Dalia – Das Erwachen: Kapitel 2
Ein Klingeln weckt mich aus meinem Schlaf. Irritiert schaue ich mich um. Ich muss es mir wohl nur eingebildet haben, denn niemand kommt uns je besuchen. Soweit raus ins Nirgendwo wollte niemand fahren, außer Menschen gingen campen oder wandern.
Ich will mich gerade wieder schlaftrunken in das Kissen sinken lassen, als es erneut klingelt. Nun setze ich mich steif auf und greife nach meinem Handy. Es ist einundzwanzig Uhr, also keine gute Uhrzeit für einen Besuch, besonders im Herbst, bei dem schon alles um diese Uhrzeit düster ist. Als es nun ein drittes Mal klingelt, beschließe ich es nicht weiter zu ignorieren. Ich stehe auf, mache die Lichter im Wohnzimmer an, tippe schonmal die Notrufnummer in mein Handy ein und gehe langsam Richtung Tür.
Nun schellt die Person noch ein viertes, fünftes und sechstes Mal hintereinander. Anscheinend möchte mich da jemand dringend sprechen. An der Tür angekommen, mache die Schutzkette vor die Tür, schnappe mir den Baseballschläger, welcher hinter der Tür steht und öffne die Tür einen kleinen Spalt.
Vor der Tür steht ein großer Mann, um die Ende dreißig. Er hat dunkles Haar und sein Gesicht wirkt nicht gerade freundlich, jedoch kann ich nicht mehr in seinem Gesicht lesen, da es draußen dunkel ist und sein Gesicht durch seinen Hut noch weiter im Schatten liegt. Er wirkt recht kräftig, ich möchte mich trotzdem durch seine Erscheinung nicht einschüchtern lassen.
»Ja, bitte?«, frage ich in unhöflichem Ton, mit dem ich versuche, mein Misstrauen zu überspielen.
»Dalia Lieber?«, fragt der Mann mit einer strengen, dunklen Stimme, bei welcher sich mir die Nackenhaare aufstellen.
»Wer möchte das Wissen?«, frage ich stoisch.
»Keran Nightfall. Ich bin dein Vater.« Perplex schmeiße ich die Tür zu und atme tief durch.
Als würde ich das einem so dahergelaufenen Mann einfach glauben.
»Ich habe keinen Vater«, rufe ich noch durch die Tür und gehe wieder weiter in das Haus hinein. Das sollte doch wohl ein schlechter Scherz sein.
Entrüstend schnaubend gehe ich in die Küche und lasse diesen fremden Mann und meine längst vergangenen Ängste und Wünsche hinter mir.
Ich gehe in die Küche, nehme mir ein Glas aus dem Schrank und fülle es mit Wasser. Hat dieser Mann nichts Besseres zu tun, als mir in meiner Trauer noch solch ungeheuerliche Lügen aufzutischen? Selbst wenn es keine Lüge ist, macht in eine genetische Verwandtschaft noch lange nicht zu meinem Vater. Entrüstet knalle ich das Glas auf die Arbeitsplatte und es zerbricht in meiner Hand. Erschrocken schaue ich auf diese und kann erkennen, dass mich einige Splitter verletzt haben.
Natürlich bin ich unvorsichtig und habe es mit der Masse an Gefühlen zu hart aufgeschlagen. Ich habe es nicht anders verdient. Entnervt mache ich den Wasserhahn an und lasse das kühle Nass meine Hand auswaschen. Ich hatte noch nie ein Problem mit Verletzungen und auch verletzte Tiere, die hin und wieder zu uns kamen habe ich immer versorgt. Der Schmerz pocht in meiner Hand, ist jedoch nicht überwältigend. Vorsichtig schaue ich mir meine Hand an und suche nach verbliebenen Glassplittern in den Wunden.
Plötzlich greift jemand nach meiner Hand und holt mit ruhigen Handgriffen zwei Splitter aus meinen Wunden. Den Schmerz fühle ich nicht, denn ich schaue nur, voller Schock, den Mann an, welcher gerade noch vor meiner Tür stand.
»Wie sind sie hier reingekommen?«, stottere ich. Diese Situation überfordert mich immens. Ich bin mir sicher, dass ich die Tür abgeschlossen habe. Außerdem war die Kette war zum zusätzlichen Schutz eingeharkt und ich habe auch kein Aufbrechen der Tür gehört. Die Fenster sind alle verschlossen. Das habe ich überprüft, bevor ich auf die Beerdigung gegangen bin.
