Dalia – Die Verlockung: Kapitel 3

Metamorphis. Seine Gestalt, seinen Zustand wandeln. Die Metamorphis werden von den Menschen oft als verfluchte oder infizierte Menschen wahrgenommen. Nehmen wir die Gattung der Werwölfe. In den Legenden der Menschen waren diese Wesen zuerst Menschen und haben sich dann gewandelt. Dem ist aber nicht so. Metamorphis haben von Geburt an zwei Gestalten, ihre menschliche und ihre nicht menschliche. Im Gegensatz zu den Immortalis werden aber auch sie von der Natur zurückgefordert, beziehen ihre Kraft aber auch aus ihrem Inneren und nicht aus der Umwelt.

»Sag mir, wie es geht oder zumindest, wo ich den Zauber finden kann«, herrsche ich Gabriel an. Dieser läuft vor mir weg und möchte mir keine Antwort geben.
»Dein Vater hat recht, das ist keine gute Idee und fordert einen hohen Preis. Gib dir einfach etwas Zeit und dann wird es sich von alleine lösen«, weicht er aus und flüchtet geradezu vor mir.
»Ihr macht euch zu viele Sorgen, ich schaue mir den Zauber einfach an und bestimme dann selbst, ob mir der Preis zu hoch ist«, beharre ich stur. Seit mein Vater mir bestätigt hat, dass es eine Möglichkeit gibt, diese Gefühle loszuwerden, versuche ich nun, Gabriel zu überzeugen, mir zu helfen. Ich möchte zumindest den Preis kennen und dann selbst entscheiden, ob ich bereit bin, ihn zu zahlen.
»Wäre mein Vater nicht aufgetaucht, wäre ich für mündig erklärt worden. Das heißt, dass ich jetzt schon vor dem Staat als erwachsen angesehen worden wäre, zumindest in meiner Lebenssituation und selbstständig Entscheidungen treffen hätte können. Ich brauche euch nicht, um hier eine rationale Entscheidung zu treffen. Das bekomme ich auch gut alleine hin«, mache ich weiter und lasse ihn mit meinem Anliegen nicht in Ruhe.
»Ich glaube, dein Zustand ist momentan instabiler denn je und halte es daher für keine gute Idee«, antwortet er und versucht mir noch weiter auszuweichen.
Jetzt muss ich mir eine andere Taktik einfallen lassen.
Daher sage ich: »Ich werde diesen Zauber so oder so finden, ob du mir nun hilfst oder nicht. Der Unterschied ist, inwieweit du mich nun gut beeinflussen kannst, oder nicht.«
Dieses Argument scheint schon mal besser zu wirken, denn er bleibt einen Moment stehen und denkt über meine Worte nach. Dann schüttelt er vehement den Kopf.
»Wenn dein Vater das herausfindet, bin ich ein toter Mann. Mein Leben ist mir lieb und teuer«, antwortet er, aber ich merke, wie er anfängt zu schwächeln.
Daher erkläre ich weiter: »Mein Vater muss es doch gar nicht herausfinden. Wenn ihr beide Recht habt und der Preis wirklich so enorm ist, werde ich den Zauber doch sicher nicht anwenden wollen. Dann haben wir alle die Situation vergessen und ich kann meine innere Unruhe damit befriedigen, dass ich weiß, dass auch mir der Preis zu hoch ist. Jetzt kann ich mir doch gar nicht sicher sein.«
Intensiv denkt er über meine Worte nach und ich scheine ihn geschlagen zu haben.
»Na gut,«, sagt er, »aber niemand darf davon erfahren. Du musst es mir versprechen. Außerdem wirst du selbst sehen, dass der Preis es nicht wert ist.«
Vergnügt grinse ich in mich hinein. Mein Leben würde bald um einiges leichter werden.

