Zwischen Chaos, Funken und magischen Geheimnissen
Kapitel 4: Auf die Knie – Mal anders
Die ersten zwei Tage hatten wir mit ausräumen verbracht. Wer konnte ahnen, obwohl wir noch nicht mal Möbel schleppen mussten, dass es doch so viel zu tun war. Ich war noch nicht mal dazu gekommen, mir in Ruhe den Rest des Hauses anzuschauen.
Doch das sollte sich heute ändern. Ich hatte alle meine Kisten ausgepackt und sogar meinen Eltern, Paul und Granny geholfen. Niemand konnte mich jetzt noch von meinem Vorhaben abbringen.
Bis ich meinen Magen knurren hörte. Ja, vielleicht konnte der mein Vorhaben noch einen Maent nach hinten verzögern.
Voller Elan sprang ich die Stufen in das Erdgeschoss runter. Eine kleine Stärkung und ich würde endlich den Rest des Hauses und seine Geheimnisse erkunden. Was ich nämlich in der kurzen Zeit, in der wir hier gelebt hatten, bereits gemerkt hatte – diese Villa musste schon wirklich lange existieren. Und das schaffte Möglichkeiten für fantastische Entdeckungen.
»Guten Morgen. Heute wirkst du aber gut gelaunt«, begrüßte mich meine Mutter mit einem glücklichen Schmunzeln.
»Wir sind ja auch endlich mit allen Kisten fertig«, entgegnete ich.
»Das stimmt. Fühlst du dich denn schon wohl?«
Diese Frage versetzte mir einen kurzen Dämpfer. Was sollte ich darauf antworten. Natürlich war ich aufgeregt, dass neue Haus zu erkunden. Dennoch fühlte es sich eher nach Urlaub, als nach Umzug an. So wirklich würde ich es erst realisieren, wenn die Ferien vorbei waren und der normale Alltag wieder begann. Erst dann würde es mir vermutlich bewusst werden. Daher zuckte ich nur ausweichend mit den Schultern, anstatt ihr eine richtige Antwort zu geben.
»Was gibt es denn zum Frühstück?«, fragte ich stattdessen.
»Rührei mit Toast, oder möchtest du lieber Flakes?«
»Nein, dass ist super!« Schnell schnappte ich mir den Toast und verschlang ihn in vier großen Bissen. Kauend stürmte ich schon wieder aus der Küche und winkte ihr zum Abschied zu. Sie wirkte, als wolle sie mir noch etwas nachrufen, doch ich hörte ihr schon längst nicht mehr zu. Voller Vorfreude machte ich mich auf ins Wohnzimmer, zu dem Ort, den ich schon seit Tagen besuchen wollte – das Gewächshaus.
Ein nicht so kleiner Teil von mir, hatte schon immer eine obskure Vorliebe für Pflanzen und Tiere. Als würde ich alles, was Leben hat, einen besonderen Wert zuschreiben. In London hatte ich mein Bestes gegeben, um verschiedene Pflanzen aufzuziehen. Leider musste ich zugeben, dass es bis jetzt mit mir und den Pflanzen nicht so gut gelaufen war.
Voller Aufregung stand ich nun vor der Doppeltür. Die allein schon wirkte wie der Eingang zu einer anderen, fantastischen Welt. Sie war aus Holz, waldgrün lackiert, hatte verschnörkelte Scharniere, einen Drehgriff, welcher von Rosenranken umsäumt war und milchige, mit Holz getrennte Glasscheiben, sodass man zwar erahnen konnte, was hinter ihr Lag, jedoch keinen direkten Einblick bekam. Der untere Teil der Doppeltür und ihren Rändern war mit einem wilden Rankenmuster verziert. Es hätte überladen wirken müssen, doch trotzdem war noch genug Schlichtheit vorhanden, dass es das nicht tat.
Vorsichtig legte ich meine Hand auf den Türgriff und drehte den Knauf langsam um. Die Aufregung war kaum noch zu ertragen. Dann war es endlich so weit – der Maent der Wahrheit. Es war noch viel schöner, als ich es mir in meinen kühnsten Vorstellungen auch nur ausgemalt hatte. Wäre ich mir nicht sicher gewesen, dass ich wach war, wäre ich mit Bestimmtheit davon ausgegangen, dass ich noch schlief. Das hier glich eher dem Wald aus einer meiner Fantasygeschichten und nicht dem realen Leben.
