Dalia – Die Verlockung: Kapitel 1
Fluch. Verdammen, Verwünschen, Verteufeln. Jemanden zu verfluchen für Handlungen, welche einem zuwider sind, ist heute normal, jedoch nur, weil Flüche heutzutage nicht mehr die gleiche Wirkung haben. Wird derzeit ein Fluch von jemandem aus der magischen Gesellschaft gesprochen, kann es nur geringe Auswirkungen haben, wie einen schlechten Tag. Wenn ein Mensch einen Fluch ausspricht, macht er damit nur seinen Gefühlen Luft. Kurz nachdem die Götter ausgelöscht wurden, wurde auch das Wissen über Flüche vernichtet, denn sie sind zu gefährlich. Ein Fluch von damals ist dazu fähig den Betroffenen mehr als nur das Leben rauben.
Schweißnass wache ich aus meinem Traum auf. Erneut. Ich habe schon lange keine ruhige Nacht mehr gehabt. Die Ereignisse der letzten Zeit verfolgen mich noch immer. Noch immer fühle ich mich nicht sicher, verraten und alleingelassen. Ich wurde auch allein gelassen, durch meine Mutter, den Halt in meinem Leben, durch meinen ersten Freund und auch gleichzeitig die erste Person, für die ich romantische Gefühle entwickelt habe.
Trotzdem muss ich mir ins Gedächtnis rufen, dass ich nicht komplett auf mich alleine gestellt bin. Ich habe Personen, die mich unterstützen. Meinen neu gewonnenen Vater, Keran, einen mehr oder weniger unfreiwilligen Verbündeten, Gabriel. Ob ich möchte oder nicht genauso Fürst und Fürstin Nightfall, meine Großeltern.
Außerdem muss ich damit klarkommen, dass ich anscheinend zu einer übernatürlichen Immortalis geworden bin, dass ich von einem Banshee verfolgt werde. Ansonsten auch dass meine Familie mütterlicherseits schon seit zweitausendfünfhundert Jahren verflucht ist, von Banshees in den Tod getrieben wird und von einer mir unbekannten Vereinigung beobachtet wird.
Dass ich das alles erfahren habe und meine Mutter verloren habe, ist noch keinen Monat her, und ich muss erstmal anfangen die ganzen Erfahrungen zu verarbeiten. Daher ist es auch kein Wunder, dass ich schon seitdem nicht mehr gut schlafe, oder zumindest seit Lian mich hier alleine in dieser ausweglosen Situation zurückgelassen hat.
Schwer seufze ich. Das mit Lian ist noch einmal eine ganz eigene Geschichte. Zuerst sollte ich gezwungenermaßen einen Seelenbund mit ihm eingehen, woraufhin wir einen holperischen Start hatten. Er hat mich angefahren, weil er selbst mit der Situation unzufrieden gewesen ist. Dann haben ich und Lian uns angefreundet und ein bisschen Zeit miteinander verbracht. Ich habe mich einfach so sicher bei ihm gefühlt, sodass ich, entgegen meines eigenen Ratschlags, etwas mit ihm angefangen habe.
Daraufhin wurde ich von dem Banshee, Charon, welcher auch noch zur Hälfte ein Inkubus ist, in den Bann gezogen und habe mit ihm rumgemacht. Deshalb hat sich Lian von mir abgewandt und etwas mit einer unbeschreiblichen Schönheit angefangen.
Ich habe versucht, mit ihm ein Gespräch zu suchen, alles zu klären und wenigsten die Freundschaft zu erhalten, aber jede Annäherung meinerseits wurde abgelehnt. Das hat mir zusätzlich aufs Gemüt geschlagen und nicht gerade dabei geholfen, dass es mir nun besser geht.
Es ist auch nicht hilfreich, dass Lian von dem Fürsten aufgrund seines Verhaltens, während der Banshee entflohen ist, von dem Anwesen weggeschickt wurde, und ich nun nicht mehr mit ihm in Kontakt treten kann.
Seufzend lasse ich mich wieder in das Kissen fallen. Was kann ich nur machen? Wie soll ich weiter vorgehen? Wie kann ich mich vor Charon schützen?
Zum Glück hat meine verstorbene Mutter mir Unterlagen zurückgelassen, welche ich nun mit meinem Vater, Gabriel und Fürst Nightfall durcharbeite.
Bis jetzt sind leider noch keine großen Erkenntnisse daraus hervorgegangen. Ich könnte meine Kräfte anfangen zu ergründen, aber dafür habe ich momentan nicht die Konzentrationsfähigkeit oder die innere Ruhe, um dies vernünftig anzugehen.
Balthasar, mein Höllenkater, reibt sich schnurrend an mir und versucht, mich von meinen trüben Gedanken zu befreien. Es wirkt. Langsam falle ich wieder in das Reich der Träume.
Am nächsten Morgen werde ich von einem Klopfen geweckt.
»Steh auf, Schönheit, wir bekommen heute die Ergebnisse unserer Prüfung und du möchtest doch sicher nicht verpassen, wie du gegen mich verlierst«, ruft Gabriel fröhlich durch die Tür. Er ist in Lians Zimmer gezogen, sein Bruder und mein unfreiwilliger Verbündeter.
