Zwischen Chaos, Funken und magischen Geheimnissen

Kapitel 12: Was die Zukunft bringt

Ma, Pa, Granny, Paul und ich saßen noch eine ganze Weile weiter am Tisch, ohne dass auch nur einer ein Wort sagte, denn jeder von uns wusste, dass heute bereits genug gesagt wurde. Wir starrten alle nur vor uns auf den Tisch, ohne wirklich zu realisieren, was heute wirklich geschehen war.
Meine Mutter war die Erste, die das Wort ergriff: »Ich mache uns allen noch mal eine heiße Schokolade und dann sollte jeder von uns erst mal für sich seine Gedanken sammeln. Wir sollten unbeeinflusst von den anderen unsere Entscheidung treffen und dann am Ende zu einem gemeinsamen Schluss kommen. Ich halte es nicht für sinnvoll, jetzt darüber zu sprechen, wenn die Gefühle noch so in Aufruhr sind.«
Wir murmelten alle nur zustimmend vor uns hin, ohne ein richtiges Wort an Ma zu richten. Zu sehr waren wir alle in Gedanken vertieft und nicht in der Lage, uns daraus zu befreien. Dieser Umstand machte die Worte meiner Mutter nur noch umso sinnvoller.

Nachdem meine Mutter mir heute bereits den dritten Kakao gebracht hatte, zog ich mich ins Gewächshaus zurück. Mein eigenes Zimmer kam mir zu beklemmend vor, doch nach draußen traute ich mich auch nicht. Der Angriff von Cindy und ihren Gefolgsleuten saß mir wohl tiefer in den Knochen, als ich zugeben mochte.
Nun, so vollständig allein mit meinen Gedanken, war mein Kopf gleichzeitig vollkommen leer. Während Finja da war und der Besprechung hatte ich immer das Gefühl, dass er zum zerbersten voll mit Gedanken war. Doch jetzt, wo ich mir Zeit dafür nehmen wollte, mich mit meinen Gefühlen und den neu gewonnenen Eindrücken auseinandersetzen wollte, schaffte ich es nicht auch nur einen Gedanken zu fassen. Dieser Umstand hatte schon fast etwas Ironisches.
Daher betrachtete ich nun die kleinen Wesen genauer, die ich vorher für Insekten oder kleine Vögel gehalten hatte. Jetzt fiel mir auch auf, dass sie bei Weitem nichts damit gemein hatten. Hätte ich mir nur einen Moment vorher Zeit genommen, sie genauer zu betrachten, sobald sie mal in meine Nähe gekommen waren, wäre ich vielleicht auch früher dahintergekommen. Doch was hätte das schlussendlich für einen Unterschied gemacht? Hätte es einen Unterschied gemacht? Ich war mir darüber nicht sicher.
Wenn ich genauer darüber nachdachte, war Fluff und seine wechselnde Fellfarbe auch schon Hinweis genug gewesen. Ein Teil von mir wollte sich einfach solchen unerklärlichen Wahrheiten verschließen. Ich war viel zu rational und wollte mich nicht mit den Unmöglichkeiten des Lebens auseinandersetzen. Bis jetzt hatte es auch keinen Sinn gemacht, da es bis zu diesem Moment auch keine realistische Möglichkeit gewesen ist. Selbst Paul habe ich seine Erzählung von dem Kelpie nicht geglaubt, auch wenn ich es ihn nie habe spüren lassen. Meiner Überzeugung nach war die kindliche Vorstellungskraft etwas Großartiges, was ich auf keinen Fall durch mein Handeln einschränken wollte. Doch nun stellte sich heraus, dass ich einfach auf einem zu hohen Ross gesessen hatte und nur auf meinen Bruder hinab geblickt habe. Bei dieser Erkenntnis fühlte ich mich schlecht. Viel schlechter als wegen all der Dinge, die heute noch geschehen waren.