Anstatt auf meine Frage einzugehen, fragt der Mann nun im ruhigeren Ton: »Wo ist der Verbandskasten?« Wie von selbst mache ich eine nickende Bewegung unter die Spüle. Ich bin noch immer zu perplex, um mit dem angebrachten Verstand auf diese Situation zu reagieren. Kurzerhand bückt er sich, holt den Verbandskasten hervor und betrachtet diesen eindringlich. Als er die Sachen findet, welche er sucht, holt er diese heraus.
Es ist eine der selbst angemischten Heil- und Schmerzsalbe meiner Mutter und ein Verband. Vorsichtig trägt er die Salbe auf und verbindet meine Hand, als wäre es das normalste der Welt.
Als er damit fertig ist und sich meine Nerven etwas beruhigt haben sehe ich ihn eindringlich an und frage erneut: »Wie sind sie hier reingekommen?« Ich habe nicht vor diese Frage ungeklärt zu lassen, nur weil er mir geholfen hat. Sein Kiefer spannt sich an, als habe er gehofft, dass ich diese Frage nicht nochmal stellen würde.
»Du hast die Tür offengelassen«, sagt er mit einer Selbstverständlichkeit, die normalerweise keinen Widerspruch zugelassen hätte.
Langsam schüttle ich den Kopf, denn ich bin mir absolut sicher, dass ich die Tür doppelt gesichert habe.
»Nein, das habe ich nicht«, sage ich daher in bestimmenden Ton.
»Wenn du mir nicht glaubst, dann schau sie dir selbst an. Aufgebrochen habe ich sie jedenfalls nicht«, sagt er trocken und weist mit einem Nicken Richtung Flur.
Vorsichtig, ohne auch nur einen Moment unaufmerksam zu sein, schreite ich in den Flur und gehe Richtung Tür. Die Schlösser sehen von hier tatsächlich nicht beschädigt aus. Irritiert verziehe ich das Gesicht.
»Ich habe dir doch gesagt, dass ich die Tür nicht aufgebrochen habe«, sagt der mir fremde Mann in einem rechthaberischen Ton.
Erschrocken fahre ich zusammen. Obwohl ich auf jedes Geräusch geachtet habe, ist mir nicht aufgefallen, dass er mir gefolgt ist. Langsam drehe ich mich um und betrachte ihn nun genauer. Er hat kastanienbraune, längere Haare, welche unter seinem Hut hervorschauen. Er trägt einen schwarzen Mantel, einen schwarzen Schal und eine schwarze Hose mit Anzugschuhen. Alles an ihm wirkt düster. Er hat ein markantes Kinn, welches einen grauen Schatten hat. Dies lässt darauf schließen, dass er seine Rasur ausfallen lassen hat. Seine Augen kann ich noch immer nicht sehen, da der Schatten des Hutes diese immer noch verdeckt.
Ich beschließe das Thema, über das Eindringen in mein Haus, erstmal fallen zu lassen und sage im spöttischen Ton: »Was möchten Sie von mir. Ich habe ihnen bereits gesagt, dass ich keinen Vater habe. Ich habe auch nicht das Verlangen, sollten Sie tatsächlich mein Erzeuger sein, Sie kennenzulernen. Ich habe gerade genug anderes zu tun«, und mache eine auffordernde Handbewegung Richtung Tür.
Meine Worte ignorierend, dreht er sich um und geht in Richtung Wohnzimmer. In diesem schaut er sich einen Moment um, steuert einen Sessel an und entledigt sich seines Mantels und Hutes. Auffordernd deutet er mit einer Handbewegung auf das Sofa, als sei das hier sein Haus. Entschlossen gehe ich in die Küche, zu meinem Smartphone. Das ist mir zu suspekt. Ich nehme mir vor nun die Polizei anzurufen, damit sie diesen Verrückten aus meinem Haus schaffen, jedoch liegt mein Smartphone nicht mehr in der Küche.
