzdem zwinge ich das gleiche traurige Lächeln in mein Gesicht, welches ich heute schon den ganzen Tag zeige und sage so freundlich ich kann: »Danke. Das bedeutet mir viel.« Natürlich bedeutet es mir nichts, genauso wie den Menschen meine Worte auch nichts bedeuten. Müde schaue ich auf. Es wartet noch eine lange Schlange mit falschen Trauerbekundungen vor mir.
Weinen kann ich heute nicht mehr. Meine Tränen für den Tag sind aufgebraucht und niemand hat heute Tränen mit mir geteilt. Trotzdem sind sie alle gekommen und wollen Teil von dem tragischen Selbstmord meiner Mutter sein. Natürlich kannten sie alle besonders gut, waren so gut mit ihr befreundet und jeder kannte ihr besonders sonniges Gemüt und natürlich war es mit diesem Gemüt unvorstellbar, dass sie sich jemals etwas antun würde.
Natürlich denken und sagen sie das, weil niemand meine Mutter richtig kannte. Diese sonnige strahlende Seite ist eine Seite von ihr gewesen. Aber wie bei jedem Menschen nur eine Facette eines ganzen Charakters. Sie hatte auch andere Facetten. Eine davon ist ein tieftrauriges und deprimiertes Gemüt gewesen. Sie hat zwar versucht, mir dieses nicht zu zeigen, und trotzdem habe ich sie oft genug so gesehen. Mich hat es nicht so sehr überrascht, wie die all die anderen Menschen, die jetzt so geschockt und verstört sind. Im letzten halben Jahr ist es viel schlimmer mit ihr geworden, sie hat sich zurückgezogen, ist schreiend in der Nacht aufgewacht und hat sich tagsüber nur mit Tabletten über Wasser gehalten. Trotzdem bin ich tief erschüttert.
Vor drei Monaten hat sie das erste Mal versucht, sich das Leben zu nehmen, und ist darauf hin in eine Klinik gegangen. Sie ist mit guten Worten und als nicht mehr gefährdet von den Therapeuten entlassen worden und hat sich auch ,ohne zu zögern, von mir das Versprechen abnehmen lassen, sich so etwas nie wieder anzutun. Sie hat mir versprochen, das Licht ihres Lebens, ihr Kosename für mich, niemals allein zu lassen.
Jedoch konnte mein Licht anscheinend nicht hell genug leuchten, um ihre Dunkelheit zu besiegen. Ich habe sie morgens in ihrem Bett gefunden, mit Schaum vor dem Mund und den Pulsadern aufgeschnitten. Sie ist sicher gegangen und hat eine Überdosis an Schlaftabletten genommen. Niemand sollte sie dieses Mal retten können.
Seit diesem Tag durchdringt mich eine Kälte gepaart mit einer tiefsitzenden Verzweiflung. Ohne direkten Auslöser fange ich seitdem immer wieder an zu weinen und habe Schwierigkeiten mich wieder einzukriegen. Kein bisschen Glück und Freude können mehr zu mir durchdringen. Ich existiere einfach nur noch und laufe auf Autopilot, außer wenn mich die Angst, der Schmerz oder Verzweiflung in die Realität zurückziehen.
Ein schriller Schrei reist mich aus meinen Gedanken. Schnell schaue ich mich um, auf der Suche nach der dunklen Gestalt, welche sich seit dem Tod meiner Mutter immer einmal pro Tag zeigt. Natürlich auch jetzt, bei der Trauerfeier. Die Gestalt steht gut dreißig Meter von mir entfernt, in einen dunklen Umhang gehüllt und nachdem der Schrei verklingt, legt sich ein schauriges Lächeln auf dessen Lippen. Ich verziehe den Mund, versuche, meinen in die Höhe geschossenen Puls zu verlangsamen, und atme tief durch. »Es ist nur eine Halluzination«, sage ich mir in Gedanken. Niemand der Gäste soll meine Panik mitbekommen.