Gabriel klopf an meine Zimmertür und ich lasse ihn herein. Als er in den Raum eintritt, zieht er ein Buch unter seinem Shirt hervor. Darauf steht »Blutsegen«.
Missmutig verzieht er das Gesicht und sagt: »Ich kann nicht glauben, dass du mich tatsächlich dazu gebracht hast.«
Ich hingegen strahle ihn freudig an. Die Lösung meiner Probleme ist nun keine zwei Meter mehr von mir entfernt.
Mein Gesichtsausdruck scheint Gabriels Misstrauen wieder zu schüren, denn er sagt: »Wenn du so schaust, als würde ich dir die Lösung all deiner Probleme auftischen, kann ich dir das Buch nicht guten Gewissens geben.«
Er möchte es schon wieder wegpacken und aus meinem Zimmer gehen.
»Ich kenne den Titel jetzt, daher ist es zu spät. Jetzt kannst du mich nicht mehr aufhalten, es zu lesen«, sage ich schnell, damit er nicht geht.
Mir ist natürlich bewusst, dass er Möglichkeiten hat, mich von dem Buch fernzuhalten, zum Beispiel meinen Vater in Kenntnis zu setzen. Es wirkt aber nicht so, als würde er das tatsächlich wollen. Er weiß, dass er dann Ärger mit Keran bekommen würde, und darauf hat er keine Lust. Ergeben seufzt er.
»Wenn es sein muss. Aber versprich mir, dass du mich zum einen nicht in die Scheiße reitest und zum anderen, dass du dich nicht in die Scheiße reitest«, sagt er und schaut mich dabei streng an.
Ich nicke, kreuze derweil aber hinter meinem Rücken die Finger. Man kann ja nie wissen.

Zusammen legen wir uns auf den Boden, das Buch zwischen uns.
»Und du bist dir sicher, dass du das willst?«, fragt Gabriel und schaut mir dabei tief in die Augen.
»Es lesen?«, frage ich nach und erkläre so beschwichtigend wie möglich, »Mach dir keine Sorgen, Gabriel. Wir lesen es nur durch. Wenn ich davon überzeugt bin, dass der Preis zu hoch ist, werde ich sowieso keine weiteren Schritte einleiten. Also mach dir nicht so einen Kopf.«
Noch immer ist er nicht wirklich überzeugt, macht aber keinen weiteren Rückzieher.
Zusammen schlagen wir das Buch auf. Darin steht:

Nur Magier, welche sich Ihrer Kraft bewusst sind, sollten sich mit diesem Buch auseinandersetzen. Um genügend Kraft zu kanalisieren, muss nicht selten auf ein Ritual der Hexen zurückgegriffen werden. Mach dich bereit, für manche Dinge nicht nur mit deiner Seele zu bezahlen, sondern auch mit der Seele anderer oder deinem Leben. Bedenke, dass bei so manchem Spruch nicht nur du dich selbst verlieren kannst, sondern auch andere sich selbst.

»Und? Bist du überzeugt, dass aus diesem Buch nichts Gutes kommen kann?«, fragt Gabriel und ist schon dabei, das Buch wieder zuzuklappen und aufzustehen.
»Warte«, sage ich und halte ihn auf.
»Wir wissen doch noch gar nicht, welchen Preis dieser genaue Zauber fordert. Ich gebe zu, das klingt nicht direkt gut, aber dort steht nur, dass es diesen Preis fordern kann, nicht fordern muss. Wenn es einen dieser genannten Preise fordert, werde ich es doch bestimmt nicht machen. Daher lass uns einmal überprüfen.«
Er scheint nicht begeistert, wirft aber keine weiteren Widerworte ein.
»Na gut, lass uns nachsehen, aber ich bin mir sicher, dass es dir nicht helfen wird«, sagt er missmutig.
Er blättert durch das Buch, bis er die richtige Stelle gefunden hat. Dort steht:

Spruch, um den Kontakt zu seinen Gefühlen zu verlieren.