Ich war dem magischen Volk nichts schuldig. Ich war Dilan und seiner Familie nichts schuldig. Selbst so betrachtet war ich Paul nichts schuldig. Doch ihm gegenüber habe ich meinen eigenen Vorsatz nicht eingehalten. Ich habe ihn nicht so behandelt, wie ich in dieser Situation behandelt hätte werden wollen. Ich habe ihn nicht auf Augenhöhe gestellt und ihm nicht geglaubt. Mich einfach über ihn erhoben.
Ich merkte, wie sich meine Brust zusammenzog und ein Schluchzen aus meiner Kehle entwich. Bevor ich es wirklich wahrhaben konnte, fühlte ich auch schon eine warme Feuchte über meine Wangen laufen. Trauer, Wut, Frustration gleichermaßen durchfluteten meinen Körper und ich wusste nicht, wohin mit meinen ganzen Gefühlen. Daher stand ich auf, hüpfte voller Kraft auf den Boden, schlug in die Luft und schrie meine Gefühle raus. In diesem Moment war es mir egal, ob mich jemand hörte. Bei allem, was heute passiert war, war es nur verständlich, dass ich so reagierte.

Als ich damit fertig war, spürte ich eine Leichtigkeit in meiner Seele wie den ganzen Tag nicht mehr. Wahrscheinlich sogar nicht mehr, seitdem wir umgezogen waren. In diesem Moment merkte ich auch, dass ich beobachtet wurde. Natürlich von Dilan, wer sollte es auch sonst sein?
Ich straffte meine Schultern und schaute ihn mit unbewegter Miene an.
»Kann ich etwas für dich tun?«
Meine Worte schienen ihn aus seinen Gedanken gerissen zu haben, denn er schüttelte sich und antwortete schnell: »Nein, nein. Ich bin nur hier hingekommen, weil ich dachte, dass dir etwas passiert ist.«
Mit hochgezogener Augenbraue sah ich ihn an.
»Heute ist genug passiert, das diesen Ausbruch rechtfertigt. Wenn du aber meinst, ob ich in akuter Gefahr schwebe, muss ich dich leider enttäuschen. Ich bin noch bei bester Gesundheit und habe nicht vor, daran bald etwas zu ändern.«
Bei meinen Worten verzog er das Gesicht, als hätte ich ihm einen Schlag verpasst.
»Diesen Seitenhieb habe ich wohl mehr als verdient.«
»Hast du mit Sicherheit.«
Zwischen uns breitete sich eine Stille aus, die nicht unbedingt etwas Unangenehmes hatte, trotzdem zum Zerreißen gespannt war.
Gerade, als er sich umdrehen wollte, um das Gewächshaus zu verlassen, hielt ich ihn auf und fragte: »Möchtest du mir beim Denken helfen?«
Ich wusste selbst nicht, warum ich es getan hatte. Auf Dilans Gesicht spiegelte sich die gleiche Verwirrung, die sich in meinem Inneren tummelte.
»Bist du dir sicher, dass du das wirklich möchtest? Nach heute …?« Den Rest ließ er unausgesprochen, doch ich wusste, was er meinte. Er war auch nicht meine erste Wahl, doch gerade er würde mir wahrscheinlich helfen können, die richtige Antwort zu finden. Er war vermutlich ein Spiegel der Mitte der Gesellschaft und damit das, womit ich mich auseinandersetzen musste, sollte ich mich dazu entscheiden, hier wohnen zu bleiben.
»Ja«, sagte ich daher nur, ließ mich wieder auf die Bank sinken und klopfte auf den Platz neben mich.
Er selbst wirkte unsicherer als ich, doch nach einigen Ringen überwand er sich und kam zu mir rüber.
