Zwischen Chaos, Funken und magischen Geheimnissen
Kapitel 16: Bedenken
Der restliche Ausflug verlief genauso aufregend wie schon zu Anfang. Nur die Geschäfte, die Dilan vorgeschlagen hatte, hatten wir nicht besucht. Tatsächlich wirkte es auf mich so, als wollte uns Elvas besonders von ihnen fernhalten. Das kam noch zusätzlich auf meine List an Fragen, die ich geklärt haben wollte.
Tatsächlich freute ich mich heute etwas mehr auf die Schule. Doch gleichzeitig fürchtete ich mich auch mehr. Jetzt konnte ich die wahre Gestalt meiner Mitschüler sehen und ich weiß nicht genau, ob das unbedingt etwas Gutes sein musste. Wenn ich mir die Schauergestalten aus den Märchen vorstellte, hatte ich schon ein bisschen Respekt. Die Vorstellung, dass ich nicht unvoreingenommen gegenüber allen sein konnte, obwohl ich das sein wollte, fand ich schade. Doch ich wusste, dass ich meine natürliche Reaktion gegenüber einem gefährlichen Aussehen nicht unterdrücken konnte.
Trotzdem versuchte ich mich jetzt nicht mit diesen trüben Gedanken zu befassen, sondern eher mit den positiven Dingen. Ich würde vermutlich auch mehr Fantastisches oder Unerklärliches zu sehen bekommen, als ich mir jemals vorstellen könnte. Ich konnte Fragen stellen und Wissen erlangen, zu dem ich vorher keinen Zugang gehabt hatte. Die mir unbekannten Möglichkeiten wirkten schon fast ungreifbar für mich.
Tatsächlich musste mich diesmal nicht der Wecker aus meinem Bett klingeln, denn dafür hatte bereits das Adrenalin gesorgt. Selbst meine Mutter war erstaunt, wie energetisch ich am Morgen war. Ich gehörte nicht unbedingt zum Team Morgenmuffel, doch ein Sonnenschein war ich auch nicht.
Gestern hatte ich noch mit Dilan gesprochen, dass er heute mit Paul und mir gemeinsam zur Schule geht und wir nicht wieder von meinem Vater gefahren werden. In Zukunft wollte ich diesen Weg alleine bestreiten können, ohne auf andere angewiesen zu sein. Natürlich stand ich zwar permanent unter Elvas Schutz, doch ich würde noch lernen, mich selbst zu verteidigen. Dann wäre auch das in Zukunft kein Problem mehr, mit dem ich mich herumschlagen müsste. Mir lag es nämlich nicht, für andere eine Belastung zu sein. Ich war der Ansicht, dass man seinen Alltag alleine bewältigen sollte und das man in schwierigen Situationen natürlich immer Hilfe anfordern konnte, jedoch diese nicht erwarten sollte.
Das Klingeln an der Tür sorgte dafür, dass ich direkt aufsprang und meine Tasche griff. Doch bevor ich losstürmen konnte, hielt mich meine Mutter am Arm fest und fragte: »Und du bist dir ganz sicher, dass du das wirklich möchtest? Du musst dich nicht aus irgendwelchen edeln Beweggründen dieser Gefahr aussetzen. Ich werde dich unterstützen, wenn es dir zu riskant ist. Ich möchte nur, dass du weißt, dass weder dein Vater noch ich enttäuscht von dir sind, wenn du nicht bereit bist, das alles erneut durchzumachen.«
Ihre Worte machten mich sprachlos, doch ich versuchte sie einfach als das zu nehmen, was sie vermutlich waren – die Sorge einer Mutter. Ganz unberechtigt waren sie auch nicht. Trotzdem fand ich es schade, dass sie selbst nach dem Besuch der Stadt noch immer so voreingenommen war. Natürlich waren nicht alle nett zu uns gewesen, doch niemand hatte versucht und proaktiv zu schaden und manche waren sogar sehr interessiert an uns. Doch eher, als wären wir ein interessantes Forschungsobjekt und keine richtigen intellektuelle Lebewesen, mit denen man sich unterhalten konnte.
Auch das konnte ich aber verstehen. Die meisten von ihnen hatten bestimmt noch nie in ihrem Leben einen Menschen zu Gesicht bekommen. Außerdem konnte ich mir gut vorstellen, dass über uns ähnliche Schauergeschichten erzählt wurden, wie uns über sie.
Aus all diesen Gründen versuchte ich bei meiner Antwort nicht so gereizt zu klingen, wie ich mich fühlte.
