Zwischen Chaos, Funken und magischen Geheimnissen

Kapitel 10: Kann man das eine Entschuldigung nennen?

Diese Frage versetzte Finja zuerst in eine Schockstarre. Ihr Blick war zwar auf mich gerichtet, trotzdem schaute sie durch mich hindurch, als würde sie an einen weit entfernten Ort blicken, zu dem ich ihr nicht folgen konnte.
Als sie dann wieder ins Hier und Jetzt kam, murmelte sie so leise, sodass ich sie kaum verstehen konnte: »Das sind Mörder, die auf Suche nach Übernatürlichen sind. Sie töten uns gewissenlos, vollkommen rücksichtlos. Es ist ihnen egal ob Mann oder Frau, ob Kind oder Alt. Sie haben einfach Angst vor dem, was sie nicht kennen und handeln mittlerweile seit Generationen so, ohne es zu hinterfragen.«
Nun richtete sie ihren Blick auf mich und schaute mich eindringlich an, als würde sie um Verständnis bitten, für das, was heute geschehen ist.
»Viele haben Familienmitglieder an die Jäger verloren – auch meine Familie hat einige an sie verloren. Gerade in unserer Funktion als Wächter werden wir oft von Ihnen aufgespürt. Da das bereits seit Jahrhunderten so geht, hat sich ein gewisser Hass auf alle Menschen eingeschlichen. Die Erfahrungen der letzten Generationen kann man schlecht wegwischen oder verneinen. Viele in unserer Generation bekommen den Hass noch mit eingetrichtert und laufen dabei genau in die gleiche Falle wie die Jäger. Sie hinterfragen nicht, schauen sich nicht die heutigen Gegebenheiten an und fangen nicht an, die Dinge neu zu bewerten. Sie sind den Ansichten ihrer Eltern und Großeltern verfallen und verschließen die Augen vor neuen Möglichkeiten. Denn wenn man ehrlich ist, kann meine Generation kaum noch von solchen Erfahrungen sprechen. Sicher, es kommt schon mal vor, dass jemand von uns umgebracht wird – siehe Dilans Cousine – doch das ist mittlerweile die Seltenheit. Genauso bringen auch noch Leute aus meinem Volk Menschen um – doch auch nur noch selten. Um dafür zu sorgen, dass niemand mehr umkommt, ist es sicher am besten, wenn wir uns annähern, miteinander reden und lernen uns zu verstehen. So können wir euch die Angst vor unseren Fähigkeiten nehmen und ihr uns die Angst vor eurer schieren Überzahl. Ich denke ein gutes Miteinander wäre eher von Vorteil, als von Nachteil«, schloss sie ihre Erklärung.
Mittlerweile standen ihr Tränen der Verzweiflung in den Augen. Ich wollte schon zu ihr rüber kriechen, um sie zu trösten, als eine eiserne Stimme hinter mir beinahe dafür sorgte, dass ich vor Schreck einen Herzstillstand bekam.
»Was fällt dir ein, ihr von meiner Cousine zu erzählen? Ich weiß ja, dass du diese verblendete Weltanschauung hast, dass alle glücklich miteinander leben können, doch zieh mich und meine Familie da nicht mit rein. Mein Vater mag vielleicht deine Ansicht teilen, doch nach diesem Experiment wird er selbst merken, dass es zum Scheitern verurteilt ist. Ich kann nur hoffen, dass es nicht zu viele Opfer auf unserer Seite fordert.« Sein hasserfüllter Blick war dabei unverwandt auf mich gerichtet.
Seine Worte und Finjas geknicktes Gesicht, fachten meine Wut, die ich noch immer auf ihn hatte, nur noch mehr an.
