Zwischen Chaos, Funken und magischen Geheimnissen

Kapitel 3: Kontrolle ist das bessere Vertrauen

Das hier war unglaublicher, als ich es mir jemals ausgemalt hatte. Diese Villa war riesig, viel größer, als sie mir von außen erschien. Wir hatten einen Eingangsbereich, der schon jetzt fast doppelt so groß war wie mein altes Zimmer. Von hier aus führten vier Türrahmen in weitere Zimmer. In der Mitte des Eingangsbereichs, von der Mitte bis zum Ende der Wand, verlief eine Breite Treppe in den nächsten Stock. Die Stufen waren aus einem hellbraunen Holz und das Treppengeländer war verästelt geschmiedet mit einem Handgriff aus dem gleichen Holz wie die Stufen.
»Das wird euer neues Zuhause sein. Wie findest du es? Wird es euch ausreichen?«, sprach mich Elvas direkt an.
»Das ist viel größer, als ich dachte. Seid ihr sicher, dass ihr uns das zur Verfügung stellen wollt? Das kommt mir schon ein bisschen viel vor, nur dafür, dass mein Vater hier unterrichtet«, murmelte ich vor mich her, ohne über meine Worte nachzudenken. Der Anblick des Hauses fesselte mich zu sehr, als das ich das gekonnt hätte. Nur ein Stoß in meine Rippen holte mich aus meiner Trance. Irritiert schaute ich meinen Vater an, welcher mich aufgebracht anblitzte.
»Was sie meinte ist, dass wir in London um einiges bescheidener wohnten«, erklärte er und versuchte noch, die Situation zu retten.
»Ach was. Machen Sie sich keine Gedanken. Das Haus stand bis zu ihrer Ankunft sowieso leer. Außerdem haben wir hier in diesem Ort viel mehr Land, was Wohnraum um einiges günstiger macht. Daher sollten Sie sich keine großen Gedanken darüber machen. Dass Sie und ihre Familie hier wohnen und uns etwas über Geschichte beibringen, ist mehr als ausreichend. Aus meiner Perspektive hätten sie sogar noch mehr Gehalt oder Vergünstigungen verdient. Aber das kommt natürlich zu gegebener Zeit, wenn Sie und ihre Familie sich erstmal hier eingelebt haben. Ich freue mich einfach auf eine gute Nachbarschaft.«
Irritiert schaute ich Elvas an. »Warum ist es so wertvoll, dass wir hier leben?«, fragte ich ihn gerade heraus.
Sein aufgesetztes Lächeln schien einen Maent einzufrieren, bis er sich wieder gefangen hatte.
»Nicht viele Menschen möchten so weit weg von anderen Städten leben. Wie du gemerkt hast, ist der Weg hier hin nicht besonders einladend. Um zu wachsen und bekannter zu werden, brauchen wir neue Einwohner. Dementsprechend ist die Stelle, die dein Vater angenommen hat, nicht sonderlich beliebt und daher sehr hoch zu bezahlen. Außerdem ist es wichtig für unsere Stadt, dass auch junge Menschen hier hinkommen. Denn ihr seid die Zukunft. Möchtest du noch mehr Gründe, oder reicht es dir vorerst?«
Offenbar hatte ich einen Nerv getroffen, daher hob ich beschwichtigend die Arme und sagte: »Stimmt, wenn Sie das so sagen, haben Sie sicher recht. Es tut mir leid, ich wollte Sie nicht verärgern. Es hatte mich einfach nur gewundert.«
Meine Beschwichtigung schien zu wirken, denn sein Lächeln entkrampfte sich wieder und er sagte: »Ich weiß. Bitte denke daran, mich zu duzen. Ich bin Elvas. Neugierde ist in deinem Alter ganz natürlich. Wenn du weitere Fragen hast, oder etwas über diesen Ort erfahren möchtest, kannst du jederzeit auf mich zukommen.«
Stumm nickte ich und wand mich von meinem Vater und Elvas ab, als sie Richtung Wohnzimmer gingen.

