Zwischen Chaos, Funken und magischen Geheimnissen

Kapitel 7: Hallo Barbie, Hallo Ken

Atemlos kamen wir an meinem Klassenraum an.
»Dann wünsche ich dir viel Spaß in Mathe«, verabschiedete sich Dilan und hetzte Paul bereits weiter, bevor er auch nur ein Wort des Abschieds zu mir sagen konnte. Ich bekam nur ein trauriges Lächeln mit einem leichten Winken von ihm zu sehen, bevor ich zurückhaltend an die Klassenzimmertür klopfte. Ich hörte ein leises »Herein«, sammelte erneut all meinen Mut und öffnete entschlossen den Klassenraum.
Doch sofort fiel mir auf, dass mir mein ganzes Selbstbewusstsein nichts nutzen würde – zumindest diesen Leuten gegenüber. Überall waren Barbies und Kens – in jeglicher Ausführung. Ich war von ihrem Anblick so geblendet, dass ich einfach auf der Stelle stehen blieb. Erst das »Ja, Bitte?«, des Lehrers holte mich wieder aus meinem Erstaunen. In diesem Maent bemerkte ich auch, dass mein Mund offen stand.
Schnell schüttelte ich meinen Kopf, um meine Gedanken wieder zu sortieren.
»Ähm, ich bin neu hier in ihrem Kurs. Mein Name ist Clarissa«, fing ich an zu erklären und schon huschte Verstehen über das Gesicht des Lehrers. Ein Lächeln, das sicher beruhigend wirken sollte, doch eher den gegenteiligen Effekt hatte, legte sich auf seine Gesichtszüge.
»Ah, die Tochter von unserem besonderen Geschichtslehrer. Schön, dass du auch den Weg zu meinem Unterricht gefunden hast. Ich hatte mich schon gefragt, ob du auf dem Weg hier hin gefressen wurdest.« Bei seinen Worten huschte ihm ein kleines, echtes, boshaftes Lächeln über seine Lippen. Ich runzelte nur die Stirn.
»Nein, Dilan hat mich hierher geführt. Ich hatte nur solange im Sekretariat zu tun. Die Verspätung tut mir sehr leid. Wo soll ich mich hinsetzen?«, erwiderte ich verunsichert, wobei ich mein bestes gab, mir diese Verunsicherung nicht anmerken zu lassen. Mit so viel Ablehnung, gleich am ersten Schultag und dann noch vom Lehrpersonal, hatte ich nicht gerechnet.
Ohne ein weiteres Wort an mich zu richten, deutete er auf einen freien Platz in der letzten Reihe. Gerade als ich mich an den Fensterplatz setzen wollte, schien er doch seine Sprache wiedergefunden zu haben.
»Setz dich in die Mitte – neben Finja.«
Mit eingezogenem Kopf schlurfte ich auf den anderen Platz zu und ließ mich mit einem tiefen Seufzen auf den Stuhl fallen.
»Mach dir keinen Kopf. Er hat einfach Vorurteile. Sicher wird sich das bald legen«, wurde mir auch schon von der Seite aus zugeraunt. Erst jetzt fiel mir auf, dass sie das gleiche, nette Mädchen von heute Morgen war. Ein vorsichtiges Lächeln legte sich auf meine Lippen.
»Was denn für Vorurteile?«, fragte ich neugierig. Vielleicht würde mir ihre Antwort dabei helfen, besser mit seinem Verhalten klar zu kommen.
Bevor sie etwas antworten konnte, wurde sie auch schon unterbrochen.
»Finja, Sie sollten lieber dem Unterricht folgen, anstatt Pläuschchen zu halten.«
Entschuldigend lächelte sie mich an und drehte sich der Tafel zu. Ich versuchte ihrem Beispiel zu folgen und auch bei dem Unterricht aufzupassen. Jedoch wollte mir das nicht so recht gelingen, denn immer wenn ich versuchte, mich zu fokussieren, rissen mich die Blicke meiner neuen Mitschüler aus der Konzentration. Als wäre ich die neuste Attraktion.