Blitzschnell drehte ich mich ihm vollkommen zu und trat mit wütend funkelnden Augen entgegen. Aufgebracht stupste ich mit dem Zeigefinger seine Brust, als ich mit unterdrückter Wut in meiner Stimme erklärte: »Ich habe mittlerweile eine Vorstellung davon, was dein Problem ist. Ich kann sogar deine Vorsicht gegenüber Menschen bis zu einem gewissen Grad verstehen. Doch das heute hat eindeutig eine Grenze überschritten. Hinzunehmen, dass ich verletzt werde, dass irgendjemand verletzt wird, ist nicht in Ordnung. Was wäre, wenn jemand aus deinem Volk deine Cousine getötet hätte? Wärst du mit diesen Personen genauso umgegangen? Unter den Menschen gibt es Mörder – Menschen die auch Menschen umbringen. Trotzdem ist nicht gleich jeder unter Generalverdacht. Und wenn ich den Worten von Finja glauben schenken kann, wird es auch in euren Völkern Mörder geben. Doch auch hier sehe ich keinen Sinn dich unter Generalverdacht zu stellen. Ganz ehrlich – du solltest anfangen zu verzeihen, vielleicht nicht den Jägern, aber den Menschen. Denn ich bin mir ziemlich sicher, dass dir der Großteil von ihnen nichts getan hat – selbst als sie noch von eurer Existenz wussten. Vielleicht haben sie nicht eingegriffen, weil wir nun mal feige sind, doch das hast du heute auch nicht. Ein Argument was in dein Weltbild gepasst hat, was dich bestärkt hat, dass du nicht eingreifen musst, eine einfache Ausrede und du hättest mit angesehen, wie sie mich umgebracht hätten. Zu was macht dich das?«
Ich merkte, wie sich seine Brust unter meinem Finger bei jedem Stupser mehr anspannte. Wie seine Miene mich immer finsterer anblickte und sein Kiefer sich immer mehr anspannte. Ich spürte Gefahr von ihm ausgehen und wich schnell vor ihm zurück. Versteckte mich sogar hinter Finja. Vielleicht war ich zu weit gegangen, aber es ging hier immerhin um mein Leben. Vermutlich sogar nicht nur um mein Leben, sondern das meiner ganzen Familie – und vor allem Pauls Leben. Er hatte noch so viel zu sehen und zu erleben. Ich wollte mir gar nicht vorstellen, was mit ihm in einer solchen Situation geschehen wäre.
Finja hob beschwichtigend die Arme, als sie sagte: »Dilan, beruhig dich. Es ist sicher nicht gut, wenn du dich jetzt aufregst. Geh ihr einfach aus dem Weg, wenn sie dir ein solcher Dorn im Auge ist, doch es ist sicher nicht gut, jetzt gewalttätig zu werden. Geh einfach. Ich werde mich schon um sie kümmern. Ich habe nicht das Gefühl, dass sie ein schlechter Mensch ist, daher brauchst du dir auch keine Sorgen um mich machen. Ok?«
Bei Finjas Worten sackten seine Schultern immer tiefer und er blickte sie mit traurigen Augen an. »So siehst du mich? Gewalttätig? Unberechenbar? Unbelehrbar?«
»Nach vorhin weiß ich nicht mehr, was ich anderes von dir denken soll«, erwiderte Finja traurig.
Dabei spannte sich wieder sein Kiefer an und er richtete den Blick auf mich: »Clarissa, lass uns kurz reden.« Dabei machte er eine auffordernde Kopfbewegung Richtung Flur.
Unbehaglich trat ich von einem Fuß auf den anderen, als ich antwortete: »Ähm. Ich hoffe, du kannst verstehen, dass ich nach der Situation vorhin eher nicht allein mit dir sein möchte. Es liegt nicht daran, was du bist, eher wer du bist und deinem Verhalten mir gegenüber.«
In schwacher Erinnerung an unsere letzte alleinige Begegnung rieb ich mir die Knie, welche sofort Phantomschmerzen ausstrahlten. Darauf konnte ich gut und gerne verzichten.
Genervt strich er sich über die Nasenwurzel und stieß die angehaltene Luft aus. Dann fasste er sich ein Herz und sagte: »Ok. Kann ich verstehen. Ich sage das jetzt nur ein Mal und deswegen musst du mir genau zuhören.«
Ich wartete darauf, dass er weiter machte, doch er fragte nur: »Hast du mich verstanden?«
Stumm nickte ich, in ungewisser Erwartung, was für ein Hassvortrag nun folgen würde.
»Du hast Recht.«
Bei diesen Worten kam Finja ein leises Fiepen über die Lippen. Ich wartete auf mehr, doch es schien nicht mehr zu kommen. Daher schüttelte ich nur den Kopf als, ich sagte: »Ich habe oft recht, doch ich habe dir auch viel zum Nachdenken geben. Willst du mir erklären, womit genau ich recht habe?«
Bei meinen Worten drehte sich Finja erschrocken zu mir um und schaute mich so verzweifelt an, als hätte ich ihr Todesurteil unterschrieben.