Ich brauchte wieder etwas Ruhe. Schon dieser kleine Konflikt zerrte extrem an meinen Nerven. Ich konnte mir nicht erklären, woher das kam, doch ich war diesbezüglich machtlos.
Daher ging ich in die genau entgegengesetzte Richtung und ließ meine angespannten Schultern kreisen.
Ich kam in einen Raum, der einem Kunstatelier glich. Oder, wie ich bei genauerer Betrachtung feststellte, der ein Kunstatelier war. Nach links gab es eine riesige Fensterfront, welche einen guten Blick in den Garten ermöglichte. Die Wände waren weiß, mit einzelnen Holzbalken und wurden von vielen unterschiedlichen Bildern bedeckt.
Ich konnte zum Teil Personen darauf erkennen, jedoch auch Landschaften und Tiere.
Unten an der Wand stand eine Kommode aus Teakholz mit Schubladen, Türen und offenen Fächern. In den Fächern selbst konnte ich unterschiedliche Malutensilien ausmachen.
In der hinteren linken Ecke des Raums war noch ein tiefes Regal, vor dem eine Töpferscheibe stand. In dem Regal selbst, konnte ich noch einiges Zubehör zum Töpfern erkennen. Der Rest des Zimmers war noch mit passenden Zimmerpflanzen gesäumt.
Das hier würde das Traumzimmer meiner Mutter werden. Hier würde sie ihrer Kreativität freien Lauf lassen können und endlich ihrer wahren Bestimmung folgen. Allein bei dem Gedanken traten mir schon Tränen in die Augen. Ich konnte kaum glauben, wie egoistisch ich gewesen war. Das hier war wirklich eine unglaubliche Chance für alle. Vermutlich sogar für mich, wenn ich mich darauf einlassen würde.
»Ist alles in Ordnung?«, fragte eine Stimme hinter mir und ließ mich zusammenzucken.
Schnell wischte ich mir die Tränen aus dem Gesicht, bemühte mich um einen gefassten Gesichtsausdruck.
»Warum? Was sollte denn nicht stimmen?«, entgegnete ich. Natürlich war es Dilan. »Hast du dich jetzt schon in mich verliebt und kannst dich nicht von mir fernhalten oder warum folgst du mir überall hin?«
Bei meinen Worten zuckte sein Mundwinkel ein wenig. »Ich traue dir und deiner Familie nicht. Ich behalte euch im Auge, bis ich mir sicher sein kann, dass von euch keine Gefahr ausgeht.«
Als er das sagte, wirkte er so ernst, dass es mich vollkommen verwirrte. »Sicher. Wir sind hier die Seltsamen. Sicher ist mein Vater ein Mörder, der nur vorgibt, ein Lehrer zu sein. Meine Mutter ist Spionin und von meinem Bruder möchte ich erst gar nicht anfangen. Der Tritt kleine Welpen und hat Spaß daran. Ich bin sowieso die Schlimmste, ich bin eine Giftmörderin, die anderen bei jeder Gelegenheit etwas in den Drink oder ins Essen mischt.« Der Sarkasmus in meiner Stimme war eindeutig rauszuhören. »Wenn hier jemand suspekt ist, dann ihr. Wer holt denn bitte eine Familie aus London hier her, mit soviel Geld, nur weil sie einen kompetenten Lehrer wollen?«
Meine Gegenfrage ignorierte er vollkommen, als er antwortete: »Man kann Menschen nicht trauen.«
»Damit hast du vollkommen Recht. Deswegen sollte man immer auf sich selbst vertrauen und keine Erwartungen haben – ob gute oder schlechte«, erwiderte ich vollkommen trocken.
Er schien noch etwas dazu sagen zu wollen, schüttelte aber nur den Kopf und ließ mich allein in dem Atelier zurück.

