Zwischen Chaos, Funken und magischen Geheimnissen
Kapitel 6: Hallo Stinkstiefel
Als wir mit dem Auto das Schulgebäude erreichten, blieb mir der Mund offen stehen. Ich wusste nicht, wo ich hier gelandet war, aber normal war das sicher nicht. Ich dachte einfach, nur Dilans Familie sei ungewöhnlich schön gewesen, da hatte ich mich aber eindeutig geirrt. Hier waren alle überdurchschnittlich schön. Alle hätten in Filmen oder Serien mitspielen können.
Bei genauerer Betrachtung fiel mir auf, dass es nicht nur an ihrem Aussehen lag, sondern auch an ihrem Auftreten. Sie waren alle so unglaublich selbstbewusst, als könne ihnen nichts etwas anhaben. Und jetzt wusste ich genau, was Dilan gemeint hatte. An dieser Schule würde ich auffallen wie ein bunter Hund. Ich war zwar hübsch, dennoch eher durchschnitt und nicht für Filme oder Serien geeignet. Niemand in meiner Familie war das.
Ich hoffte nur, dass dies ein trügerischer erster Eindruck war, der mich hoffentlich bald eines besseren belehrte. Vielleicht hatten Dilans Worte mich doch mehr beeinflusst, als ich mir eingestehen wollte.
»Dann steigt mal aus, während ich meinen Parkplatz suche«, scheuchte uns Pa aus dem Wagen.
Verunsichert griff ich nach meiner Tasche und warf Paul einen flüchtigen Blick zu. Dieser wirkte noch unsicherer als ich selbst.
»Kommt es mir nur so vor, oder sehen die hier anders aus als normal? Ich bin mir sicher, dass ich vorhin jemanden mit spitzen Ohren gesehen habe und …«, Paul verstummte, als er in mein Gesicht blickte.
»Ich bin mir sicher, dass die Leute hier nur komisch auf uns wirken, weil wir hier vollkommen neu sind. Sicher spielen uns unsere Augen einen Streich«, erwiderte ich, war dabei aber selbst nicht wirklich überzeugt. »Los komm. Wenn wir hier rumstehen wird es nur schlimmer. Sie schauen uns schon jetzt neugierig an.« Dann nahm ich Paul am Arm und zog ihn in das majestätisch, moderne Schulgebäude.
Die Mitschüler hatten mich bis jetzt so ihn ihren Bann gezogen, dass ich noch überhaupt nicht dazu gekommen war, mir das Gebäude genauer anzuschauen. Es erinnerte schon eher an eine Universität, als an eine Schule. Da das Gebäude so riesig war, wusste ich nicht so recht, wo wir hinsollten. Zuerst mussten wir ins Sekretariat, um uns unsere Stundenpläne abzuholen. So viel hatte uns Pa zumindest gesagt. Nur wie wir das Sekretariat finden sollten, hatte er uns natürlich nicht gesagt.
Unsere Orientierungslosigkeit musste uns wohl anzusehen sein, denn ein Mädchen mit kurzen bunten Haaren, einem Nasenpiercing und einen Style der an Punk erinnerte, sagte kurz etwas zu ihrer Freundin und kam dann mit einem sympathischen Lächeln auf uns zu.
»Ihr müsst Paul und Clarissa sein, oder?«, fragte sie freundlich und blickte uns dabei interessiert an.
»Ja, die sind wir. Woher kennst du unsere Namen?«, fragte Paul freiheraus.
»Es kommen nie neue Menschen an diese Schule, daher hat man es euch sofort angesehen. Ihr seid das Gesprächsthema Nummer eins«, entgegnete sie kichernd.
Mir schien bei ihren Worten alles aus dem Gesicht zu fallen, denn schnell fügte sie noch beruhigend hinzu: »Nicht unbedingt in schlechter Hinsicht. Es ist nur etwas Neues. Niemand von uns ist den Umgang mit …«, kam jedoch nicht zum Ende, da sie harsch von Dilan unterbrochen wurde.
» … ist den Umgang mit neuen Mitmenschen gewohnt, weil so selten neue Leute zu uns ziehen. Finja, du solltest lieber in deine Klasse. Ab hier übernehme ich. Außerdem solltest du daran denken, was der Direktor gesagt hat.« Bei seinen Worten zuckte das Mädchen, was Finja zu heißen schien, schuldbewusst zusammen.