Dilan mustere mich genauer, bevor er schwer seufzend antwortete: »Mit allem. Ich kann voreingenommen gegenüber deiner Familie sein, euch im Auge behalten und sicher gehen, dass ihr nichts tut. Trotzdem sollte es abnehmen. Ihr verhaltet euch weit besser, als ich dachte, und du bist sogar vollkommen unvoreingenommen, auch wenn Leute von meinem Volk dich umgebracht hätten. Du hast außerdem damit recht, dass wir auch Mörder in unseren Reihen haben und ich nicht direkt jeden meines Volkes unter Generalverdacht stelle. Aufgrund meiner Geschichte mit den Menschen bin ich einfach voreingenommen. Außerdem war es falsch, bei der Situation heute nicht einzugreifen. Ein unschuldiger Mensch sollte nicht dafür zahlen, was ein anderer verbrochen hat.«
Sowohl Finja als auch ich starrten ihn mit offenen Mündern an. Niemand von uns hatte damit gerechnet. Ich hatte mit weiteren Anschuldigungen, Schimpftiraden auf Menschen und haltlosen Verdächtigungen gegenüber meiner Familie gerechnet – doch nicht damit. Als keine von uns das Wort ergriff, drehte Dilan sich nur schnauben um und ließ uns beide alleine zurück.

Finja fasste sich als Erste von uns beiden und blickte mich mit einem breiten Grinsen an.
»Darauf kannst du dir was einbilden. Feen entschuldigen sich nie oder gestehen einen Fehler ein. Das ist absolut wider ihrer Natur. Sie sind der festen Überzeugung, dass sie sich niemals irren.«
Verwirrt blickte ich sie an. »Feen? Du meinst diese kleinen zehn Zentimeter großen Wesen mit durchsichtigen Flügeln? Diese Gefährtin von Peter Pan?«
»Ja und nein. Die Gefährtin von Peter Pan würde man bei uns eher als Pixie beschreiben, weil sie nicht die Fähigkeit hatte, sich auf menschliche Größe zu ändern und ihre Gestalt zu verstecken. Außerdem haben Pixies so hohe Stimmen, dass du sie als normaler Mensch kaum hören kannst. Bei Feen ist das etwas anders. Sie werden in Menschengröße geboren, haben aber Wege gefunden, sich auf die Größe von Pixies zu verkleinern und ihr magisches Erscheinen zu verstecken, um sich ohne Probleme unter den Menschen zu bewegen. Der Feenstaub, den ich dir ins Gesicht gepustet habe, war auch von Dilan und sollte dich eigentlich vergessen lassen. Naja, auf jeden Fall sind sie eins der vielseitigsten Völker und werden daher oft als Vermittler, Diplomaten und in der Führungsriege eingesetzt. Dieses Ansehen hat dazu geführt, dass sie ganz schön hochnäsig wurden und nur noch die wenigsten ihren Aufgaben vernünftig nachgehen«, erklärte sie mit einem leichten schmunzeln. »Daher ist es umso erstaunlicher, dass sich der Sohn des Vorsitzenden selbst, der sich noch niemals bei jemandem entschuldigt hat, sich heute bei dir – einem Menschen – entschuldigt hat.« Dabei machte sie eine so ausladende Geste, dass ich verstehen musste, wie groß die Sache war.
Mir kam nur ein irritiertes »Ok, aber er hat sich doch gar nicht bei mir entschuldigt« über die Lippen.
»Und ob das eine Entschuldigung war. Das ist mehr Entschuldigung, als du dir vorstellen kannst. Das er sogar zugestimmt hat, dass du recht hast, ist wirklich unglaublich. Und dann hat er es sogar noch vor meinen Augen getan. Das heißt, er kann es nicht abstreiten, wenn es jemals aufkommt. In seinem Volk ist das schon fast eine Schmach. Er muss sich das, was du gesagt hast, wirklich zu Herzen genommen haben und sein Verhalten tatsächlich bereuen«, erklärte Finja.
Ich sah sie nur weiter misstrauisch an, weil sein Verhalten für mich genau das Gegenteil widerspiegelte. Seine Worte waren nur das Mindestmaß gewesen und ich war mir noch nicht sicher, ob es ausreichte, dass ich ihm tatsächlich verzeihen würde. Sicher, sie hatten vermutlich andere Ansprüche als ich und wir lebten in ihrer Gesellschaft, doch musste ich meinen Standard deswegen tatsächlich senken und mich mit dem zufrieden geben, was er gesagt hatte?

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