»Suchst du das hier?«, fragt er ernst, doch mit einem amüsierten Unterton, als habe er meine Gedanken erkannt. »Es ist nicht klug, dass Einzige aus den Augen zu lassen, was einem Schutz bietet. Aber keine Sorge, ich habe nicht vor, dir zu Schaden. Ich behalte es bei mir, bis wir miteinander gesprochen haben, danach kannst du es wieder haben. Nun tu mir bitte den Gefallen« sagt er nachdrücklich und deutet erneut auf das Sofa, „und setz dich hin, damit wir beide sprechen können.“
Stoisch recke ich das Kinn vor und durchdenke meine Optionen. Er ist eindeutig größer und stärker als ich. Eine Flucht ist in dieser Situation vermutlich unmöglich. Bis jetzt hat er mir tatsächlich nicht geschadet, trotzdem greife ich mir das größte Messer aus dem Messerblock in der Küche. Ich halte das Messer fest in der Hand, gut sichtbar für den Mann, als ich zum Sofa gehe.
Sein Mund verzieht sich zu einem leichten Schmunzeln, als würden ihn meine Vorsichtsmaßnahme amüsieren. Als ich ihn anschaue, sehe ich ihm das erste Mal in die Augen. Sie sind so hellblau, wie der Himmel, von weißen Wellen umrandet, was sie noch heller wirken lässt. Mir stockt der Atem, denn seine Augen, sind meine Augen.
Weinen kann ich heute nicht mehr. Meine Tränen für den Tag sind aufgebraucht und niemand hat heute Tränen mit mir geteilt. Trotzdem sind sie alle gekommen und wollen Teil von dem tragischen Selbstmord meiner Mutter sein. Natürlich kannten sie alle besonders gut, waren so gut mit ihr befreundet und jeder kannte ihr besonders sonniges Gemüt und natürlich war es mit diesem Gemüt unvorstellbar, dass sie sich jemals etwas antun würde.
Natürlich denken und sagen sie das, weil niemand meine Mutter richtig kannte. Diese sonnige strahlende Seite ist eine Seite von ihr gewesen. Aber wie bei jedem Menschen nur eine Facette eines ganzen Charakters. Sie hatte auch andere Facetten. Eine davon ist ein tieftrauriges und deprimiertes Gemüt gewesen. Sie hat zwar versucht, mir dieses nicht zu zeigen, und trotzdem habe ich sie oft genug so gesehen. Mich hat es nicht so sehr überrascht, wie die all die anderen Menschen, die jetzt so geschockt und verstört sind. Im letzten halben Jahr ist es viel schlimmer mit ihr geworden, sie hat sich zurückgezogen, ist schreiend in der Nacht aufgewacht und hat sich tagsüber nur mit Tabletten über Wasser gehalten. Trotzdem bin ich tief erschüttert.
Vor drei Monaten hat sie das erste Mal versucht, sich das Leben zu nehmen, und ist darauf hin in eine Klinik gegangen. Sie ist mit guten Worten und als nicht mehr gefährdet von den Therapeuten entlassen worden und hat sich auch ,ohne zu zögern, von mir das Versprechen abnehmen lassen, sich so etwas nie wieder anzutun. Sie hat mir versprochen, das Licht ihres Lebens, ihr Kosename für mich, niemals allein zu lassen.
Jedoch konnte mein Licht anscheinend nicht hell genug leuchten, um ihre Dunkelheit zu besiegen. Ich habe sie morgens in ihrem Bett gefunden, mit Schaum vor dem Mund und den Pulsadern aufgeschnitten. Sie ist sicher gegangen und hat eine Überdosis an Schlaftabletten genommen. Niemand sollte sie dieses Mal retten können.
Seit diesem Tag durchdringt mich eine Kälte gepaart mit einer tiefsitzenden Verzweiflung. Ohne direkten Auslöser fange ich seitdem immer wieder an zu weinen und habe Schwierigkeiten mich wieder einzukriegen. Kein bisschen Glück und Freude können mehr zu mir durchdringen. Ich existiere einfach nur noch und laufe auf Autopilot, außer wenn mich die Angst, der Schmerz oder Verzweiflung in die Realität zurückziehen.
Ein schriller Schrei reist mich aus meinen Gedanken. Schnell schaue ich mich um, auf der Suche nach der dunklen Gestalt, welche sich seit dem Tod meiner Mutter immer einmal pro Tag zeigt. Natürlich auch jetzt, bei der Trauerfeier. Die Gestalt steht gut dreißig Meter von mir entfernt, in einen dunklen Umhang gehüllt und nachdem der Schrei verklingt, legt sich ein schauriges Lächeln auf dessen Lippen. Ich verziehe den Mund, versuche, meinen in die Höhe geschossenen Puls zu verlangsamen, und atme tief durch. »Es ist nur eine Halluzination«, sage ich mir in Gedanken. Niemand der Gäste soll meine Panik mitbekommen.
