Dalia – Das Erwachen: Kapitel 3
»Also, was möchten Sie von mir? Ich habe ihnen bereits mitgeteilt, dass ich kein Interesse daran habe mit Ihnen zu sprechen«, sage ich schroff zu meinem Gegenüber, auch wenn mich seine Augen noch immer aus dem Konzept bringen. Dass die Augen gleich sind, kann ich nicht leugnen, jedoch habe ich kein Interesse daran, dass mein Erzeuger, nun nach dem Tod meiner Mutter, kennen zu lernen. Jetzt nachdem er uns all die Jahre im Stich gelassen hat.
So verzweifelt, dass ich mich jetzt darüber freue, bin ich nun auch nicht.
»Wie gesagt, ich möchte nur mit dir sprechen und ein paar Dinge klären, Dalia«, sagt der mir fremde Mann. »Du bist gerade einmal sechzehn und nun auf dich allein gestellt. Ich sehe eine gewisse Verantwortung mich nun in dein Leben einzumischen. Ich möchte dir dringend ans Herz legen, ab jetzt bei mir zu wohnen«, sagt er geschäftigen Ton. Keine Gefühle mischen sich in seine Worte.
Entrüstet schnaube ich auf.
»Nein danke!«, sage ich scharf. »Ich brauche keinen angeblichen Vater in meinem Leben und ich komme gut allein zurecht. Meine Mutter hat ein Testament aufgesetzt, in welchem festgeschrieben steht, sollte ihr jemals etwas zustoßen, werde ich, nach Prüfung, für mündig erklärt. Wir haben durch deine Eltern genug Geld erhalten, sodass ich noch nicht mal einen Tag in meinem Leben arbeiten müsste, wenn ich es nicht wollte. Daher kann ich auf diese gezwungene Familienzusammenführung gerne verzichten.«
Bei meinen Worten und meinem verächtlichen Ton, verziehen sich seine Lippen doch zu einem kleinen Schmunzeln. Dies ist jedoch nur von so kurzer Dauer, so dass ich mir nicht sicher bin, ob ich es tatsächlich gesehen habe.
»Außerdem, wer sagt mir, dass Sie tatsächlich mein Vater sind«, frage ich und spucke das Wort »Vater« voller Abscheu aus, »Nicht nur ein Verrückter, welcher sich jetzt in mein Leben schleichen möchte, um sich an mir zu bereichern«
»Das ist ein berechtigter Gedanke«, sagt er ruhig und kühl. »Ich kann verstehen, dass du mir jetzt natürlich zuerst misstraust. Zum einen haben wir hier eine offensichtliche Ähnlichkeit,«, er deutet mit einer leichten Handbewegung auf meine Augen. »zum anderen habe ich den Vertrag meiner Eltern mitgebracht, den deine Mutter damals unterschrieben hat.«, sagt er wieder sachlich, als wäre das alles nur ein Geschäft.
Er greift nach seinem Mantel, zieht einen braunen Umschlag hervor und reicht ihn mir. Ich bin erstaunt, dass er von diesem Vertrag weiß. Dieser ist aber noch immer kein eindeutiger Beweis, dass er tatsächlich mein Erzeuger ist. Er kann auch ein Bediensteter in dem Haus dieser Familie gewesen sein und so von dem Vertrag erfahren haben.
»Das ist für mich kein ausreichender Beweis«, sage ich bestimmt. Was dieser Mann hier plötzlich möchte, verstehe ich noch immer nicht. »Und selbst sollten Sie mein Vater sein, brauche ich Sie nicht so plötzlich, nach all den Jahren, in meinem Leben. Daher nochmal meine Frage: Was möchten Sie von mir? Was machen Sie nach all den Jahren hier, nachdem Sie uns beide im Stich gelassen haben?«, frage ich und greife nach dem Umschlag. Das Messer halte ich noch immer fest in meiner Hand.
Ich lege den Umschlag auf meinen Schoß, sodass ich ihn umständlich mit einer Hand öffnen kann. Hervor ziehe ich den besagten Vertrag, sowie einen Stapel mit Fotos, die meine Mutter und vor allem mich zeigen. Irritiert runzle ich die Stirn. Die Bilder sind mir nicht bekannt, was nur heißen kann, dass sie weder von meiner Mutter noch von mir geschossen wurden.
»Nun,«, räuspert er und erlangt so wieder meine Aufmerksamkeit. Ernst schaut er mir dabei in die Augen. »in besagten Vertrag gibt es einen Paragrafen, welcher festlegt, sollte deiner Mutter jemals etwas passieren und sich niemand um dich kümmern können, wird meine Vaterschaft anerkannt und dass du bis zum Ende deines siebzehnten Lebensjahres unter meiner Obhut stehen wirst. Das heißt, dass ich dein Erziehungsberechtigter werde. Ich habe damals für den Notfall darauf bestanden.«
Diese Information schockiert mich. Entrüstet verziehe ich das Gesicht. Jetzt möchte er darauf bestehen, nachdem er sich mein ganzes Leben nicht für mich interessiert hat?