Ist das Leben schwer zu dir? Sind dir deine Gefühle zu viel und du hast das Gefühl, alles verzehrt dich? Du wurdest von deinem Liebsten im Stich gelassen, oder von deinen Freunden hintergangen? Hast du eine dir wichtige Person verloren und bekommst dein Leben einfach nicht mehr hin, weil dich alles von innen zerreißt? Deine Gefühle sind dir zu viel und du meinst, dass die Zukunft keine Besserung bringen wird? Hier ist die Lösung:

Mein Atem wird schneller und mein Puls schießt in die Höhe. Dieser Spruch kann alle meine Probleme lösen.

Nimm dein Blut und vermische es mit flüssigem Kerzenwachs. Gieße fünf Kerzen. Stelle sie von Vollmond bis Vollmond geschützt nach draußen und gehe jede Nacht für eine Stunde zu ihnen und wirke mit Magie deine Intention auf die Kerzen. Lass sie von deinem Wunsch durchdringen, nicht mehr durch deine Gefühle bestimmt zu werden und diese hinter einer Mauer zu verstecken. Die Kerzen werden sich rostbraun färben, wenn sie genug durch die Naturmagie und deine kanalisierte Magie gestärkt sind. Sollte dies nicht in einem Zyklus erreicht sein, wirst du dieses Ritual Weitere durchführen müssen, bis sie mit genug Energie genährt sind.

Um die Magie schlussendlich zu wirken, setze dich in die ersten Sonnenstrahlen, stelle die vier Kerzen in einem Rechteck um dich herum auf, nimm die fünfte Kerze in deine Hand und setze dich in die Mitte. Atme tief durch und löse dich von deinen Gefühlen. Sobald du dies erreicht hast, werden sich die Kerzen von selbst entflammen. Du musst diesen Zustand aufrecht erhalten, bis die Kerzen abgebrannt sind. Sobald die Kerzen abgebrannt sind, wirst du nie wieder in Kontakt mit deinen Gefühlen treten können. Diese Wirkung hält bis zum Tod.

Warnhinweis: Dieser Spruch kann dich und dein Handeln grundlegend verändern. Viele unserer Handlungen und Taten werden durch unsere Gefühle beeinflusst. Deine Ansprüche, Ziele und dein Umfeld werden sich ändern können. Moralvorstellungen wirst du nur noch aufgrund von Sachlichkeit treffen, nicht mehr wegen eigener Intention.

Solltest du sterben, aber ins Leben zurückgelangen, so wird dich die Wucht deiner abgeschotteten Emotionen treffen. Die Fälle, in denen es passiert ist, sind nicht selten dem Wahnsinn verfallen.

Rat der Autorin: Führe diesen Spruch nur aus, wenn du ohne ihn nicht mehr leben kannst und er dich vor einem Suizid rettet, denn einmal ausgesprochen kann er nur selten rückgängig gemacht werden.

Die Ernüchterung sitzt tief. Der Spruch an sich scheint nicht viel zu kosten, aber die Auswirkungen sind lebenslang. Möchte ich echt diesen Preis mein ganzes Leben lang zahlen, um jetzt meine Ruhe zu haben? Nein, das möchte ich nicht.
»Danke, dass du es mir gezeigt hast«, sage ich zu Gabriel.
»Du musst dir keine Sorgen machen, ihr habt vollkommen Recht, der Preis ist zu hoch. Ich werde den Rest meines Lebens nicht auf meine gesamten Gefühle verzichten, auch auf meine Guten, um mir jetzt weiter zu helfen. Außerdem werde ich dann genauso die Zuneigung für meine Mutter verlieren. Das möchte ich nicht.«
Erleichtert schaut er mich an und sagt: »Da bin ich aber beruhigt. Ich könnte mir nicht verzeihen, wenn du dich dafür entschieden hättest und Keran mir sicher gleichermaßen nicht.«

