Zwischen Chaos, Funken und magischen Geheimnissen
Kapitel 13: Menschenkenntnis
In der Nacht konnte ich kaum ein Auge zumachen. Zu sehr verwirrte mich das, was gestern geschehen war. Die Gedanken darüber, dass tatsächlich so etwas wie eine magische Gesellschaft möglich war, versetzte mich noch immer in Aufregung. Nicht nur das, sondern auch die Tatsache, dass Personen, denen ich tatsächlich begegnet bin, dazugehörten. Und ich hatte nichts davon gemerkt. Vielleicht wollte ich es auch einfach nicht sehen und weiter blind durch mein Leben gehen.
Außerdem sind meine Gedanken auch immer wieder zu Dilan und den unterschiedlichsten Situationen mit ihm geflogen. So richtig wurde ich einfach nicht schlau aus ihm. Zuerst war er mir gegenüber kaum zu ertragen und dann saß er mit mir auf einer Bank und hörte einfach meinen Gedanken zu. Ich konnte verstehen, warum er meiner Familie und mir gegenüber so vorsichtig gehandelt hatte – teilweise sogar aggressiv. Der Verlust seiner Cousine musste ihm wirklich nah gegangen sein. Doch ich verstand nicht, warum er sein Verhalten so schnell änderte. Das war die Sache, die einfach nicht in meinen Kopf gehen wollte.
Als mein Wecker klingelte, sah ich ihn Mitleidserhaschend an, auch wenn mir natürlich bewusst war, dass diese Dinger gnadenlos waren. Mit einem Seufzen quälte ich mich aus meinem Bett, ging zum Schreibtisch und murmelte: »Du hättest mir ruhig etwas mehr Schlaf gönnen können. Ich werde vermutlich heute ohnehin nicht zur Schule gehen. Darauf kannst du gerne Rücksicht nehmen.«
Auch wenn ich meinem Wecker Vorhaltungen machte, war mir klar, dass es auch nichts gebracht hätte, wenn er nicht geklingelt hätte. Ich hätte sowieso nicht schlafen können und das hier war jetzt nur eine gute Chance, sich endlich aufzumachen und sich dem Gespräch mit der Familie zu stellen.
Unten in der Küche angekommen merkte ich, dass bereits alle wach waren und mich mit müden Blicken anstarrten. Sie hatten wohl eine ähnlich schlechte Nacht wie ich.
»Endlich bist du da«, murrte Paul mich an. Der Vorwurf in seiner Stimme war kaum zu überhören.
»Ich hatte versucht, noch etwas Schlaf zu bekommen. Es ist mir aber offensichtlich genauso gut gelungen wie dir«, zog ich ihn auf und ignorierte seine schlechte Laune. Ich hatte nicht vor, mich von ihm noch weiter runterziehen zu lassen.
»Lass Class zuerst eine Kleinigkeit essen und etwas trinken. Die paar Minuten mehr oder weniger werden auch keinen großen Unterschied machen. Dann werden wir uns alle zusammensetzen und in Ruhe unsere Gedanken teilen.«
Paul zog einen Schmollmund, nickte aber widerwillig. Dankbar sah ich meine Mutter an und schnappte mir das vorbereitete Brot und den Kaffee von der Theke.
Nachdem ich damit fertig war, war jedoch in allen Gesichtern eine gewisse Ungeduld zu erkennen und mit einem Seufzen setzte ich mich zu ihnen an den Tisch. Ich hatte mich schweren Herzens für meinen Weg entschieden. Hatten sie das wohl auch getan? Doch diesmal würde ich mich nicht, anders als bei dem Umzug, von ihnen umstimmen lassen.