»Ma. So wirst du mich nicht von deinem Standpunkt überzeugen. Aus dir spricht ausschließlich die Angst und keine der anderen guten Eigenschaften, die du an dir hast. Ausschließlich Angst ist nie ein guter Berater. Vielleicht solltest du heute noch mal alleine ins Dorf gehen oder wider der Absprachen dir einen Minijob suchen, damit du selbst mit den Leuten hier in Kontakt kommst. Ich denke, wenn du deine eigenen Erfahrungen machst und nicht nur auf unsere Erzählungen hörst, wird das einen großen Unterschied machen. Und solltest du tatsächlich so schlimme Erfahrungen machen, die es dir unmöglich machen, länger hier zu wohnen, werden wir sicher dafür alle Verständnis haben und mit dir hier wegziehen. Nur leider muss ich dich darauf aufmerksam machen, dass deine Angst, ohne jegliche eigene Erfahrung, nicht dafür ausreichen wird, auch nur einen von uns zu überzeugen.«
Meine Mutter schaute mich an, als hätte ich sie geschlagen. Ein Teil von mir hätte gerne beschwichtigend auf sie eingeredet, doch ich meinte jedes Wort, das ich sagte, vollkommen ernst. Daher wäre jede Beschwichtigung meinerseits eine Lüge gewesen.
Deswegen drückte ich sie nur leicht an mich, als ich etwas sanfter sagte: »Ich weiß, dass es nicht leicht ist, doch du solltest dich dem stellen. Ich habe dich lieb und das wird sich auch nicht ändern, nur weil du dich anders verhältst als sonst. Doch ich vertraue auf dich und wünsche dir noch einen tollen Tag. Denk über meine Worte nach und …«
Bevor ich noch etwas Weiteres sagen konnte, rief mein Bruder schon: »Class, jetzt komm schon. Sonst kommen wir noch zu spät zur Schule. Außerdem wird Dilan nicht für immer auf uns warten.«
Mit einem letzten traurigen Lächeln und einem kleinen Winken verabschiedete ich mich von meiner Mutter und machte mich auf den Weg.
Als ich Dilan in der Tür stehen sah, waren sofort alle Gedanken an das Gespräch mit meiner Mutter vergessen. Gerne hätte ich gesagt, dass ich mich bereits an sein neues Erscheinungsbild gewöhnt hatte, doch davon konnte keine Rede sein. Trotzdem gab ich mein bestes, es mir nicht anmerken zu lassen.
»Morgen. Tut mir leid, meine Ma wollte noch etwas klären. Ich hoffe ich habe euch nicht zu lange warten lassen«, erklärte ich mich.
Dilan wollte das schon mit einer Bewegung abtun, doch Paul jammerte: »Du bist viel zu spät. Ich wollte mich bereits fünfzehn Minuten vor Schulbeginn mit meinen neuen Freunden treffen und jetzt komme ich zu spät.«
Ich zerstrubbelte ihm die Haare, als ich antwortete: »Sie werden diese drei Minuten sicher verkraften können.«
Diesmal meldete sich auch Dilan zu Wort und sagte: »Zu aller erst, wünsche ich auch einen guten Morgen. Paul, du musst dir keine Sorgen machen. Wir werden sicherlich noch immer rechtzeitig ankommen und du wirst niemanden warten lassen müssen – auch ohne das wir uns besonders beeilen.«
Während Paul mir einen finsteren Blick zuwarf, als er seine Haare richtete, grinste er Dilan strahlend an, als er antworte: »Dann sollten wir ja losgehen, damit deine Worte auch Wirklichkeit bleiben«, und scheuchte uns beide aus dem Haus.
Auch wenn ich mich ungern von meinem kleinen Bruder herumschubsen ließ, erfreute es mich diesmal doch. Bis jetzt war er noch nie gerne zur Schule gegangen und das war der erste Schritt in die richtige Richtung. Vielleicht war das der Zeitpunkt, ab dem er endlich heilen konnte.
Daher zuckte ich nur die Schultern und sagte spöttisch: »Wie ihr befehlt, eure Majestät.«
Auf dem Weg zur Schule merkte ich immer mehr, wie die Aufregung an mir zu zehren begann. Ich konnte überhaupt kein Gespräch mit Dilan führen und war in meinen eigenen Gedanken gefangen.
