Zwischen Chaos, Funken und magischen Geheimnissen
Kapitel 5: Morgenstund hat Hast im Mund
Tatsächlich hatte ich recht schnell wieder gute Laune, nachdem Dilan verschwunden war. Das Gewächshaus ließ auch überhaupt nichts anderes zu. Der Ort war so idyllisch, dass man sich einfach dort verlieren musste. Und das tat ich seit diesem Tag auch regelmäßig. Tatsächlich ist das Gewächshaus zu meinem liebsten Rückzugsort geworden. Morgens schnappte ich mir immer ein Buch, rannte runter, um etwas zu frühstücken, und verkroch mich dann im Gewächshaus um dort zu lesen. Hätte meine Mutter mich nicht regelmäßig gerufen, hätte ich die Zeit und somit auch Essen und Trinken vollkommen vergessen.
Zum Glück war ich Dilan kein weiteres Mal begegnet. Nur Fluff kam ab und zu vorbei und rollte sich auf meinem Schoß zusammen, während ich las. Er musste oft in Kreidewasser fallen, denn fast immer, wenn ich ihn sah, hatte er eine andere Fellfarbe oder eine neue Farbschattierung. Natürlich immer in Pastelltönen.
Die letzten zwei Wochen der Sommerferien vergingen wie im Flug und schon stand der erste Schultag an. Auch wenn ich es mir nicht eingestehen wollte, sorgten Dilans Worte schon für ein gewisses Unbehagen. Ich konnte nur darauf setzen, dass die anderen Schüler an dieser Schule besser gelaunt waren als er.
»Clarissa, bist du schon wach?«, rief meine Mutter aus dem Erdgeschoss.
»Ja, bin gleich soweit«, entgegnete ich und warf noch einen letzten Blick in den Spiegel. Meine dunkelblonden Haare, mit ihren feuerroten Längen fielen in leichten Wellen über meine Schultern. Ansonsten hatte ich noch zwei kleine Dutts links und rechts. Als Make-up hatte ich nur etwas Wimperntusche aufgetragen. Für eine leichte Bräune, durch die jedoch noch meine sommerlichen Sommersprossen schimmerten, hatte der Sommer bestens gesorgt.
Kritisch betrachtete ich mein Outfit. Das hier war die einzige mir bekannte Schule in ganz England, die keine Schuluniform vorschrieb. Ich wusste nicht so recht, was ich davon halten sollte. Gehörte das nicht zur Kultur unseres Landes? Um dem wenigstens etwas nahezukommen, hatte ich mich für einen grauen Faltenrock mit Overknees entschieden, einem weißen Hemd, dessen Ärmel ich hochgekrempelt hatte. Dazu hatte ich noch einen roten Cardigan in der Tasche, falls es zu kalt werden sollte. Eine sanfte Kette, goldene Blumenohringe und ein schmaler Ring vervollständigten noch mein Outfit. Chic, jedoch nicht zu auffällig. Damit sollte ich keine Probleme bekommen, nur für den Fall das Dilan recht haben sollte. Nachdem ich den ersten Tag dort überstanden hatte, könnte ich mir dann einen eigenen Eindruck verschaffen und entsprechend mein Outfit immer noch anpassen.
»Clarissa, das Frühstück ist fertig und du möchtest doch sicher nicht mit leeren Magen in den Tag starten?«, rief meine Mutter wieder von unten.
»Ich komme. Hetz mich doch nicht so. Ist Paul überhaupt schon wach? Er ist doch derjenige von uns, der sonst immer verschläft«, entgegnete ich, während ich die Treppe hinunter lief.
»Dein Bruder ist schon seit einer Stunde hier unten. Er ist offensichtlich so aufgeregt, dass ihn nicht mal der Schlaf aufhalten konnte«, flüsterte sie mir mit einem leichten Kichern zu.
Ich konnte Pauls Aufregung gut nachvollziehen. In seiner alten Schule ist er immer aufgezogen und von den anderen Mitschülern gehänselt worden. Selbst als er die Schule gewechselt hatte, hat es keinen Unterschied gemacht. Die Gerüchte über ihn hatten sich bereits bis dorthin verbreitet. Paurch hatte er nie die Chance bekommen, ernsthafte Freundschaften einzugehen. Das hier war seine erste, reale Gelegenheit.
»Und, bereit für den ersten Tag?«, fragte ich meinen Bruder, als ich ihn an der Kücheninsel sitzen sah. Die Aufregung und Vorfreude war ihm eindeutig anzusehen.
»Mehr als das. Clarissa, niemand wird mich mehr aufziehen. Niemand weiß hier, dass ich vor ein paar Jahren ein Kelpie gesehen habe und er sich von mir streicheln ließ. Er hat überhaupt nicht versucht, mich ins Wasser zu ziehen, sondern war ganz handzahm. Doch das werde ich hier besser niemandem erzählen, denn das glaubt mir sowieso keiner«, fügte er noch traurig hinzu. Seine ganze Vorfreude war auf einmal verschwunden.