Das Gebäude war komplett aus Glas, sogar die Kuppeln, die das Dach bildeten. Der Raum war auch viel weitläufiger, als ich zuerst gedacht hatte – gute dreißig Meter, bis die nächste Hauswand kam. Doch auch die war durch die ganzen Gewächse schwer zu erkennen. Das Gewächshaus selbst musste eine Höhe zwischen zehn und fünfzehn Metern haben. Es viel mir schwer, dass bei all den unterschiedlichen Rankenpflanzen, die sich um die Stützbalken wanden, vernünftig einzuschätzen. An den Fensterfronten waren Hochbeete, mit Blumen in einer so farbenfrohen Vielfalt, dass es mir schwerfiel, davon den Blick abzuwenden. Durch sie hindurch verlief ein Rinnsal, welches am Ende in den steinernen Boden floss, in dem ein Graben ausgehoben war.
Doch das war noch nicht alles. Durch diesen Boden kämpften sich fünf prächtige Obstbäume durch. Nach ihrer Stammdicke zu urteilen, mussten sie schon mindestens fünfzig Jahre alt sein. In der Mitte des Raums war ein Beet in den Boden eingelassen und seitlich von Beerenbüschen umsäumt, in dem unterschiedlichste Obst und Gemüse wachsen zu schienen. Vor Erstaunen blieb mir der Mund offen stehen.
Dann wurde ich auch schon mit einem Ruck reingezogen und die Tür hinter mir mit einem Knall geschlossen. Unsanft landete ich auf dem Boden und hatte sogar ein paar Schrammen auf den Händen abbekommen.
»Aua. Was soll der Scheiß?«, fluchte ich und hielt nach der Person Ausschau, die mich so unsanft hier reingeschmissen hatte. Natürlich war es Dilan. Wer hätte es auch sonst sein sollen? Dieser schaute mich nur finster an und schien wieder nicht auf meine Frage einzugehen, geschweige denn sich entschuldigen zu wollen. Nur der kleine Fluff kam fiepend zu mir und schleckte vorsichtig über die Verletzungen.
Gerade wollte ich ihn davon abhalten, als Dilan mit seinen Worten meine Aufmerksamkeit auf sich zog. »Du darfst die Tür nicht offen stehenlassen. Hast du nicht die ganzen Tiere gesehen, die hier rumfliegen? Es wäre sicher nicht gut, wenn sie in euer Haus entkommen und dann schlimmstenfalls dort verhungern müssten, weil ihr sie nicht einfangen könnt.«
Entgeistert blickte ich ihn an.
»Und das ist alles, was du zu sagen hast? Glaubst du nicht, das hätte auch anders funktioniert, ohne mich zu verletzen?« Auffordernd hielt ich dabei meine Hände in die Höhe und deutete danach auf meine mittlerweile schmerzenden Knie. Erst als ich selbst draufschaute, sah ich, dass meine Hose dort mit Dreck, aber auch Blut getränkt war. »Bist du sicher, dass dein Verhalten nicht etwas übertrieben war? Schutz von Tieren finde ich immer gut, aber nicht zu jedem Preis und besonders, wenn man auch eine andere Lösung finden kann. Du hättest zum Beispiel einfach nur weniger fest ziehen müssen, oder hättest mich so schwingen können, dass ich nicht unbedingt auf dem Boden lande.«
Unbehaglich rieb er sich den Nacken. »Du hast recht. Das du verletzt bist war nicht meine Absicht …«, er stockte einen kurzen Maent und fuhr dann fort, » …, ich bin den Umgang mit solchen Leichtgewichten wie dir nicht gewöhnt. Die meisten anderen die ich kenne hätten sich in einer solchen Situation auch selbst abfangen können«, fügte er noch hinzu.