»Sorry, ich habe da nicht drüber nachgedacht. Ich wollte einfach helfen«, sagte sie an Dilan gewandt. »Wir sehen uns bestimmt nochmal später. Wir sind in der selben Jahrgangstufe«, rief sie mir noch winkend, mit einem kleinen Lächeln zu.
Entnervt drehte ich mich zu Dilan um. »Was sollte das? Du hättest dich von uns fernhalten können, wenn du Finja einfach helfen lassen hättest. Sie schien kein Problem mit uns zu haben.« Dabei funkelte ich ihn finster an.
Er drehte sich nur um und ging mit strammen Schritten auf das Schulgebäude zu. »Wenn ihr wissen wollt, wo das Sekretariat ist, solltet ihr mir folgen«, rief er uns noch über die Schulter zu.
Einen Maent schauten Paul und ich uns ratlos an. Nach kurzem Zögern folgten wir ihm mit schnellen Schritten. Dennoch konnte Paul es sich nehmen lassen mir zu zuzischen: »So ein Stinkstiefel. Was ist denn bitte sein Problem?«
Ich zuckte nur ratlos mit den Schultern und machte scheuchende Handbewegungen, damit wir den Stinkstiefel nicht aus den Augen verloren.
Am Sekretariat angekommen, drehte sich Dilan zu uns um. »Hier bekommt ihr euren Stundenplan. Ich werde hier draußen warten und euch zu euren ersten Stunden begleiten. In der ersten Stunde werdet ihr einen Paten zugeteilt bekommen, der euch dann immer zu eurer nächsten Unterrichtsstunde begleitet. Solltest ihr Probleme haben, kommt auf mich oder meinen Vater zu. Wir werden uns schon darum kümmern.« Auch wenn er es sagte, wirkte er nicht sonderlich überzeugt von seinen eigenen Worten. Seine ganze Körperhaltung sprach von Ablehnung und nicht von Unterstützung.
»Warum mutest du dir das alles zu, wenn es dich so offensichtlich stört?«, fragte ich ihn gerade heraus. Ich hatte keine Lust mehr auf dieses ewige Hin und Her. Das riss ganz schön an meinen Nerven.
»Weil ich muss«, entgegnete er und dabei war sein Blick so kalt wie Eis.
Bei dieser Antwort konnte ich nur die Augen verdrehen. War das tatsächlich sein Ernst? Doch anstatt das ich noch die Chance bekam, etwas darauf zu erwidern, unterbracht mich Paul und zog mich auch schon ins Sekretariat.
»Lass dich von dem nicht ärgern. Es hat keinen Sinn mit ihm zu diskutieren. Ich kenne diesen Blick genau. Den hatten meine Mitschüler damals auch. Egal wie viel Energie du da rein steckst, du wirst nie auf ein zufriedenstellendes Ergebnis kommen. Er hat sich seine Meinung schon längst über uns gebildet und wird sie auch nicht mehr ändern. Wir können nur hoffen, dass wir ihn in Zukunft nicht mehr so häufig sehen werden«, sagte mein Bruder, jedoch bewusst so laut, dass Dilan es hören konnte. Irgendwas an Pauls Worten schien ihn getroffen zu haben, denn ich konnte noch sehen, wie sich seine Haltung angespannter wurde und in seinen Augen flackerte. Was es aber genau war, konnte ich nicht ausmachen.
Das Sekretariat war so modern für eine Schule eingerichtet, dass mir einen Maent der Mund offen stehen blieb. Keine ewiggroßen Aktenschränke, keine Losen Papierstapel überall rumflatternd. Alles sehr geordnet und reinlich, sodass fast der persönliche Touch gefehlt hätte, wenn dafür nicht unglaublich viele Pflanzen in diesem Raum gewesen wären.
»Ah, ihr müsst Clarissa und Paul sein«, begrüßte uns eine wunderschöne Frau mit gebräunter Haut, dunklen Locken und violetten Augen.
Zuerst wollte ich meinen Augen nicht trauen, aber als ich erneut hinsah, waren sie noch immer violett.
»Ich bin Ms Bekele. Ich habe die Stundenpläne für euch zusammengestellt. Solltet ihr Fragen haben, könnt ihr jederzeit auf mich zukommen. Jetzt brauche ich aber zuerst eine Unterschrift von euch beiden und eure E-Mailadressen, damit ich euch euren Stundenplan zukommen lassen kann«, sagte Ms Bekele sehr geschäftig und hielt uns mit einem professionellen Lächeln zwei Tablets hin.
