Zwischen Chaos, Funken und magischen Geheimnissen

Kapitel 18: Und dann war ich ein Geist

Tatsächlich waren die Mitschüler weit weniger aufregend, als ich dachte. Die meisten von ihnen hatten tatsächlich eher eine menschenähnliche Gestalt. Zwar gab es hier und da einen Ausreißer, aber im Großen und Ganzen wirkten sie eher normal. Wenn man von der übernatürlichen Schönheit einmal absah.
Als ich mich in den ersten Klassenraum setzte, um mich wieder mit Mathe rumzuschlagen, beachtete mich niemand mehr. Weder wurden mir böse Blicke zugeworfen, noch wurde ich interessiert angestarrt. Es war eher so, als wäre ich überhaupt nicht existent.
Sobald Finja neben mir saß, fragte ich sie: »Sag mal, ist etwas passiert? Es ist so, als wäre ich vollkommen unsichtbar.«
Einen Moment schien sie mit sich zu ringen, bevor sie antwortete: »Mr. Winterbloom hat gestern Clair und die D’s als Mahnmal vorgeführt. Es war ihm wichtig, zu zeigen, welche Konsequenzen es hat, dir oder deiner Familie wehzutun. Ihnen wurden vor allen Schülern die Kräfte geraubt und in einem Schimmerstein versiegelt. Die bekommen ihre Kräfte erst nach Abschluss der Schulzeit wieder. Es ist für unseresgleichen nicht leicht, auf ihre Kräfte zu verzichten. Es ist so, als würde man dir einen deiner Sinne rauben. Als würdest du auf einmal nicht mehr schmecken, riechen, sehen oder fühlen können. Das ist wirklich kein schönes Gefühl. In der Schule tragen wir Schmuckstücke, die unsere Kräfte drosseln, aber niemals welche, die sie vollkommen unterdrücken. Schon das ist nervig und fühlt sich an, als würde man unter Drogen stehen. Daher sind die meisten Schüler gerade nicht so interessiert an dir. Am sichersten ist es einfach für sie, wenn sie sich komplett von dir fernhalten. Einfach nett sein ist für die meisten hier keine Option.«
Schlapp ließ ich mich in meinen Stuhl zurücksinken. Das konnte heiter werden. Eine solche Ansprache würde vermutlich eher dafür sorgen, dass ich mehr Probleme bekam, als das es sie wirklich löste. Vermutlich würden mir dadurch einfach mehr heimliche, schlimme Dinge passieren. Allein bei der Vorstellung überfuhr mich bereits ein unangenehmer Schauer.
Auch in der nächsten Unterrichtsstunde schaute mich niemand an. Ich konnte nur froh sein, dass Finja den gleichen Stundenplan hatte wie ich. Sonst hätte das hier sicher ziemlich einsam geendet.