»Ich glaube dir«, sagte ich und stich ihm aufmunternd über dem Kopf.
Es stimmte, auch wenn ich nicht davon ausging, dass es wirklich ein mystisches Wesen war, das er gesehen hatte. Trotzdem hatten wir die Gewässer noch nicht genug erforscht, um die Existenz von Kelpies einfach abzutun. Die Geschichte von Wasserpferden bestand schließlich nicht nur auf unserer schönen Insel, sondern auch in nord- und mitteleuropäischen Gebieten sowie in Asien. Wenn so viele unterschiedliche Kulturen von ein und demselben Wesen sprachen, musste es doch bedeuten, dass es existiert hat. Und vielleicht hatte es sich in die Tiefsee zurückgezogen, aufgrund der Globalisierung und mein Bruder war einer der wenigen glücklichen, der seit ewigen Zeiten mal wieder eins zu Gesicht bekommen hatte. Zumindest war das meine Ansicht über die ganze Gelegenheit.
»Aber auch wenn ich dir glaube, hast du wahrscheinlich recht, dass du diese Geschichte vorerst für dich behalten solltest. Wenn du einen wirklich guten Freund getroffen hast und ihr vielleicht das gleiche Interesse an mystischen Wesen habt, kannst du es ihm noch immer erzählen«, munterte ich ihn auf. Ich bin mir ziemlich sicher, dass viele Kinder in seinem Alter Interesse an solchen Dingen haben, doch niemand hatte sich getraut, mit ihm darüber zu sprechen, aus Angst selbst Opfer der Schikane zu werden. Kinder konnten schon grausam sein.
»Du hast recht, Clarissa. Das hier ist eine neue Chance. Hast du denn sonst noch ein paar Tipps für mich, damit ich leichter Freunde finde?«, fragte er mich und knetete dabei ungeduldig seine Hände.
»Wenn du Menschen an deiner Seite haben möchtest, die es ehrlich mit dir meinen, solltest du dich nicht verstellen. Dann musst du auch keine Angst haben, sie später zu verlieren. Sei einfach wie eine Zwiebel, jedoch ohne das du andere zum Weinen bringst. Öffne dich einfach Schicht für Schicht, je mehr Vertrauen du gefasst hast. Zuerst zeigst du allen deine Persönlichkeit, die jeder sehen darf. Dann werden schon die ersten Interessenten kommen. Dann zeigst zu jenen eine tiefere Schicht und das machst du so lange, wie du dich dabei wohlfühlst. Du musst dich nicht jeder Person vollkommen öffnen, doch wenn du langlebige Freundschaften eingehen willst, solltest du zumindest mit der Zeit so viel Vertrauen gefasst haben, dass sie dich gut kennen. Doch das wirst du mit genügend Zeit schon selbst herausfinden. Ich glaube ganz fest daran, dass auch die Leute hier erkennen werden, was für ein gutes Herz du hast.« Mit einem unerwarteten Schwung warf Paul sich in meine Arme.
»Danke. Mit dir an meiner Seite kann ich sicher alles schaffen«, schniefte er in mein T-Shirt.
»Paul, lass deine Schwester jetzt frühstücken. Ihr müsst in zehn Minuten los«, scheuchte sie ihn von mir weg, doch ich erkannte, das Tränen in ihren Augen standen.
Schnell schlang ich mein Frühstück runter, als auch schon mein Vater gehetzt die Treppe runterkam.
»Los, nehmt eure Sachen. Wir müssen los«, hetzte er und wirkte dabei vollkommen durch den Wind.
»Vielleicht solltest du erst einen Schluck Kaffee trinken und einen Maent zur Ruhe kommen, bevor du die Kinder aufscheuchst. So wird das sicher kein guter erster Schultag«, rügte meine Mutter ihn.
Irritiert blickte er sie an und schien erst nach dreißig Sekunden verarbeitet zu haben, was sie gesagt hatte.
»Vermutlich hast du recht. Hektik war noch nie ein guter Begleiter.« Dann schnappte er sich den Kaffee, den Mutter ihm entgegenstreckte. »Danke, dass du auf mich achtest«, sagte er.
Ihr schlich sich nur ein leichtes Schmunzeln über die Lippen. »Und jetzt husch, husch. Sonst kommt ihr wirklich zu spät«, scheuchte sie uns drei keine zwei Minuten später aus dem Haus.
Wir packten alle schnell unsere Sachen, verabschiedeten uns noch von Granny und setzten uns zusammen in Vaters Auto. Am ersten Tag wollte er uns mitnehmen. Zukünftig sollten wir alleine gehen. Eigentlich wollte ich das nicht, da aber der Himmel ziemlich düster war, kam es mir dann tatsächlich doch ganz gelegen. So war ich wenigstens sicher, dass ich nicht direkt am ersten Tag in einem unerwarteten Regenschauer landete.
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