Schweigend saßen wir einige Momente nebeneinander. Auch wenn ich seine Hilfe wollte, wusste ich nicht genau, wie ich anfangen sollte. Mehrere Male holte ich Luft, setzte an, etwas zu sagen, und stieß sie dann doch nur frustriert aus. Meine Gedanken in Worte zu fassen, wollte mir nicht so recht gelingen. Ich wusste genau, welche Gedanken mir auf der Zunge lagen, traute mich trotzdem nicht, diese auszusprechen. Was ich dachte, war nicht fair, nicht wirklich ich. Es passte einfach nicht zu meinem Selbstbild. Trotzdem musste ich mir ein Herz fassen und sie einmal aussprechen – sei es auch nur, damit ich sie danach wieder beiseitelegen konnte.
Daher nahm ich mir ein Herz und sagte: »Ich möchte eigentlich überhaupt nicht hier sein. In London habe ich Freunde, auf die ich mich verlassen kann. Ich habe Schulstoff, bei dem ich hinterherkomme und keine absurden neuen Fächer – oder noch viel schlimmer – viel weniger Fächer, um mich vernünftig auf die Uni vorzubereiten. In London bin ich keinen permanenten Gefahren ausgesetzt, muss mich nicht mit anderen Schülern anlegen, oder mich vor ihnen beweisen. Was ich ganz ehrlich in unserem Alter mittlerweile auch absolut unnötig finde. Die Persönlichkeit sollte gefestigt genug sein. Doch mir ist bewusst, dass es nicht bei allen so ist, auch nicht bei den Menschen. Leider. Es macht mir Angst, dass ich mich mit einer neuen Welt auseinandersetzen muss, die mir fast vollkommen feindlich gegenüber eingestellt ist. Dein Verhalten, das Verhalten von Cindy und den drei D’s macht die Vorstellung hierzubleiben nicht gerade angenehmer. Ein Teil von mir, und der ist nicht gerade unerheblich groß, möchte einfach ›Fickt euch‹ sagen und das alles hier ohne einen weiteren Gedanken zurücklassen.«
Ich machte eine kurze Pause und dachte noch einen weiteren Moment nach. Denn wenn auch alles stimmte, was ich gerade von mir gegeben hatte, wühlten trotzdem noch andere Gefühle in meinem Inneren. Ich sah Dilan nicht an, um zu schauen, was meine Worte bei ihm ausgelöst hatten.
»Aber das ist nicht alles. Wenn ich daran denke, wie sehr Elvas, Finja und Fluff daran glauben. Mir vorstelle, dass sogar Simon seinen Groll überwunden hat und uns offen gegenüber getreten ist, frage ich mich, wie schwer tatsächlich diese ganzen Gründe wiegen. Ich kann hier bei etwas Großem helfen. Für mehr Aufklärung sorgen und dabei unterstützen, eine Brücke zwischen unterschiedlichen Völkern zu schlagen. Das ist mehr, als die meisten anderen Menschen in ihrem Leben erreichen können – etwas tatsächlich Großes und Bewegendes. Allein die Vorstellung, dass so etwas schon jetzt möglich ist, an so etwas Bedeutendem teilzuhaben ist eine unglaubliche Chance, die nur wenigen gegeben wird und diese Chance einfach auszuschlagen fühlt sich auch nicht richtig an.« Jetzt, wo ich alle meine Gedanken einmal ausgesprochen hatte, traute ich mich auch, Dilan anzuschauen.
Er hatte die Stirn in Falten gezogen und das Gesicht zu einer Grimasse verzehrt. Als würden ihn seine eigenen Gedanken schmerzen. Ich wartete einen Moment und knetete ungeduldig meine kalt schwitzigen Hände. Mir war das alles äußerst unangenehm. Doch ich wusste, dass es manchmal mehr half, mit einem Fremden über seine Gedanken zu sprechen, als mit Menschen die einem lieb und teuer sind.
Als er nach weiteren fünf Minuten noch immer keine Antwort gab, war ich bereits ganz zappelig und stupste ihn vorsichtig von der Seite an.