Entgeistert blickte ich ihn an. Konnte das sein Ernst sein. »Ist das die beste Entschuldigung, die du hinbekommst?«, fragte ich ihn aufgebracht, überhaupt nicht bemüht meine Gefühle unter Kontrolle zu bringen. Mittlerweile war es einfach zu viel. Er ist uns schon von Anfang an mit einer solchen Abneigung begegnet, ohne dass wir überhaupt etwas dazukonnten. Ich war froh, dass ich ihn die letzten beiden Tage nicht gesehen hatte, sodass ich schon fast vergessen hatte, wie er sich benommen hatte. Doch sein Verhalten jetzt rief es mir wieder lebhaft ins Gedächtnis. »Nicht genug, dass du immer unfreundlich zu uns bist, wenn du uns begegnest, oder dass du mich auf Schritt und Tritt verfolgst, wenn ich nur einen Augenblick allein sein möchte – als würdest du mir hinterherspionieren. Von den haarsträubende Anschuldigungen gegenüber meiner Familie ganz zu Schweigen. Nein, jetzt auch noch Körperverletzung ohne einen Funken Reue. Das finde ich wirklich unmöglich. Halte dich in Zukunft bitte möglichst fern von mir und fass mich ja nie wieder an. Ich passe auch auf, dass ich die Tür nicht lange aufmache, also musst du dir darum keine Sorgen machen. Lass mich einfach in Ruhe mein Leben leben und tu am besten einfach so, als wäre ich gar nicht hier hingezogen. Ich glaube dass würde das Leben für uns beide um einiges einfacher machen.« Wutschnaubend blickte ich ihn an und war froh, dass ich nun endlich allen Ballast, der zwischen uns stand, endlich losgeworden war.
Und Dilan schaute mich an, als würde er mich zum ersten Mal richtig wahrnehmen.
»Was?«, fauchte ich ihn noch an. Ich hatte keine Muße mehr, meine Gefühle zurückzuhalten.
Er fing sich offenbar schnell wieder, denn als er antwortete, war er kalt wie zuvor: »Du solltest lernen, deine Gefühle besser unter Kontrolle zu halten. So ein Ausbruch für eine solche Kleinigkeit kann in der Schule für ernsthafte Schwierigkeiten sorgen. Da stellen sich die Leute nicht so an. Besonders wenn,« er machte eine kurze Pause, als müsse er sich seine nächsten Worte genau überlegen, »du als neuer Mensch in dieses Dorf kommst. Hier ist der Umgangston etwas ruppiger. Daran wirst du dich gewöhnen müssen.«
Entgeistert blickte ich ihn an. »Ist das dein Ernst? Wie verblendet kann man sein. Wenn das hier wirklich der Umgangston ist, bin ich froh, dass ich in zwei Jahren ihr weg bin. Aber anstatt mich zu hinterfragen, solltest ihr Mal eher eure Umgangsform hinterfragen. Vielleicht ist genau das der Grund, warum niemand zu euch ziehen möchte und Abstand von euch hält. Du tust so, als seien alle Fremden die Gefahr, bei kannst du noch nicht mal wissen, ob du was von ihnen lernen kannst oder sie dich und dein Leben bereichern. Das ist einfach nur Angst vor unbekannten und ungerechtfertigter Fremdenhass.«
»Du solltest besser nicht über Dinge sprechen, von denen zu keine Ahnung hast.«
»Wirklich? War jeder Fremde dieser Erde bis jetzt schlecht zu dir? Glaubst du nicht, dass es egal wo immer gute und schlechte Menschen gibt und man je nachdem aussortieren sollte und nicht nach Vorurteilen? Genau wegen solchen Einstellungen werden Menschen nie einfach mal Individuen gesehen. Ich wette, selbst in eurem tollen kleinen Dorf gibt es sowohl schlechte als auch gute Menschen. Und jetzt schaue ich mich weiter um.« Entnervt strich ich die Krümel von meiner Hose und wendete mich von ihm ab. Fluff fiepte mir noch traurig hinterher.
Aus dem Augenwinkel sah ich, dass Dilan mit sich zu ringen schien, doch er sagte noch: »Nimm dir den Rat wenigstens zu Herzen. Ich kann dir und deinem Bruder nur raten, nicht zu sehr hier aufzufallen. Das hier ist kein sicherer Ort für euch.«
Bevor ich noch etwas darauf erwidern konnte, ließ er mich fassungslos und mit offenem Mund in dem Gewächshaus zurück.
»So ein Arsch«, grummelte ich noch vor mich her.
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