Als es dann zur Pause klingelte, war ich mir absolut sicher, dass ich es hier, bestärkt durch Elvas Ansage, unnötig schwer haben werde, neue Freundschaften zu schließen. Nicht, dass ich es als Mensch sowieso schon schwerer hatte. Doch wenn die Leute jetzt wussten, dass es schwere Konsequenzen haben konnte, mit mir zusammen zu sein, konnte es nur noch schlimmer werden. Wobei mir klar war, dass das Reden keine Konsequenzen nach sich zog. Trotzdem war mir klar, dass es nicht sonderlich einladend wirkte. Das Sicherste war es in dieser Situation sowieso, sich von mir fernzuhalten. Schließlich wussten sie nicht, ob ich einfach falsche Anschuldigungen erheben würde und sie dann grundlos ihre Kräfte verlieren würden.
»Uff. Glaubst du, das wird irgendwann vorübergehen?«, fragte ich Finja hoffnungslos.
Das Mitleid in ihrer Miene war kaum zu übersehen, als sie antwortete: »Ehrlich gesagt weiß ich es nicht genau. Wir sind nicht sonderlich gut darin, über unseren Schatten zu springen. Besonders wenn unsere Kräfte in Gefahr sind.«
Ergeben nickte ich. Es war genauso, wie ich befürchtete.
»Warum zieht ihr hier so lange Gesichter?«, hole mich eine bekannte Stimme aus meinen Gedanken. Natürlich war es Dilan.
»Class wurde heute behandelt, als wäre sie unsichtbar«, erklärte Finja flüsternd.
»Und? Ist doch besser, als permanent in Lebensgefahr zu schweben«, erwiderte er ungerührt.
Wütend funkelte ich ihn an, als ich erklärte: »Es geht nicht darum. Ich habe mich entschlossen hierzubleiben, weil ich an etwas Größerem arbeiten wollte. Wenn sich niemand auf mich einlässt, habe ich dazu keine Chance. Dann kann ich genauso gut wieder nach London zurück. Dort bin ich wenigstens keinen Gefahren ausgeliefert.«
Unwillig verzog er das Gesicht, sagte jedoch: »Die anderen werden sich wieder einkriegen. Diese Ansage war wichtig für den Anfang. Ich weiß, dass du es noch nicht unbedingt verstehst. Du konntest bis jetzt ja auch noch keinen richtigen Einblick erlangen. Doch wenn die anderen sehen, dass Finja und ich mit dir reden, wird sich die Stimmung mit der Zeit wieder lockern. Hätte mein Vater nicht zu dieser Maßnahme gegriffen, wären du und dein Bruder vermutlich in ernsthafter Gefahr. Auch dein Vater. Sein Alter hätte nicht dazu beigetragen, dass die Schüler mehr Respekt vor ihm haben. Sobald unsereins einmal Schwäche riecht, und das tun sie, wenn Cindy damit durchgekommen wäre, nutzen sie es aus. Besonders bei Menschen, von denen sie ohnehin ein schlechtes Bild haben.«
Bei einer Sache musste ich ihm leider zustimmen. Das ich keine Ahnung hatte, was mich hier tatsächlich erwartete. Ich hatte keine Ahnung, wie hier die Umgangsformen waren, und daran musste ich schleunigst etwas ändern. Das konnte ich natürlich nur, wenn ich möglichst viel von ihnen erfuhr.
Daher atmete ich tief durch, um meinen Ärger runterzuschlucken, und fragte: »Und was könnt ihr mir noch so über euch erzählen?«
Beide schauten mich fragend an, daher wurde ich konkreter: »Ich werde hier unter euch leben. Ich kenne keine Eigenheiten von euch. Im Gegensatz zu euch bin ich mein ganzes Leben lang unter Menschen aufgewachsen. Allein das ihr Magie besitzt und die Wichtigkeit dieser in eurem Alltag, ist komplett unterschiedlich zu dem, was ich kenne. Das ist ein Bereich, der mir für immer verschlossen bleibt und sicherlich doch große Auswirkungen auf euch und euer handeln hat. Wenn ich nicht nur mit euch, sondern auch mit den anderen in Kontakt treten möchte, muss ich anfangen, euch zu verstehen. Erst dann kann ich auf eure Bedenken und Beweggründe vernünftig eingehen. Außerdem brauche ich auch ein Verständnis für eure Gesellschaftsstruktur. Das ist auch maßgeblich prägend für das Verhalten. Versteht ihr jetzt?«
Beide nickten, doch schauten mich an, als würden sie sich nicht ganz wohl in ihrer Haut fühlen.
»Wo ist das Problem?«, fragte ich genervt. Ich verstand die beiden einfach nicht und offensichtlich wollten sie mir auch nicht dabei helfen, dass sich dies änderte.
Nach einigen Blicken, die sich die beiden zuwarfen und welche ich nicht deuten konnte, sagte Finja endlich: »Das erste Problem ist bereits, dass du mehr wissen möchtest. Wir haben Schwierigkeiten, unsere Eigenarten und Geschichte an Menschen weiterzugeben. Wir werden schon von klein auf so aufgezogen, dass wir keinem Menschen vertrauen sollen. Das alles, was wir offenbaren, von den Menschen ausgenutzt und gegen uns verwendet wird.«
Als ich einfach schwieg, da ich nicht wusste, was ich dazu sagen sollte, fügte sie noch schnell entschuldigend hinzu: »Nicht, dass wir dir das jemals unterstellen würden. Es ist nur schwierig, über seinen eigenen Schatten zu springen, wenn das alles ist, was man bisher von euch beigebracht bekommen hat. Auch wenn wir versuchen, möglichst unvoreingenommen zu sein, ist es nicht so leicht, ohne Beweis diese Dinge einfach loszulassen. Es macht irgendwie schon einen Unterschied, dich kennenzulernen, dann langsam und stetig Vertrauen zu fassen und dir dann Sachen zu erzählen oder das jetzt von Anfang an zu machen.«
Ein Teil von mir konnte ihre Bedenken verstehen. Trotzdem änderte es nichts daran, dass mir ihre Worte einen Stich versetzten.
Dennoch versuchte ich, so gefasst wie möglich zu antworten: »Dann erzählt mir das, was ihr mir erzählen möchtet. Gebt mir so viele Informationen, wie ich brauche, um hier einigermaßen zurechtzukommen, ohne über eure eigenen Grenzen zu gehen. Der Rest kommt dann mit der Zeit, wenn ihr euch dazu bereit fühlt.«
Auch wenn ich jedes Wort davon ernst meinte, fühlte es sich trotzdem schlecht an, sie zu sagen. Vermutlich lag es daran, dass ich mein Leben für dieses Projekt aufs Spiel setzte und ich trotzdem so wenig Vertrauensvorschuss erhielt.
An diesem Punkt nahm Dilan wieder an der Unterhaltung teil und sagte: »Hör zu. Ich weiß, dass es dir unfair vorkommen muss. Wir haben nun mal eine Vorgeschichte mit den Menschen, die nur die wenigsten von uns loslassen können. Einige von uns sind wenigstens bereit, es zu versuchen. Hab doch Verständnis dafür, dass das nicht einfach von heute auf morgen klappt. Immerhin könnte es auch alles ein Hinterhalt von deiner Familie sein um unsere neuen Schwachstellen herauszufinden.«
Als ich bei diesem Punkt intervenieren wollte, hob er abwehrend die Hände und sagte: »Es ist das, was ich am Anfang dachte. Es ist auch nicht so, als hätte ich diese Befürchtungen komplett abgelegt, dennoch bin ich bereit, dir jetzt eine Chance zu geben. An diesen Punkt musst du einfach auch die anderen bringen. Der Rest wird sich dann von alleine regeln.«
»Dilan. Ich glaub nicht, dass das jetzt wirklich die richtigen Worte waren«, sagte Finja und schaute mich dabei entschuldigend an.
»Vielleicht waren es nicht die nettesten Worte, aber dennoch die Realität. Es wird sie auch nicht weiterbringen, wenn wir sie mit zuckersüßen Worten belügen und nicht auf die Realität vorbereiten«, erwiderte er.
Und so wenig es mir schmeckte, musste ich ihm dennoch zustimmen. Klare Wahrheiten brachten einen im Leben weiter als schöne Worte.
Daher winkte ich ab und sagte: »Dilan hat recht. Die Wahrheit ist immer besser, egal wie weh sie tut oder ungerne man sie hört.«
Sie schien noch etwas darauf erwidern zu wollen, doch ich schüttelte nur den Kopf, packte sie am Arm und zog sie in die Richtung, in der ich den Speisesaal vermutete.

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