»Hast du noch immer keine Antwort für mich?«, fragte ich vorsichtig und versuchte meine nun mittlerweile aufkommende Unsicherheit zu verbergen.
Meine Worte schienen ihn vollkommen aus deinen Gedanken gerissen zu haben, denn er blickte mich erschrocken an.
»Alles gut?«, die Vorsicht in meiner Stimme war kaum zu überhören. Wie sollte ich aber auch anders? Bis jetzt war er mir gegenüber nicht besonders friedfertig aufgetreten. In einer solchen Situation mit allem rechnen.
»Ja, ich war nur in Gedanken. Ehrlich gesagt weiß ich nicht, was ich dir raten soll. Ich selbst würde mich an deiner Stelle vermutlich aus dieser Situation rausziehen und den einfachen Weg gehen. Ehrlich gesagt weiß ich auch nicht, ob ich deine Einstellung bewundernswert oder erschreckend finde. Ich würde mich niemals im gleichen Maß für andere aufopfern. Was würde mir das auch bringen?«
»Selbsterfüllung«, unterbrach ich ihn, ohne auch nur einen Moment weiter darüber nachzudenken.
Jetzt schaute er mich noch verwirrter an als zuvor.
Daher erklärte ich ihm: »Hilfsbereite Menschen sind ausschließlich hilfsbereit, weil es ihnen selbst etwas gibt. Entweder lieben sie die Anerkennung, die durch andere Menschen dafür bekommen oder es gibt ihnen einfach einen Selbstwert. Diese Selbstlosigkeit ist meistens nur etwas das wir tun, damit wir uns selbst besser fühlen.«
Jetzt zog er seine Stirn noch mehr in Falten.
»Das ist aber eine ziemliche drastische Ansicht darüber«, erwiderte er und wirkte dabei nicht sonderlich zufrieden.
»Ich finde, das ist sogar noch die optimistische Ansicht darüber. Diese beruht nämlich ausschließlich auf dem freien Willen. Es gibt auch andere Situationen, bei denen ist das nicht so. Da wurden sie von Anfang an so erzogen, dass sie sich immer zurücknehmen müssen. In diesem Fall hat es nichts mit Selbsterfüllung zu tun und sorgt eher dafür, dass sie sich unglücklich und ausgelaugt fühlen. Aber dieser Fall ist für meine Entscheidung vollkommen irrelevant«, schloss ich meine Erklärung und lief rot an. Ich war ins Brabbeln gekommen, ohne auch nur einen Moment darüber nachzudenken, und das war mir wirklich unangenehm. Das war eine meiner schlechtesten Eigenschaften. Immer wenn ich aufgeregt oder nervös war, fing ich an zu brabbeln. Doch Dilan schien das überhaupt nicht aufzufallen, denn er schaute mir nur eindringlich in die Augen, was nicht gerade dafür sorgte, dass ich mich besser in meiner Haut fühlte. Ich wurde noch unruhiger und merkte, wie sich mein Puls beschleunigte. Ich musste von ihm weg, brauchte mehr Raum und musste einen Moment durchatmen. Doch mein Körper wollte mir einfach nicht gehorchen. Stattdessen beugte dieses verräterische Ding sich sogar noch ein Stück weiter zu ihm nach vorne.
Wir verharrten beide einen Moment so, bis Dilan zuerst vor mir zurückwich, was mir die Kraft gab, noch weiter von ihm abzurücken. Noch immer von Sinnen schüttelte ich meinen Kopf und versuchte, einen klaren Gedanken zu fassen.
Doch bevor ich mich für mein seltsames Verhalten entschuldigen konnte, sagte er bereits: »Ich sollte wieder zurückgehen. Ich glaube nicht, dass ich dir hierbei eine große Hilfe sein kann. Wir sehen uns dann morgen oder einen anderen Tag. Hoffentlich findest du noch eine passende Antwort für dich.« Dabei wirkte er genauso verwirrt, wie ich mich fühlte.

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