Nach diesem ernüchternden Ergebnis versucht Gabriel, mich wieder aufzuheitern.
»Mach dir keinen Kopf, Kleine Hübsche. Das Leben wird weitergehen und du wirst jemanden Neues finden, der dein Herz erobert. Es braucht jetzt einfach etwas Zeit zum Heilen. Vielleicht bin ich sogar deine nächste Liebe«, sagt schelmisch und zwinkert mir zu.
Unweigerlich muss ich lachen und drücke ihn von mir weg.
»Ich glaube eher nicht, aber wenn du meinst, kannst du dein Glück gerne weiter versuchen. Ich habe deinen Umgang mit Frauen aber noch nicht vergessen«, erwidere ich lachend.
Schlagartig wird seine Miene wieder ernst und er sagt: »Hör mal. Das mit damals tut mir unglaublich leid. Ich weiß selbst nicht, was mich damals getrieben hat, und kann es mir kaum verzeihen. Ebenso mein teilweise aufdringliches Verhalten ist nicht das, was ich dir zeigen wollte. Eventuell waren es meine Inkubustriebe, weil wieder ein Mädchen um mich herum gewohnt hat. Ich habe bis jetzt keine vernünftige Erklärung dafür gefunden. Ich möchte aber, dass du weißt, dass es nicht mehr vorkommt und ich das Gefühl habe, mich aktuell besser unter Kontrolle zu haben.«
Auch ich werde Ernst. Er hat aber Recht. Seit Lian weg ist, hat er kaum noch Anspielungen gemacht, ist mir nicht mehr zu nahe getreten oder hat mich penetrant bedrängt. Ich dachte, dass es mit meiner Abfuhr zu tun hatte oder weil er gemerkt hat, wie rettungslos ich an Lian hänge. Dem scheint aber nicht so zu sein.
»Vielleicht warst du auch nur in Konkurrenz mit deinem Bruder und das ist jetzt vorbei«, werfe ich in den Raum, um eine weitere Überlegung zu teilen.
Er denkt einen Moment über meine Worte nach, schüttelt dann aber den Kopf und sagt: »Es fühlt sich eher so an, als hätte sich der Schleier über meinen Geist gelichtet, als könnte ich wieder klarer sehen und meine Handlungen wieder besser unter Kontrolle haben. Vorher hat es sich angefühlt, als sei ich zwar ich, aber nicht so richtig. Eine Impulskontrolle war kaum möglich, genau wie damals in dem Internat. Als wir hier waren, war es etwas besser, aber mit deinem Auftauchen fühlte ich es wieder schwinden. Daher war ich am Anfang auch so aufgebracht, dass du hier warst. Ich wollte nicht nochmal die Kontrolle über mich verlieren. Was ich leider habe. Ich glaube eher, dass ich mich einfach an deine Anwesenheit gewöhnt habe und recht gut verstanden habe, dass vermutlich niemals etwas zwischen uns laufen wird. Diese Akzeptanz ist gleichzeitig mit Lians Verschwinden gekommen, daher glaube ich nicht, dass es für sich an ihm liegt.«
Weitere Erklärungen fallen mir auch nicht ein, daher sage ich nur: »Warum es auch immer so war, ich bin froh, dass wir diese Zeit hinter uns gelassen haben und mittlerweile normal miteinander umgehen können. Vielleicht werden wir sogar irgendwann richtige Freunde«, füge ich noch scherzend hinzu.
Gabriel packt sich theatralisch ans Herz und rollt sich auf den Rücken und sagt spielerisch: »Worte können treffen, Dalia. So viel Mühe und doch nur ein ›irgendwann richtige Freunde‹. Mein Herz, es bricht.«
Ich stimme herzhaft in sein Lachen ein und wir albern weiter rum, bis uns beiden durch das ganze Lachen die ernsten Tränen über das Gesicht laufen.

Den restlichen Abend verbringen wir wieder damit, zusammen Filme zu schauen, doch die Gelassenheit des Gespräches bleibt nicht lange erhalten. Mich holt schnell wieder die Schwere meiner Gefühle ein. Weder Gabriel, noch Balthasar, der sich an mich kuschelt, können diese wieder vertreiben.

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