Der Start von uns beiden war nicht ganz einfach, da er ohne meine Zustimmung über mich hergefallen ist.
Nachdem er darauf hin durch den Fürsten für sein Verhalten ausgepeitscht wurde, was ich schnellstmöglich unterbunden habe, und er sich selbstständig bemüht hat, mir bei der Befreiung von dem Fluch zu helfen, habe ich langsam angefangen, ihm zu verzeihen.
Ohne diesen Vorfall wäre er sogar ein recht sympathischer Zeitgenosse. Seit Lian weg war, macht er alles mögliche, um mich zu unterstützen.
Er hilft mir bei der Recherche in den Unterlagen meiner verstorbenen Mutter und schaut mit mir Filme in dem Heimkino des Anwesens. Er hat mit mir einen Buchclub eröffnet, wenn man es so nennen möchte, und verbringt jede freie Minute mit mir, um mich von meinen düsteren Gedanken abzubringen.
Nur nachts bin ich alleine. So sehr ich Gabriels Bemühungen auch zu schätzen weiß, gibt er mir mit seiner ganzen Nähe keinen Raum, um sich mit den letzten Geschehnissen in Ruhe zu befassen. Doch ich möchte ihm nicht vor den Kopf stoßen. Diese Familie ist der einzige kleine Halt, der mir geblieben ist.
»Machst du dich schon fertig, oder bist du wieder am Träumen?«, ruft Gabriel nun ungeduldiger.
Schnell stehe ich aus dem Bett auf und bereite mich auf den Tag vor.
Es überwältigt mich immer wieder, wie groß meine neuen Räumlichkeiten sind. Ich habe ein riesiges Schlaf- und Aufenthaltszimmer, ein gigantisches Ankleidezimmer und ein großes Bad. Alle drei Räume zusammen sind so groß wie die Hälfte des Hauses, in dem ich aufgewachsen bin.
Es sind schön helle Räume mit bodentiefen Fenstern, welche durch einen Spiegelungseffekt vor Spannern geschützt sind. Am Anfang war es mir unangenehm, ohne Bekleidung in ihrem Badezimmer zu sein. Ich habe mich aber mittlerweile an die Situation gewöhnt.
Schnell mache ich mich fertig, um Gabriel nicht noch länger warten zu lassen. Müde schaue ich mein Spiegelbild an und schrecke wie immer leicht zurück. Ich bin das Abbild meiner Mutter, nur die Augen habe ich von meinem Vater. Ein weiterer Unterschied ist meine Ausstrahlung. Ich sehe ausgemergelt und erschöpft aus. Die Augenringe sind mittlerweile dunkelblau, violett und kein einfacher Schatten mehr. Außerdem wirken meine blonden Haare stumpf, genauso wie meine Haut.
Rasch wende ich den Blick ab, weil ich meinen Anblick nicht weiter ertragen kann.
Danach putze ich mir die Zähne, mache eine Katzenwäsche und schminke mich besonders stark, damit meine Müdigkeit nicht auffällt. Wieder höre ich ein ungeduldiges Klopfen.
»Ich komme gleich. Jetzt hab doch mal einen Moment Geduld.«, rufe ich Gabriel zu, damit er mich nicht weiter hetzt.
Ich gehe in mein Ankleidezimmer und betrachte demonstrativ nicht den Stapel zu meinen Füßen. Es ist meine heißgeliebte Harry-Potter-Fankleidung, welche ich vorerst nicht mehr tragen kann. Ich und Lian sind im Gryffindor-Slytherin-Partnerlook ausgegangen und ich kann es noch nicht ertragen, den Merch wiederzutragen.
»Bald,«, flüstere ich mir zu, »bald werde ich es wieder anziehen und mich nicht davon unterkriegen lassen, aber dieser Tag ist leider nicht heute.«
Schnell greife ich mir ein schwarzes T-Shirt und eine schwarze Hose, ziehe sie an und stürme aus dem Zimmer.
Gerade als ich die Tür öffne, hat Gabriel die Hand für ein erneutes Klopfen gehoben.
»Da bist du ja endlich«, sagt er und strahlt mich an.
Wie immer ist er bester Laune.
»Haben sie gut geschlafen, holde Dame?«, witzelt er rum und der Schalk ist ihm ins Gesicht geschrieben.
»Wie immer«, murre ich zurück, und führt es nicht weiter aus.
»Vielleicht sollte ich auch bei dir schlafen, wie Lian, dann…«
Der Rest von Gabriels Worten verliert sich ins Nichts, als er mich zusammenzucken sieht. Selbst wenn es nur eine Liebelei gewesen ist, schmerzt mich der Verlust unglaublich.
»Es tut mir leid. Ist es noch immer so schlimm?«, fragt er rücksichtsvoll. Dabei schaut er mich betreten an.
»Es ist bis heute nicht leicht, besonders, da es meine Schuld gewesen ist«, antworte ich mürrisch.