Mein Vater sprach als Erstes: »Da ich euch nicht beeinflussen möchte, würde ich euch bitten, eure Ansichten und Gedanken zuerst zu teilen. Ich werde mich der Mehrheitsentscheidung anschließen, doch bevor wir eine schlussendliche Entscheidung treffen, teile ich meine Gedanken mit euch. Wer von euch möchte anfangen?«
Granny hob noch schneller die Hand als Paul. Mit einem verschmitzten Lächeln, das viel jünger wirkte, als sie tatsächlich war, sagte sie: »Da musst du noch ein paar Jahre mehr auf dem Buckel haben, bis du so schnell bist wie ich.«
Dann verfinsterte dich ihre Miene wieder und sie erklärte: »Es tut mir leid, dass ich euch nicht vorher informiert habe, was hier vor sich geht. Es muss sicher ein großer Schock für euch gewesen sein, so davon zu erfahren. Ich war zwiegespalten, doch mir ist kein besserer Weg eingefallen, wie ich euch hätte erklären können. Vermutlich hättet ihr meinen Worten ohne Beweise keinen Glauben geschenkt und mich einfach in eine Behandlung geschickt. In diesem Fall hätte ich euch nicht mit meinem Wissen unterstützen können und ihr wärt vermutlich trotzdem hier hingezogen. Ich hoffe, ihr könnt insofern zumindest meine Beweggründe verstehen, warum ich euch nicht informiert habe. Nun zu meiner Entscheidung – ich möchte mich noch mehr mit der Welt auseinandersetzen, die mir verborgen blieb und ein solch großer Teil des Lebens meiner Eltern war. Ich möchte verstehen, was sie mir damals erzählt haben und die Wunder mit meinen eigenen Augen begreifen. Und ich möchte jetzt, in den letzten Tagen, bevor es zu Ende geht, die Chance nutzen, Wunder mit meinen eigenen Augen zu sehen. Für mich ist es eine einmalige Gelegenheit, nein die letzte Gelegenheit und ich möchte sie gerne ergreifen. Wenn euch mein Wunsch in eine unglückliche Lage bringt, kann ich das verstehen. Doch ich habe bereits mit Elvas gesprochen und er hat mir versichert, dass ich auch ohne euch hierbleiben werde können. Natürlich würde es mir unglaublich leidtun, euch alleine zu lassen. Doch trotzdem halte ich es für die richtige Entscheidung und ich hoffe inständig, dass ihr mich verstehen könnt, auch falls ihr nicht mit mir hierbleibt.«
Wir alle nickten nur, ohne etwas dazu zu sagen. Dies war nicht der Moment, in dem darauf eingegangen wurde, oder wir anfingen zu diskutieren. Jeder sollte zuerst den Raum bekommen, seine Gedanken mitzuteilen, ohne Sorge davor zu haben, dass er oder sie direkt konfrontiert wurde.
Als Nächstes fing Paul an, der sich vor Aufregung kaum noch auf dem Stuhl halten konnte. »Ich möchte auch hierbleiben. Ehrlich gesagt weiß ich nicht genau, was Class passiert ist, aber die meisten meiner Mitschüler waren nett zu mir und haben mir ganz viele Fragen gestellt. Keiner war wirklich gemein zu mir. Ganz anders als in der alten Schule. Ich glaube wirklich, dass ich hier die Chance bekomme, Freunde zu finden. Dass ich dazu sogar noch Magie zu sehen bekomme, ist natürlich extra cool. Wenn die anderen wüssten, was ihnen entgeht, wären sie bestimmt neidisch. Deswegen möchte ich genauso wie Oma hier wohnen bleiben. Wenn ihr nicht wollt, könnt ihr mich ja einfach bei Oma lassen.«
Bei dem letzten Teil konnten wir uns alle ein kleines Lächeln nicht verkneifen, da auch ihm bewusst sein musste, dass das keine realistische Option ist. Selbst ich durfte nicht alleine in London zurückbleiben.
Nachdem wir alle wieder unser Schmunzeln unter Kontrolle bekommen hatten, fragte ich: »Kann ich als Nächstes weiter machen?« Ich wollte meiner Mutter nichts vorweggreifen und uns war allen bewusst, dass ihre Entscheidung und die Entscheidung meines Vaters maßgeblich war, auch wenn sie unsere Bedenken mit einbezogen.
»Nur zu, Liebes«, forderte meine Mutter mich auf. Dabei lag ein Schimmer der Hoffnung in ihren Augen und ich merkte, dass ich ihn enttäuschen würde.
»Ich möchte trotz der gestrigen Ereignisse auch hierbleiben. Ich weiß, dass ich mich am Anfang gewehrt habe, überhaupt hier hinzukommen. Die Gründe wieder von hier wegzuziehen, sind noch immer die gleichen, wenn nicht sogar noch mehr. Trotzdem halte ich das, was wir hier tun können, für eine unglaubliche Chance, die man vermutlich kein zweites Mal in seinem Leben bekommt. Ich kann es nicht so richtig in Worte fassen, was hier genau der ausschlaggebende Punkt ist. Mein Bauchgefühl sagt mir jedoch, dass es die einzig richtige Entscheidung ist.« Vorsichtig schaute ich meine Mutter nach meinen Worten an. Ich hatte recht, auch wenn sie versuchte, es zu verbergen, war es doch in ihren Augen zu sehen. Enttäuschung. Dieser Blick traf mich mitten ins Herz. Ein Teil von mir hätte gerne einfach die Worte zurückgenommen und das gesagt, was sie sich gewünscht hätte. Doch ich wusste, dass ich mir dann selbst nicht mehr treu geblieben wäre.