Dieser schien das zu bemerken und schnipste mit den Fingern vor meinem Gesicht, als er sagte: »Du musst dir wirklich keine Sorgen machen wegen heute. So etwas wie vorgestern wird nicht noch mal passieren. Ich verspreche es dir.«
Ich lächelte ihn nur freundlich an und erklärte: »Darum mache ich mir keine Gedanken. Ich stehe hinter meiner Entscheidung und neige nicht dazu, solche zu bereuen. Ich bin nur sehr aufgeregt auf die anderen Schüler. Jetzt, wo ich so viel mehr weiß und auch sehen kann, bin ich doch schon etwas nervös. Doch es ist keine Angst, sondern einfach nur Aufregung. Ich weiß nicht genau, wie ich es sonst beschreiben soll.«
Obwohl ich von meinen eigenen Worten komplett überzeugt war, schaute Dilan mich eher kritisch an. Als würde er nicht so recht daran glauben, was ich soeben gesagt hatte. Ich konnte es ihm nicht ganz verdenken. Vermutlich würde es mir an seiner Stelle ähnlich gehen.
Als wir der Schule näher kamen und immer mehr Schüler in Sichtweite kamen, traute ich mich tatsächlich nicht, sie direkt anzuschauen. Ich hatte zu großen Respekt davor. Ich hielt mich für nicht standhaft genug, komplett über ihr Äußeres hinweg zu schauen, doch wollte trotzdem weiter unvoreingenommen sein. Mir ist nur noch nicht die Lösung eingefallen, wie ich das zustande bringen sollte.
»Wenn du kein Problem mit uns hast, warum schaust du dann überall hin, nur nicht zu unseren Mitschülern?«, fragte mich Dilan direkt. Die Frustration in seiner Stimme war kaum zu überhören.
Kurz sah ich ihn an, bevor ich schnell wieder wegschaute, damit ich eine Chance bekam, die richtigen Worte zu finden.
»Es ist nicht so, wie du denkst. Jetzt schau mich nicht so an, ich meine das tatsächlich so. Ich bin nur oberflächlicher, als ich dachte. Ich will mich nicht von eurem Glanz einlullen lassen und ich möchte niemanden ablehnen, nur weil er in meinen Augen besonders gefährlich wirkt. Ich weiß noch nicht recht, wie ich das vernünftig einordnen soll. Ich muss das erst lernen. Ich kann das nicht von einem Tag auf den anderen. Ich kenne euer Äußeres überhaupt nicht. Ich weiß, dass das nicht fair ist und ich mich sehr voreingenommen verhalte. Ich werde auch mein bestes geben, es keinen Einfluss auf mich haben zu lassen, doch …«, abrupt wurde ich von Dilan unterbrochen.
»Hey. Hey. Hey. Alles gut. Ich habe es verstanden und verurteile dich nicht dafür. Ehrlich gesagt bist du viel offener, als ich überhaupt dachte. Daher mach dir keine Sorgen, du wirst das schon schaffen«, erwiderte er erstaunlich sanft.
Zögerlich schaute ich ihn an, konnte aber nichts Abwertendes in seinem Blick erkennen. Daher atmete ich auf.
Doch ich hatte mich zu früh gefreut, denn jetzt sagte Paul streng: »Class. Das ist aber nicht richtig von dir. Wie willst du dich denn so in der Schule zurechtfinden? Vermutlich sind sogar die, die am gefährlichsten aussehen jene, die am freundlichsten sind und die schönsten am tükischsten.« Dabei schaute er Dilan kritisch an und meinte: »Genau wie er. Du bist auch noch nicht aus dem Schneider. Ich weiß ganz genau, wie du uns, aber vor allem meine Schwester behandelt hast. Ich werde ein Auge auf dich haben und solltest du ihr erneut weh tun, wirst du es mit mir zu tun bekommen.«
Bei Pauls Worten zuckte ein leichtes Lächeln an Dilans Lippen, doch er riss sich zusammen, als er antwortete: »Wie ihr befiehlt, junger Herr.«
Paul betrachtete ihn noch einen Moment kritisch, bevor er sich nickend abwandt.
»Da vorne sind meine Freunde. Wir sehen uns nach der Schule«, sagte er dann und war bereits verschwunden, bevor ich noch etwas darauf erwidern konnte.
»Und so schnell sind sie weg«, sagte Dilan und zog damit wieder meine Aufmerksamkeit auf sich. »Mach dir nicht zu viele Gedanken über die Oberflächlichkeiten unsere Mitschüler. Allein das du dir schon den Kopf darüber zerbrichst, zeigt mir nur, dass es dir wichtig ist, so unvoreingenommen wie möglich zu sein. Der Rest wird sich mit der Zeit schon ergeben. Da bin ich mir ziemlich sicher.«
Gerade von ihm hatte ich nicht mit so aufbauenden Worten gerechnet. Daher konnte ich ihn nur mit offenem Mund anstarren und ganz langsam nicken.
Da ich ansonsten nicht richtig antwortete, seufzte er nur schwer und sagte: »Komm. Lass uns auch zur Schule gehen. Tatsächliche Begegnungen werden dir deine Sorgen schon nehmen.«
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