»Du schließt jetzt kurz die Augen, zwingst dich, dich von der Gestalt abzuwenden. Sobald du die Augen wieder öffnest, wird sie auch schon wieder verschwunden sein.«
Es ist schwer, meiner eigenen Anweisung zu folgen, aber ich weiß, dass dies die einzig richtige Entscheidung ist. Also atme ich nochmal tief durch und schließe meine Augen voller Unbehagen. Genauso wie meine Therapeutin es mir gesagt hat. Diese Technik hat bis jetzt auch noch nie ihre Wirkung verfehlt. Trotzdem fällt es mir jedes Mal schwerer die Augen zu verschließen und nicht auf diese Gruselgestalt zuzugehen. Erleichtert öffne ich die Augen und atme aus. Auch dieses Mal ist der fast schon magische Sog verschwunden.
Heute gibt es keinen Totenschmaus für die angeblich guten Freunde meiner Mutter. Ich habe mich entschlossen, diese Tradition ausfallen zu lassen, da wir keinen wirklichen Bezug zu diesen Menschen haben. Meine Mutter und ich haben keine Verwandten mehr, außer meiner Patentante Patti. Diese habe ich aber auch schon seit Jahren nicht mehr gesehen. Sie ist zu Ihrem Freund nach Australien gezogen, die beiden haben geheiratet und sie hatte dort ihr eigenes Leben aufgebaut. Ich habe zwar versucht Patti zu kontaktieren, damit sie wenigstens Bescheid weiß, konnte sie aufgrund veralteter Kontaktdaten leider nicht erreichen.
Die Eltern meiner Mutter sind bei einem Autounfall ums Leben gekommen. Meine Mutter war auch ungefähr in meinem Alter, als diese Tragödie passierte. Daher kann ich ihre Tat noch weniger verstehen. Sie hat mir das Gleiche angetan, was ihr in meinem Alter vom Schicksal angetan wurde. Vor Schmerz zieht sich mein Brustkorb erneut zusammen und ich versuche ruhig zu atmen. Doch es will mir nicht so recht gelingen.
Ab jetzt bin ich allein, denn auch einen Vater gibt es in meinem Leben nicht. Meine Mutter und ich haben auch sehr selten über ihn gesprochen. Sie sagte immer, dass er die große Liebe ihres Lebens gewesen sei. Seine Eltern sind gegen diese Beziehung gewesen und haben es geschafft, die beiden zu trennen. Selbst als meine Mutter Wochen später auf sie zugegangen ist, um ihnen zu sagen, dass sie mit mir schwanger ist, wurde sie keines Blickes gewürdigt.
Nur ein paar Tage später, haben seine Eltern ihr eine stattliche Summe geboten, damit sie mich abtreibt. Sie hatte sich geweigert. Hinterher haben sie ihr das Geld angeboten, wenn sie niemals jemanden sagt, wer mein Vater ist. Sie musste sogar einen Vertrag unterschreiben, in welchem sie bestätigte, dass sie es noch nicht mal mir sagen würde.
So bleibt es selbst nach ihrem Tod ein Geheimnis. Sie hatte den Vertrag nur unterschrieben, da er kein Interesse geäußert hat, mich kennenlernen zu wollen oder das Leben mit uns zu teilen. So wollte sie wenigstens mir die beste Möglichkeit geben, etwas aus meinem Leben zu machen.
Ich verstehe es, auch wenn ich es in jungen Jahren gerne gewusst hätte, wer mein Vater ist. Wenn er nicht Teil unseres Lebens sein wollte, so konnte wenigstens der Reichtum seiner Familie dazu beitragen, dass wir ein sorgenfreies Leben gehabt haben. »Zumindest sorgenfrei bis jetzt«, denke ich sarkastisch.
Traurig betrachte ich das große dunkle Haus, welches nur zehn Laufminuten vom Friedhof entfernt ist. Für Andere mag es gruselig wirken, mit seinen dunklen Holzbrettern und seinem Turm, doch ich habe mich hier immer heimisch gefühlt. Dies ist schon das Haus meiner Großeltern und davor ihrer Eltern gewesen. Natürlich haben meine Mutter und ich es von innen modernisiert, überall modernisierte Leitungen drin, eine sehr gute Internetverbindung zu uns legen lassen, Solarpaneelen auf dem Dach angebracht und die Räume hell und freundlich gestrichen. Außerdem haben wir einen großartigen Garten, mit Obstbäumen und Feldchen. Wir konnten uns selbst mit den meisten Lebensmitteln versorgen und nur ab und zu mussten wir etwas in dem dreißig Minuten entfernten Dorf einkaufen gehen. Wir lebten fast vollkommen autark und das gefiel mir, da wir immer viel Spaß zusammen hatten.