Mit einem tiefen Seufzen begann sie dann zu erklären: »Ich möchte von hier wieder wegziehen. Ich kann alle Gründe, die ihr mir bis jetzt gesagt habt, sehr gut verstehen. Dennoch halte ich es trotz Elvas Angebot für viel zu gefährlich hierzubleiben. Allein der Gedanke, dass ihr euch jeden Tag in Gefahr begebt, gefällt mir nicht. Ich werde hier sicher sein und keiner Gefahr ausgesetzt. Doch das macht das alles nur umso schlimmer. Was ist, wenn euch etwas passiert, gerade weil ich die Entscheidung getroffen habe, dass wir hierbleiben sollen? Paul, Class. Ihr seid noch nicht erwachsen und ich habe nicht das Gefühl, dass ihr die Gefahr richtig einschätzt. Ich weiß auch nicht genau, was gestern in der Schule passiert ist. Ich weiß nur, dass Class danach vollkommen geschockt aussah. Ich möchte nicht, dass so etwas noch einmal passiert, wenn ich hier und jetzt einen Schlussstrich darunter ziehen kann. Natürlich tut es mir für Elvas leid, dass wir ihm nicht bei seinem Projekt helfen werden. Doch ich bin nicht bereit, dafür das Leben meiner Familie aufs Spiel zu setzen.«
Auch wenn ich mit etwas Ähnlichem gerechnet hatte, versetzten ihre Worte mir trotzdem einen Stich. Das war kein Verhalten, das zu meiner Mutter passte. Normalerweise war sie die Hilfsbereiteste von uns allen. Dass sie nun einen solchen Rückzieher machen wollte, passte einfach nicht mit der Frau zusammen, die ich bereits mein Leben lang kannte.
Nicht nur mich schienen ihre Worte getroffen zu haben, denn alle am Tisch schauten sie so an, als hätten sie eine fremde Person vor sich sitzen.
Meine Mutter merkte die Blicke von uns auf ihr lasten und sie begann, sich zu rechtfertigen, auch ohne das jemand von uns auch nur ein Ton gesagt hatte: »Ich kann wirklich verstehen, warum ihr hierbleiben wollt. Doch es macht mir Angst – dieses Unbekannte. Das ist eine Größe, die wir nicht vernünftig einschätzen können. Ich heiße vielleicht nicht das gut, was die Jäger getan haben, doch ich kann ihre Vorsicht durchaus verstehen. Sie haben Kräfte, die wir nicht einschätzen können. Sie können uns ernsthaft damit verletzen, ohne dass wir uns dagegen vernünftig wehren können. Wir sind auf die Hilfe von jemandem anderen angewiesen, damit es hier überhaupt sicher für uns ist. Das solltet ihr alle bedenken, bevor ihr mich verurteilt.«
Tatsächlich sorgten ihre Worte bei mir genau für das Gegenteil. Diese Voreingenommenheit passte einfach nicht zu ihr.
Auch mein Vater blickte sie mit traurigen Augen an, bevor er sagte: »Ich habe zwar gesagt, dass ich keine Position beziehen werde und mich der Mehrheit beugen werde. Trotzdem sehe ich mich jetzt gezwungen, ein paar Gedanken loszuwerden. Zuerst mal Tessi – was ist denn los mit dir? Das kenne ich überhaupt nicht von dir. Ich dachte, ich müsste mich den Ängsten der Kinder beugen und deswegen von hier wegziehen. Doch ich habe nicht damit gerechnet, dass gerade du dagegen sein würdest. Ist etwas vorgefallen, von dem ich nichts weiß? Möchtest du mit mir über etwas reden, damit ich dein Verhalten verstehen kann? Gerade du neigst doch dazu, eher unvoreingenommen zu sein. Egal, was ist oder wer vor dir steht. Selbst bei großen Männern, die dich ohne Probleme überwältigen könnten, neigst du doch nicht dazu, voreingenommen zu sein.«
Bei den Worten meines Vaters zuckte meine Mutter zusammen und schaute niemanden von uns in die Augen. Sie presste nur widerwillig ihre Lippen zusammen.
Als nach einer kurzen Pause noch immer keine Reaktion durch sie kam, fuhr mein Vater fort: »Wie du meiner Reaktion entnehmen kannst, möchte ich auch, dass wir hierbleiben. Der Kinder zuliebe wäre ich weggezogen, doch für mich ist es eine unglaubliche Chance. Ich kann einer kompletten neuen Gesellschaft unsere Geschichte beibringen. Ihnen unseren Blickwinkel auf die Geschichte beibringen und selbst noch so viel lernen. Das ist die perfekte Chance, einen offenen Diskurs zu führen und so unsere beiden Völker einander näherzubringen. Ich denke nicht, dass ich noch weitere Gründe ausführen muss. Ich kann sogar die Bedenken um unsere Sicherheit nach dem gestrigen Tag sehr gut verstehen. Trotzdem ändert das nichts an meiner Einstellung. Ich werde jedoch mit Elvas noch über weitere Möglichkeiten sprechen, mit denen wir uns im Ernstfall selbst verteidigen können. Kinder, ich glaube, ihr könnt auf eure Zimmer gehen. Für heute sind wir vom Unterricht befreit. Ich werde jetzt noch mal ein paar Worte mit eurer Mutter unter vier Augen sprechen. Diese Entscheidung wird ihr sicherlich zu schaffen machen und ich möchte, dass sie uns versteht und mit uns zusammen hinter dieser Entscheidung steht.«
Mit diesen Worten schloss unser Vater das Gespräch und wir machten uns wie befohlen auf den Weg in unsere Zimmer. Auch wenn mir meine Mutter leidtat, konnte ich nicht verhindern, dass ein Lächeln der Erleichterung über meine Lippen huschte.
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