»Sie brauchen sich nicht daran zu halten und wie sie den Angaben in dem Testament meiner Mutter entnehmen können, hat auch sie keinen Wert daraufgelegt, dass Sie sich daran halten«, sage ich kühl. »Ich kann, wie ich bereits sagte, gut für mich selbst sorgen. Sie brauchen sich daher nicht verpflichtet fühlen.«
Plötzlich fängt der Raum um mich herum an sich zu bewegen. Es ist wohl alles etwas viel für meinen Verstand und ich muss dringend durchatmen. Erst der Verlust meiner Mutter und jetzt noch das? Ist es nicht langsam genug? Ist mir nicht etwas Frieden vergönnt?
Mit so viel Selbstsicherheit wie ich aufbringen kann, sammle ich mich und sage: »Daher würde ich Sie jetzt bitten zu gehen, mein Handy hier zu lassen. Falls Sie tatsächlich nochmal etwas von mir möchten, können Sie mir ja gerne eine DNA-Probe dalassen, damit ich einen Test über unsere genetische Verwandtschaft machen kann. Aber selbst, sollten Sie mein genetischer Erzeuger sein, heißt das noch lange nicht, dass ich Ihnen zuhören werde. Sie können sich gerne wieder in ihr bequemes Leben zurückziehen. Ich komme gut allein zurecht.« Ich will mir nicht ansehen lassen, dass ich mit all dem und dem Tod meiner Mutter in diesem Moment überfordert bin.
Langsam nickt er, als würde er durch meine Fassade hindurch blicken.
»Ich kann verstehen, dass das jetzt alles etwas viel für dich ist und dass du natürlich mehr Beweise brauchst. Würde ich an deiner Stelle auch fordern. Trotzdem kann ich dir keine DNA-Probe für einen Test hierlassen«, sagt er ruhig, mit einem verständnisvollen Ton, als wolle er mich beruhigen. Dabei wirkt er nicht mehr so geschäftlich wie zuvor.
Seine Augen, welche meinen so sehr gleichen, zeugen selbst von einer inneren Unruhe.
»Unsere Familie geht sehr vorsichtig mit der Abgabe unserer DNA um«, sagt er vorsichtig, als könne er damit schon zu viel verraten.
»Es ist schön, dass Ihre Familie sehr vorsichtig mit ihrer DNA umgeht, sollte mir jedoch kein eindeutiger Beweis geliefert werden, werde ich auch nicht mal eine Sekunde nur darüber nachdenken, weiter mit Ihnen zu sprechen.«
Auffordernd mache ich eine Handbewegung Richtung Tür, um meinen Standpunkt zu untermauern. Entnervt fährt er sich durch die Haare und schüttelte leicht den Kopf, als wisse er nicht so recht, wie er jetzt weitermachen soll.
»Ok,«, sagt er im ruhigen Ton und mit geschlagener Miene, »für heute werde ich gehen. Morgen werde ich mit einem Laboranten meines Vertrauens wiederkommen. Er wird die DNA-Analyse vor Ort durchführen, mit den entsprechenden Geräten, sodass du dir sicher sein kannst, dass hier keine Täuschung vorliegt. Währenddessen nimmst du dir bitte etwas Zeit, um in Ruhe mit mir zu reden. Wenn der Test negativ ist, wirst du nie wieder etwas von mir hören, wenn der Test positiv ist, denkst du bitte in Ruhe über das Angebot nach, welches ich dir morgen machen werde. Ich werde morgen um zehn Uhr da sein, bitte sei bis dahin wach und vor Ort. Ließ dir gerne die Unterlagen durch, welche ich dir mitgebracht habe. Allein unter dieser Voraussetzung, werde ich nun gehen und dir erstmal den Raum lassen, um das Alles zu verarbeiten.«
Ich bin entsetzt. Anscheinend ist dieser Mann genauso stur wie ich und lässt sich nicht leicht von seinem Vorhaben abbringen. Ich denke einen kurzen Moment über meine weiteren Möglichkeiten nach und komme zu dem Schluss, dass dies gerade meine beste Option ist. Daher nicke ich bedächtig den Kopf.