»Du schließt jetzt kurz die Augen, zwingst dich, dich von der Gestalt abzuwenden. Sobald du die Augen wieder öffnest, wird sie auch schon wieder verschwunden sein.«
Es ist schwer, meiner eigenen Anweisung zu folgen, aber ich weiß, dass dies die einzig richtige Entscheidung ist. Also atme ich nochmal tief durch und schließe meine Augen voller Unbehagen. Genauso wie meine Therapeutin es mir gesagt hat. Diese Technik hat bis jetzt auch noch nie ihre Wirkung verfehlt. Trotzdem fällt es mir jedes Mal schwerer die Augen zu verschließen und nicht auf diese Gruselgestalt zuzugehen. Erleichtert öffne ich die Augen und atme aus. Auch dieses Mal ist der fast schon magische Sog verschwunden.
Heute gibt es keinen Totenschmaus für die angeblich guten Freunde meiner Mutter. Ich habe mich entschlossen, diese Tradition ausfallen zu lassen, da wir keinen wirklichen Bezug zu diesen Menschen haben. Meine Mutter und ich haben keine Verwandten mehr, außer meiner Patentante Patti. Diese habe ich aber auch schon seit Jahren nicht mehr gesehen. Sie ist zu Ihrem Freund nach Australien gezogen, die beiden haben geheiratet und sie hatte dort ihr eigenes Leben aufgebaut. Ich habe zwar versucht Patti zu kontaktieren, damit sie wenigstens Bescheid weiß, konnte sie aufgrund veralteter Kontaktdaten leider nicht erreichen.
Die Eltern meiner Mutter sind bei einem Autounfall ums Leben gekommen. Meine Mutter war auch ungefähr in meinem Alter, als diese Tragödie passierte. Daher kann ich ihre Tat noch weniger verstehen. Sie hat mir das Gleiche angetan, was ihr in meinem Alter vom Schicksal angetan wurde. Vor Schmerz zieht sich mein Brustkorb erneut zusammen und ich versuche ruhig zu atmen. Doch es will mir nicht so recht gelingen.
Ab jetzt bin ich allein, denn auch einen Vater gibt es in meinem Leben nicht. Meine Mutter und ich haben auch sehr selten über ihn gesprochen. Sie sagte immer, dass er die große Liebe ihres Lebens gewesen sei. Seine Eltern sind gegen diese Beziehung gewesen und haben es geschafft, die beiden zu trennen. Selbst als meine Mutter Wochen später auf sie zugegangen ist, um ihnen zu sagen, dass sie mit mir schwanger ist, wurde sie keines Blickes gewürdigt.
Nur ein paar Tage später, haben seine Eltern ihr eine stattliche Summe geboten, damit sie mich abtreibt. Sie hatte sich geweigert. Hinterher haben sie ihr das Geld angeboten, wenn sie niemals jemanden sagt, wer mein Vater ist. Sie musste sogar einen Vertrag unterschreiben, in welchem sie bestätigte, dass sie es noch nicht mal mir sagen würde.
So bleibt es selbst nach ihrem Tod ein Geheimnis. Sie hatte den Vertrag nur unterschrieben, da er kein Interesse geäußert hat, mich kennenlernen zu wollen oder das Leben mit uns zu teilen. So wollte sie wenigstens mir die beste Möglichkeit geben, etwas aus meinem Leben zu machen.
Ich verstehe es, auch wenn ich es in jungen Jahren gerne gewusst hätte, wer mein Vater ist. Wenn er nicht Teil unseres Lebens sein wollte, so konnte wenigstens der Reichtum seiner Familie dazu beitragen, dass wir ein sorgenfreies Leben gehabt haben. »Zumindest sorgenfrei bis jetzt«, denke ich sarkastisch.
Traurig betrachte ich das große dunkle Haus, welches nur zehn Laufminuten vom Friedhof entfernt ist. Für Andere mag es gruselig wirken, mit seinen dunklen Holzbrettern und seinem Turm, doch ich habe mich hier immer heimisch gefühlt. Dies ist schon das Haus meiner Großeltern und davor ihrer Eltern gewesen. Natürlich haben meine Mutter und ich es von innen modernisiert, überall modernisierte Leitungen drin, eine sehr gute Internetverbindung zu uns legen lassen, Solarpaneelen auf dem Dach angebracht und die Räume hell und freundlich gestrichen. Außerdem haben wir einen großartigen Garten, mit Obstbäumen und Feldchen. Wir konnten uns selbst mit den meisten Lebensmitteln versorgen und nur ab und zu mussten wir etwas in dem dreißig Minuten entfernten Dorf einkaufen gehen. Wir lebten fast vollkommen autark und das gefiel mir, da wir immer viel Spaß zusammen hatten.