Einen kurzen Maent blieb ich gedankenverloren zurück, beschloss dann aber, mich den anderen wieder anzuschließen. Als ich im Flur ankam, hörte ich, dass sie bereits im nächsten Stock angekommen waren. Mit schnellen Schritten folgte ich ihnen.
Als ich zu ihnen aufschloss, sagte Elvas: »Gut, dass du wieder bei uns bist. Gerade rechtzeitig. Wir dachten uns, dass das hier dein Zimmer wird. Natürlich kannst du gerne mit deinem Bruder tauschen, wenn du das möchtest, aber schau es dir doch erstmal an und sag uns, was du davon hältst.«
Und was sollte ich dazu sagen – das war mein absolutes Traumzimmer. Die Wände hatten einen leichten, gelben Farbton, als würde sie von innen heraus leuchten. Es gab ein Bett aus Altholz mit einer integrierten Kommode. Dann gab es noch einen großen, geräumigen Kleiderschrank, einen Schreibtisch mit Regalen, der aus einer anderen Zeit hätte stammen können und einen sehr weich aussehenden Teppich auf dem Parkettboden. Auf dem Bett lag über der normalen Bettwäsche eine gewebte, bunte Decke.
Das alles wirkte so warm und einladend, dass ich mich sofort heimisch fühlte.
»Es …«, ich musste mich kurz räuspern, um die richtigen Worte zu finden, »Es ist viel besser, als ich erwartet habe.«
Mir gefiel es überhaupt nicht, dass ich das zugeben musste. Das alles wirkte hier schon fast zu gut, um wahr zu sein.
»Ich habe ihnen gesagt, welcher Stil dir besonders gefällt. Alles wurde so eingerichtet, wie du es auf deiner Pinterestseite hinterlegt hattest«, sagte mein Vater freudestrahlend.
Ich wusste nicht recht, wie ich mich bei dieser Eröffnung fühlen sollte. Ein Gefühl von Enttäuschung, aber auch Erleichterung machte sich breit. Genauso wie das Gefühl, dass jemand in meinen privaten Bereich eingedrungen war. Obwohl meine Pinterestseite frei zugänglich war, fühlte ich mich trotzdem vor den Kopf gestoßen. Dabei zeigte es nur, dass mein Vater sein Bestes gab, um mir hier einen möglichst leichten Start zu verschaffen. Vollkommen überfordert mit mir selbst, stiegen mir die Tränen in die Augen und ich wendete mich von den Männern ab. Mit schnellen Schritten ging ich auf das Fenster zu, starrte blind raus und versuchte mich wieder zu fassen.
Ich spürte Ihre Blicke auf mir lasten und gab mein Bestes, mich davon nicht noch weiter verunsichern zu lassen. Zum Glück befreite mich ein »Hallo«, was von unten zu hören war. Offensichtlich waren meine Mutter, mit meinem Bruder und Granny angekommen. Dies bewahrte mich vor der unangenehmen Frage, was mit mir los war.

»Wir sind hier oben«, rief mein Vater nach unten und schon waren die ungeduldigen Schritte meines Bruders zu hören. Das zauberte mir ein Lächeln aufs Gesicht. So unterschiedlich wir auch sein mochten, seine Anwesenheit sorgte immer dafür, dass ich mich besser fühlte.
Dann sah ich ihn auch schon mit strahlenden Augen und einem riesigen Grinsen auf den Lippen. »Und wir dürfen sicher in dem ganzen Haus wohnen? Der ganze Garten gehört uns? Ma sagte es mir vorhin im Auto und ich kann es gar nicht glauben«, sagte er aufgeregt und hüpfte dabei auf und ab.
Besänftigend strich mein Vater über seinen Kopf, als er sagte: »Ja, Paul. Hier werden wir leben.«
»Das ist ja wirklich unglaublich.«
Seine ungetrübte Freude zauberte sogar mir ein strahlendes Lächeln auf das Gesicht.
»Clarissa, ist es nicht noch viel besser, als Pa uns erzählt hat?«, fragte er mich grinsend.
Ich beugte mich zu ihm hinab und hielt die Arme in einer auffordernden Geste der Umarmung bereit. »Ja, es ist noch viel besser als er uns gesagt hat.«
Jauchzend warf er sich in meine Arme und ich wirbelte ihn umher.

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