Diese Schule war wirklich modern – viel moderner als meine alte Schule.
»Wofür brauchen Sie denn die Unterschrift?«, fragte ich unsicher. Ich hatte gelernt, nicht einfach meinen Namen unter ein Dokument zu setzen, ohne es vorher durchzulesen. Bei diesem Dokument waren aber nur Felder zur Unterschrift und kein dazugehöriger Text.
Als ich sie darauf ansprach, erklärte sie geschäftig, während sie auf den Bildschirm ihres PCs starrte: »Ach, nur normale Sachen. Das wir eure Daten speichern dürfen und damit wir euch den Laptop und das Tablett für den Unterricht aushändigen können. Dann noch, dass ihr die Schulregeln akzeptiert und niemanden körperlichen oder seelischen Schaden zufügt.«
Verunsichert strich ich mir über den Nacken. »Ähm. Also ich habe zwar nicht vor, jemanden hier zu verletzen, und neige auch nicht zu körperlichen Auseinandersetzungen, doch grundsätzlich nehme ich kein Blatt vor den Mund und bin zu meinen Mitmenschen ehrlich. Ich kann aber nicht bestimmen, ob die Wahrheit wehtut und einen seelischen Schaden hinterlässt. Ich weiß ja nicht, wie ihr das definiert und welche Probleme ich dann bekommen kann …«
Bei meinen Worten schaute sie von ihrem Bildschirm hoch. »Ich bin mir sicher, Clarissa, dass du nicht in der Lage dazu bist den seelischen Schaden zu verursachen, von dem hier die Rede ist. In einem Fall wie deinem würde gegebenenfalls, falls dein Gegenüber tatsächlich sehr getroffen ist, ein Gespräch mit einem Mediator erfolgen und nicht mehr. Kein Eintrag in deiner Schulakte, Anruf bei deinen Eltern oder Nachsitzen. Darüber musst du dir wirklich keine Gedanken machen«, sagte sie mit einem freundlichen Lächeln.
Mir kam das zwar sehr merkwürdig vor, dass das so wenig bestraft wurde. Wie sehr etwas Verletzte war immerhin von dem Opfer zu bewerten und mit dieser Regel wollten sie sicher streng dagegen vorgehen. Wahrscheinlich wollten sie vor allem das Mobbing unter Kontrolle halten. Achselzuckend unterschieb ich auf dem Tablett und reichte es zurück. Paul folgte meinem Beispiel. Pa hätte uns sicher gewarnt, wenn irgendetwas Schlimmes in den Verträgen stehen würde.
»Sehr gut, dann hole ich eben eure Materialien«, sagte sie und ließ und alleine zurück.
In der Zwischenzeit kam ein Junge reingestürmt und wirkte genauso orientierungslos wie wir beide. Verunsichert hüpfte er von einem Bein auf das andere.
»Hey, ich bin Laurent. Seid ihr auch neu hier an der Schule? Ich habe gehört, dass ist das erste Jahr wo Me…«, fing er an, sich vorzustellen, als er durch Ms Bekeles erscheinen unterbrochen wurde.
»Hallo Laurent. Bitte gedulde dich noch einen Maent, bis ich Clarissa und Paul geholfen habe. Sie sind mit ihrer Familie ganz neu hier her gezogen und der Vater ist unser neuer Geschichtslehrer. Du bist ja jetzt Teil unseres Internats. Sicher wurdest du da schon vorbereitet«, schnitt sie ihm streng das Wort ab und schaute ihn dabei eindringlich an.
Als ihm die Bedeutung ihrer Worte klar zu werden schien, schaute er uns mit großen Augen an. Nur ein leises »Oh« kam über seine Lippen.
Nun hatte Ms Bekele wieder ein freundliches Lächeln aufgesetzt und reichte uns jeweils einen Laptop und ein Tablett.
»Dies steht euch zur freien Nutzung zur Verfügung. Grundsätzlich wollen wir nur sichergehen, dass alle Schüler vernünftig ausgestattet sind und bereits alle wichtigen Apps und Zugriffe hinterlegt sind. Normalerweise wird das durch Schulgeld eurer Eltern finanziert, da eurer Vater aber hier angestellt ist, wird es euch geschenkt – quasi als Bonus. Nach dem Ende eurer Schulzeit dürft ihr es behalten. Paul, in deinem Fall wirst du alle vier Jahre ein neues Gerät, welches dann auf dem neusten Stand ist, zur Verfügung gestellt bekommen. Ich möchte euch nur bitten, dass ihr keine Spiele oder Ähnliches auf den Hauptbenutzer herunterladet. Wenn ihr darauf zocken wollt, oder Apps runterladen wollt, legt euch dafür bitte einen weiteren Nutzer an. Wenn ihr die Utensilien in der Schule nutzt, soll der Fokus auch nur auf das Lernen gerichtet sein«, erklärte sie uns.