Sogar meine Schulbildung hat meine Mutter übernommen. Die nächste Schule war bei besten Bedingungen eine Stunde entfernt und das hieß, wenn meine Mutter mich jeden Morgen mit dem Auto zur Schule gefahren hätte. Daher hatte sie damals kurzerhand beschlossen, mich von Zuhause aus zu unterrichten und hat mich nur für die Jahresabschlussprüfungen zur Schule gefahren. Als ich klein war, habe ich das natürlich nicht verstanden und wollte Freunde finden. Einen Kindergarten gab es im Nachbardorf, den ich auch besucht habe, jedoch habe ich mit wachsendem Alter und Verständnis erkannt, dass Zeit das wichtigste Gut im Leben ist und es uns beiden nicht viel brachte, wenn ich zwei Stunden unserer Lebenszeit mit Fahrtweg vergeudete.
Bis heute. Heute kann ich es leider nicht mehr verstehen und verfluche mich selbst für diesen Umstand. Mir hat meine Mutter immer als meine beste Freundin ausgereicht und ich hatte ein erfülltes Leben mit ihr, doch ausschließlich mit ihr. Ich habe höchstens Bekannte und kenne Leute aus der Onlineschule, welche ich besuche. Leider sind das keine richtigen Freunde. Bis jetzt hat es mir auch noch nichts ausgemacht, denn wir sind glücklich gewesen, bis auf diese depressiven Tage.
Wir hatten zusammen Spaß, haben den Garten gepflegt, meine Mutter ist ihrer Kunst nachgegangen und ich bin in meinen Büchern versunken. Wir hatten zusammen Film- und Spielabende. Ich hatte nie das Gefühl, dass ich noch einen weiteren Menschen in meinem Leben gebraucht hätte. Bis jetzt.
Jetzt bin ich komplett allein, habe keine Freunde, welche mich unterstützen und keinen Menschen, mit dem ich meinen Schmerz teilen kann. Ich bin allein, komplett allein. Das alles ist ihre Schuld. Sie hat mir den wichtigsten Menschen in meinem Leben genommen, den einzigen, welcher Bedeutung in meinem Leben hatte.
Verzweifelt versuche ich den Schlüssel in das Schloss unseres, nun meines Hauses, zu stecken. Meine Hand zittert stark und meine Sicht ist dermaßen verschwommen, dass es einfach nicht funktionieren will. Mit einem Schrei der Frustration schmeiße ich den Schlüssel auf die Veranda, lasse mich auf den Boden sinken und stecke mein Gesicht zwischen die Knie. Der Schmerz in meinem Inneren ist unerträglich. Er zerreißt mir die Brust und kurz danach meinen ganzen Körper.
Ich weine, weine vehement und hemmungslos über meinen Verlust, über meine Einsamkeit. Ich weine einfach, bis ich nichts mehr fühle. Bis mich mein ganzes Selbst durch meine Tränen verlässt, auch wenn ich dachte, dass ich heute keine Tränen mehr habe.
Danach legt sich wieder die eisige Leere über mein Herz und ich wische mir mit meinen kalten Händen über mein erhitztes Gesicht. Vorsichtig greife ich nach dem Schlüssel und dieses Mal funktioniert es ganz einfach. Ich schließe die Tür auf, gehe in das Haus und betrachte nun nur noch mein Zuhause.
Es wirkt leer und ausgestorben. Verlassen. Die gelbe Küche, das rote Wohnzimmer, alles wirkt nicht mehr so bunt wie noch vor ein paar Wochen. Als hätte sich ein grauer Schleier über alles gelegt und das Haus würde mit mir trauern. Seufzend schließe ich die Tür hinter mir und gehe direkt auf das Sofa zu. Ich will nur noch schlafen und alles für einen kurzen Augenblick hinter mir lassen.
Erschöpft lasse ich mich auf das Sofa fallen, igle mich ein, ziehe eine Decke über mich und schließe meine Augen. Sofort falle ich in einen erlösenden Schlaf.
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