»Man könnte davon ausgehen, dass auch er einen Teil Inkubus in sich hat, so wie du ihm nachtrauerst«, murmelt er vor sich hin.
»Aber das kann nicht sein, wir sind nur Halbgeschwister und seine Mutter ist laut der Aussage meines Vaters eine Immortalis des Typs Engel. Hast du sie schon mal gesehen? Sieht eindeutig so aus. Meine Mutter war ein Sukkubus und unser Vater ist ein Vampir. Aber ich schweife ab. Auf jeden Fall ist es erstaunlich, wie sehr du dich auf ihn eingelassen hast, dass zurzeit ein so großes Loch in dir klafft.«
»Und wie soll mir das jetzt helfen?«, frage ich entnervt, weil ich keine Lust habe, weiter darüber zu sprechen.
Wieder schaut er mich betreten an.
»Leider kann dir das überhaupt nicht weiterhelfen. Wäre er ein Inkubus, könnte ich dich unterstützen, indem wir eine Hexe kommen lassen und sie dich von seinem Zauber befreit«, sagt er nüchtern.
»Warum sollte dafür extra eine Hexe herkommen müssen? Ich habe doch erst den Trank bekommen, gegen den Einfluss von Charon. Hätte er das nicht ebenso lösen können?«
Gabriel schüttelt den Kopf und sagt: »Zum einen sind diese Tränke personengebunden, das heißt, dass er nur wirkt, wenn dort etwas von dem Inkubus beigefügt ist, der seinen Bann auf dich gelegt hat. Dabei ist es egal, ob es sich um ein Haar, eine Hautschuppe, Blut oder ein Stück Nagel handelt. Außerdem wärst du dem Einfluss von Lian schon lange ausgesetzt gewesen. Da hätte so ein einfacher Trank nicht mehr geholfen. Je länger wir auf eine Person einwirken, desto schwerer ist der Bann zu lösen. Das ist auch der Grund, warum ich von der Schule geflogen bin. Ich habe meine Fähigkeit die ganze Zeit auf meine Freundin angewandt, ohne dass ich es gemerkt habe. Außerdem auch noch auf ein paar andere Schüler und Schülerinnen, einfach weil ich gut ankommen wollte. Das Ende vom Lied war, dass die halbe Stufe auf mich stand, und sogar ein einige Lehrer, die ihren Schutz nicht aufrecht erhalten haben.«
Er zuckt mit den Schultern.
»Warte,«, werfe ich ein, »du kannst deine Fähigkeit nicht kontrollieren? Wirkst du sie jetzt auch?«
Allein bei dem Gedanken gleitet mir ein kalter Schauer über den Rücken.
Lächelnd winkt er ab und meint: »Nein, alles gut. Der Fürst hat mich eindringlich unterwiesen, als wir zu ihm gezogen sind. Er sagte, dass ein Teil seiner Familie keine Kontrolle über seine Kräfte hat, sei eine Schande. Er hat mich in den Kerker im Keller verschleppt und mich erst wieder herausgelassen, als ich genug Selbstkontrolle erlernt hatte. Es war keine schöne Lektion, aber sie hat funktioniert.«
Diesmal schaue ich ihn mitleidig an.
»Bist du dir sicher, dass es dir damit gut geht?«, frage ich vorsichtig, denn ich möchte nicht, dass er sich gezwungen fühlt, darüber zu sprechen.
Wieder zuckt er nur mit den Schultern und verzieht sein Gesicht zu einem schrägen Lächeln.
Dann entgegnet er sarkastisch: »Wie sagt ihr bei den Menschen? Was einen nicht tötet, macht einen stärker.«
»Das finde ich nicht und diese Ansicht ist schon längst überholt«, antworte ich selbstsicher.
Diesmal schaut Gabriel nur weg und scheint nicht weiter darauf eingehen zu wollen.
Kurz denke ich über seine Erzählung nach und dann fällt mir auf, dass er etwas von einem Schutz erzählt hat.
Schnell frage ich: »Gabriel, was hat es mit diesem Schutz auf sich, den die Lehrer nicht aufrecht erhalten haben? Und kann er mir gegen Charon helfen?«
Traurig schüttelt er den Kopf und antwortet: »Leider kann dir dieser Schutz da wenig helfen. Charon ist zu alt und mächtig, als dass ihn ein einfacher Geistesschutz aufhalten kann. Außerdem hilft gegen den Schrei der Banshees leider nicht ein einziges mir bekanntes Mittel. Nur das in den Unterlagen deiner Mutter wirkte recht interessant, aber da habe ich keine Ahnung, ob es wirklich hilft.«
»Kannst du es mir trotzdem beibringen? Nur zur Sicherheit, damit keine anderen Inkuben und Sukkuben versuchen, mich wieder in eine so verfängliche Situation zu bringen.«, frage ich enthusiastisch.
Freudig lächelt er mich an, anscheinend froh, mir mal eine positive Rückmeldung geben zu können, und sagt: »Klar, mache ich gerne. Ich kann aber für Nichts garantieren, denn ich bin nicht der beste Lehrer.«
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