Wir nickten beide und schauten sie mit großen Augen an. Das waren die neusten Applegeräte und hatten sicher ein kleines Vermögen gekostet.
»Danke«, stotterte ich und wollte schon raus, bis ich von Ms Bekeles Worten aufgehalten wurde.
»Nicht so schnell. Ich bräuchte noch ihre E-Mail-Adresse für den Stundenplan. Sicher haben sie auch ein Schulpostfach, aber sie müssen ja schon jetzt auf den Plan zugreifen können.«
Schnell teilten wir ihr unsere Mailadressen mit und stolperten dann eilig aus dem Raum. Die Schulglocke hatte auch schon vor einer Weile geklingelt.
Genervt blickte uns Dilan entgegen. »Seid ihr auch endlich mal fertig? Ich dachte, ich müsste hier für immer warten.«
»Niemand von uns hat dir gesagt, dass du auf uns warten musst. Irgendwie hätten wir sicher auch allein zurecht gefunden«, entgegnete ich.
»Kann sein, dass ihr mich nicht gebeten habt, aber ich mache das sicher nicht freiwillig. Ich habe besseres mit meiner Zeit anzufangen, als für euch den Babysitter zu spielen«, knurrte er frustriert.
»Dann mach das nicht. Wir werden dich sicher nicht verpetzen«, zischte ich zurück. Seine Art ging mir eindeutig gegen den Stich.
Anstatt auf das Gesagte einzugehen, fragte er nur: »Was steht auf euren Stundenplänen?«
Mit einem tiefen Seufzer der Frustration zückte ich mein Handy und schaute in meine Mails. Als ich den Stundenplan aufrief, machte ich große Augen. In den letzten drei Schuljahren hatte ich nicht mehr einen so leeren Stundenplan. Ich hatte jeden Tag nach der fünften Stunde Schluss und zwischendurch sogar Freistunden. Auf meinem Plan stand lediglich Mathe, Englisch, Naturwissenschaften und Geschichte. Noch nicht mal Sport, Kunst, eine weitere Fremdsprache oder Informatik.
»Wie soll ich mich mit diesen Fächern auf mein Studium vorbereiten?«, fragte ich irritiert. »Wird mich überhaupt eine Uni mit einem Abschluss ausschließlich in diesen Fächern akzeptieren?« Irgendwie warf mich das vollkommen aus der Bahn. Sicher hatte ich nichts gegen etwas Freizeit, jedoch wollte ich dafür sicher nicht meine Zukunft aufgeben.
Dilan schaute genauso irritiert und sagte: »Gib mal her. Ich schaue mir das mal an.«
Als er meinen Stundenplan sah, entfuhr ihm ein tiefer Seufzer.
»Das ist sicher nur, solange ihr euch eingewöhnt. Ihr seid ganz neu hier her gezogen und sollt euch zuerst an uns und die Umgebung gewöhnen. Sicher wird das in ein paar Wochen noch mal angepasst«, sagte er gepresst.
Er selbst wirkte von seiner Erklärung auch nicht sonderlich überzeugt, weswegen es ihn nicht irritierte, als ich fragte: »Woran sollen wir uns denn bitte noch gewöhnen? Wir wohnen schon zwei Wochen in diesem Dorf. Bis jetzt ist mir nichts besonderes aufgefallen.«
Auch Paul dachte über meine Worte nach. »Doch, ich fand schon ein paar Dinge merkwürdig. Zum Beispiel die spitzen Ohren, oder das Fluff wirklich immer bunt ist, oder …«
Bevor er weitere Dinge aufzählen konnte, wurde er von Dilan unterbrochen: »Kommt. Wir sind bereits viel zu spät. Ihr wollt sicher nicht eure erste Stunde an einer neuen Schule komplett verpassen, oder?«
Bei seinen Worten knirschte ich mit den Zähnen und nickte nur stumm. Doch er hatte tatsächlich recht. Ich wollte meinen Vater keine Schande bereiten, indem wir schon am ersten Schultag für Ärger sorgten.
»Gut, dann los«, sagte er und hetzte voraus.
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