»Deal«, sage ich. Etwas wie Erleichterung tritt in seine Miene. Er richtet sich auf, zieht seinen Mantel an und nimmt seinen Hut in die Hand. »Danke Dalia. Dann wünsche ich dir nun eine gute Nacht und bis morgen.«
Erleichterung durchfährt mich, als ich die Tür in das Schloss fallen höre. Das alles, die ganze Situation ist einfach zu viel für mich. Ich merke, wie ich anfange zu hyperventilieren und Tränen mir in die Augen treten, doch ich zwinge mich ruhig zu atmen. Warum taucht auch dieser Mann gerade heute, am Tag der Beerdigung meiner Mutter, hier auf. Warum ist er gerade jetzt so erpicht darauf, mich in seinem Leben zu haben und wie zur Hölle ist er hier reingekommen?
Ich merke, wie mein Puls wieder ansteigt und ich einem Nervenzusammenbruch erstaunlich nah komme. Wieder zwinge ich mich zu beruhigen und beschließe erstmal zur Tür zu gehen und diese dieses Mal wirklich gut zu verschließen. Noch mehr Besucher kann ich heute nicht mehr ertragen.
Schwerfällig rapple ich mich vom Sofa hoch und merke erst jetzt wie angespannt meine Muskeln sind. Mit steifen Schritten gehe ich zur Tür, bleibe jedoch abrupt stehen, als ich sehe, dass die Kette wieder oder noch immer vor der Tür hängt. Ungläubig gehe ich noch ein paar Schritte vorwärts zu der Tür, rüttle an ihr und merke, dass auch diese abgeschlossen ist. Wie ist dieser Mann rein, geschweige denn rausgekommen?
Die ganze Situation ängstigt mich noch mehr und ich merke, wie ich mich nicht mehr sicher in meinem eigenen Zuhause fühle. Als wäre das alles noch nicht genug sehe ich durch das verschwommene Glas der Tür wieder die schwarze Gestalt, welche ich zuletzt auf dem Friedhof gesehen habe.
Verliere ich seit dem Tod meiner Mutter immer mehr den Verstand? Habe ich vielleicht nicht nur Halluzinationen von dunklen Gestalten, sondern auch von fremden Menschen in meinem Haus?
Da ich merke, dass der Sog der Gestalt immer stärker wird, schließe wie auf dem Friedhof meine Augen und atme tief durch. Die Gestalt und der von ihr ausgehende Sog, müssen einfach verschwinden, auch wenn es mir dieses Mal eindeutig schwerer fällt, da ich mich nicht genug auf meine Atmung konzentrieren kann.
Als ich die Augen wieder öffne, ist die Gestalt zu meiner Erleichterung wieder weg, doch die Zweifel an meiner geistigen Gesundheit bleiben. Bin ich mittlerweile so verzweifelt und einsam, dass ich mir schon einen Vater halluziniere? Ich möchte ihn nicht haben, kann aber auch nicht bestreiten, dass ich mich allein und verloren fühle.
Sauer balle ich meine Hände zu Fäusten und merke, dass ein stechender Schmerz durch die Linke fährt. Dass ich eine Verletzung habe, hatte ich vergessen und schaue daher erschrocken runter und betrachte den Verband. Offensichtlich habe ich mir nicht alles eingebildet, denn die Verletzung und der Verband existieren.
Um noch weitere Beweise für die Situation zu finden, gehe ich wieder in das Wohnzimmer, um mir die Unterlagen anzuschauen und sogar zu berühren. Meinen Tastsinn kann eine Halluzination nicht täuschen. Erleichtert atme ich auf, als ich die Unterlagen tatsächlich mit meinen Fingerspitzen berühre und ich mir sicher bin, dass dieser Abend nicht nur ein Hirngespinst meiner Sehnsucht gewesen ist. Die Unterlagen möchte ich mir heute trotzdem nicht mehr anschauen.
Ich habe vorerst genug zu verarbeiten und die Erschöpfung der letzten Stunden legt sich über meinen Körper. Die Unterlagen lege ich auf den Couchtisch. Dabei löst sich ein Foto aus diesen und zeigt meine Mutter und meinen angeblichen Erzeuger. Sie scheinen Anfang zwanzig gewesen zu sein und schauen sich verliebt an.
Mir bleibt kurz er Atmen stehen. Die blonden Haare meiner Mutter sind so glänzend in der Sonne des Bildes, ihre Sommersprossen sind deutlich zu erkennen und ihre blasse Haut scheint selbst von innen zu strahlen. Sie wirkt so glücklich und erfüllt, dass sich mein Herz schmerzhaft zusammenzieht. Das Bild selbst wirkt abgegriffen, als habe es jemand schon hunderte Male in der Hand gehalten. Zum ersten Mal lasse ich den Gedanken zu, dass der Mann heute tatsächlich mein Vater gewesen sein könnte.
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