Sogar meine Schulbildung hat meine Mutter übernommen. Die nächste Schule war bei besten Bedingungen eine Stunde entfernt und das hieß, wenn meine Mutter mich jeden Morgen mit dem Auto zur Schule gefahren hätte. Daher hatte sie damals kurzerhand beschlossen, mich von Zuhause aus zu unterrichten und hat mich nur für die Jahresabschlussprüfungen zur Schule gefahren. Als ich klein war, habe ich das natürlich nicht verstanden und wollte Freunde finden. Einen Kindergarten gab es im Nachbardorf, den ich auch besucht habe, jedoch habe ich mit wachsendem Alter und Verständnis erkannt, dass Zeit das wichtigste Gut im Leben ist und es uns beiden nicht viel brachte, wenn ich zwei Stunden unserer Lebenszeit mit Fahrtweg vergeudete.
Bis heute. Heute kann ich es leider nicht mehr verstehen und verfluche mich selbst für diesen Umstand. Mir hat meine Mutter immer als meine beste Freundin ausgereicht und ich hatte ein erfülltes Leben mit ihr, doch ausschließlich mit ihr. Ich habe höchstens Bekannte und kenne Leute aus der Onlineschule, welche ich besuche. Leider sind das keine richtigen Freunde. Bis jetzt hat es mir auch noch nichts ausgemacht, denn wir sind glücklich gewesen, bis auf diese depressiven Tage.
Wir hatten zusammen Spaß, haben den Garten gepflegt, meine Mutter ist ihrer Kunst nachgegangen und ich bin in meinen Büchern versunken. Wir hatten zusammen Film- und Spielabende. Ich hatte nie das Gefühl, dass ich noch einen weiteren Menschen in meinem Leben gebraucht hätte. Bis jetzt.
Jetzt bin ich komplett allein, habe keine Freunde, welche mich unterstützen und keinen Menschen, mit dem ich meinen Schmerz teilen kann. Ich bin allein, komplett allein. Das alles ist ihre Schuld. Sie hat mir den wichtigsten Menschen in meinem Leben genommen, den einzigen, welcher Bedeutung in meinem Leben hatte.
Verzweifelt versuche ich den Schlüssel in das Schloss unseres, nun meines Hauses, zu stecken. Meine Hand zittert stark und meine Sicht ist dermaßen verschwommen, dass es einfach nicht funktionieren will. Mit einem Schrei der Frustration schmeiße ich den Schlüssel auf die Veranda, lasse mich auf den Boden sinken und stecke mein Gesicht zwischen die Knie. Der Schmerz in meinem Inneren ist unerträglich. Er zerreißt mir die Brust und kurz danach meinen ganzen Körper.
Ich weine, weine vehement und hemmungslos über meinen Verlust, über meine Einsamkeit. Ich weine einfach, bis ich nichts mehr fühle. Bis mich mein ganzes Selbst durch meine Tränen verlässt, auch wenn ich dachte, dass ich heute keine Tränen mehr habe.
Danach legt sich wieder die eisige Leere über mein Herz und ich wische mir mit meinen kalten Händen über mein erhitztes Gesicht. Vorsichtig greife ich nach dem Schlüssel und dieses Mal funktioniert es ganz einfach. Ich schließe die Tür auf, gehe in das Haus und betrachte nun nur noch mein Zuhause.
Es wirkt leer und ausgestorben. Verlassen. Die gelbe Küche, das rote Wohnzimmer, alles wirkt nicht mehr so bunt wie noch vor ein paar Wochen. Als hätte sich ein grauer Schleier über alles gelegt und das Haus würde mit mir trauern. Seufzend schließe ich die Tür hinter mir und gehe direkt auf das Sofa zu. Ich will nur noch schlafen und alles für einen kurzen Augenblick hinter mir lassen.
Erschöpft lasse ich mich auf das Sofa fallen, igle mich ein, ziehe eine Decke über mich und schließe meine Augen. Sofort falle ich in einen erlösenden Schlaf.
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