Als die Stunde vorbei war, stand Finja strahlend vor meinem Tisch.
»Was steht jetzt bei dir an?«, fragte sie aufgeregt.
Ich kramte nach meinem Handy. »Ähm …. Geschichte«, sagte ich und ihr entwich ein freudiges Quieken.
»Uhhh. Bei mir auch. Ich bin ja so gespannt auf den Geschichtsunterricht. Diese Perspektive haben wir bis jetzt noch nie behandelt. Das wird sicher spannend«, freute sie sich und ihre gute Laune zauberte auch mir ein Lächeln auf das Gesicht. Sie schien die einzige Person zu sein, die mir unvoreingenommen gegenüber stand.
Genau in diesem Maent spüre ich auch wieder die Blicke der anderen Schüler auf mir liegen und meine gute Laune verrauchte wieder so schnell, wie sie gekommen war.
»Kann ich dich was fragen?«, murmelte ich zurückhaltend.
»Klar, alles was du wissen willst.«
»Warum werde ich von allen so stark gemustert? Sie schauen mich an, als wäre ich ein Alien oder sowas«, fragte ich, da sie die Einzige zu sein schien, die hier offen mit mir umging. Es war noch nie eine meiner Stärke gewesen, nicht direkt mit der Tür ins Haus zu fallen.
Auch ihrem Blick konnte ich entnehmen, dass ich sie mit dieser Frage ganz schön in die Ecke gedrängt hatte. Daher fügte ich noch schnell hinzu: »Ist das bei allen neuen Schülern so? Das muss doch ganz schön frustrierend sein, wenn man extra von einem anderen Wohnort an euer Internat kommt. Was ist überhaupt an der Schule so toll, dass extra welche hier hinkommen? Ich konnte nichts über diese Schule im Internet finden und dachte schon, dass sie sehr rückständig ist. Doch das Gegenteil ist offensichtlich der Fall.« Mittlerweile hatte ich so viele Fragen gestellt und Vermutungen geäußert, dass sie mir zumindest eine von ihnen beantworten können musste.
Und ich schien Erfolg zu haben, denn ein Lächeln legte sich auf ihre Lippen, als sie los plapperte: »Wir sind eine sehr exklusive Schule und haben ein ganz bestimmtes Klientel im Auge. Daher kommt man nur an diese Schule, wenn man entweder hier im Dorf wohnt oder eingeladen wird. Tatsächlich sagen aber auch einige Schüler ab, die sich mit den Umständen hier nicht so gut arrangieren können.«
»Echt? Die Schule ist so exklusiv? Woran liegt das denn?«, unterbrach ich sie. Bei meinen Worten zuckte Finja zusammen.
»Also …«, fing sie an zu stottern, »weil das Lehrpersonal hier außerordentlich qualifiziert ist. Außerdem hast du ja selbst mitbekommen, welche Lehrmittel dir hier zur Verfügung gestellt werden. Diese Schule hier ist einzigartig. Ich bin mir sicher, dass du das auch mit der Zeit merken wirst. Dann werden sich auch bestimmt einige deiner anderen Fragen klären.«
Doch ich hörte ihr schon nicht mehr zu, denn ich schaute mit großen Augen aus dem Fenster im Flur. Ich konnte meinen eigenen Augen kaum trauen, doch es sah so aus, als würde vor dem Fenster ein Baum in einer unglaublichen Geschwindigkeit wachsen. Als Finja meinem Blick folgte, zog sie scharf die Luft ein. Aus dem Augenwinkel sah ich, wie sie sich hektisch umblickte.
»Immer ist der Kerl nicht da, wenn man ihn braucht«, knurrte sie verärgert. Dann rieb sie ihre Hände zusammen und pustete mir etwas ins Gesicht.
»Was soll denn das?«, fragte ich entgeistert und versuchte mir das Zeug aus dem Gesicht zu wischen. Sie hingegen schaute mich nur mit großen Augen an. Etwas wie Panik stand in ihren Augen.
»Wir müssen jetzt ganz schnell Dilan suchen. Oder vielleicht weiß dein Vater auch schon Bescheid? Ach man, ich weiß nicht, was ich jetzt am besten tun soll«, plapperte sie verzweifelt vor sich her. Sie packte mich am Arm und zog mich den Flur entlang, während sie nach ihrem Handy kramte. Als sie es fand, tippte sie unglaublich schnell und hielt sich das Telefon ans Ohr. Zu meinem Erstaunen konnte ich Dilan genervte Stimme hören, als er dran ging.
»Was ist los Finja?«,, knurrte er.
»Sie hat raus geschaut. Auf einen Baum einer Klasse im Außenbereich«, flüsterte sie aufgeregt und schaute mich dabei verzweifelt an.
»Und warum sollte das jetzt mein Problem sein? Du wurdest doch extra dafür ausgewählt, weil du dich nun mal um solche anliegen kümmern kannst und eine komische Vorliebe für Menschen hast«, sagte er verärgert.
Verwirrt runzelte ich die Stirn. Was sollte das denn jetzt bedeuten, eine »komische Vorliebe für Menschen«? Sind wir hier nicht alle Menschen. Wobei, wenn ich da an den Baum dachte, kam mir das eindeutig merkwürdig vor. Genauso wie die Tatsache, dass hier alle so unglaublich gut aussahen.
»Es hat nicht funktioniert. Sie hat es sich einfach aus dem Gesicht gewischt und mich verwirrt angeschaut.«
Als ich jetzt verärgert die Stirn in Falten legte, hob sie nur entschuldigend die Hand. Eine Gesprächspause entstand und dann ein leises Fluchen.
»Wo seid ihr?«, fragte er, nachdem er sich wieder eingekriegt hatte.
»Im Flur zwischen dem Mathe und Geschichtskurs. Noch in der Nähe zum Garten, aber schon ein Stück davon entfernt. Eher Richtung Geschichtskurs. Ich hatte gehofft, dass ihr Vater vielleicht …«, wollte sie erklären, wurde dann aber schon unwirsch unterbrochen.
»Mr Liedger wurde noch nicht eingeführt. Wir wollten zuerst eine Woche warten, damit er zuerst einen unvoreingenommenen Eindruck von den Schülern hat. Bleibt, wo ihr seid. Ich bin gleich da«, hörte ich noch und dann legte er auf.
»Er hat ein ganz schön lautes Organ oder du hattest deine Lautsprecher sehr laut«, sagte ich stumpf und Finjas Augen weiteten sich noch ein Stück vor Schreck. Wobei mir nicht bewusst war, dass das überhaupt möglich war.
Händeringend versuchte sie, sich um eine Erklärung zu bemühen, doch ich hob abwehrend die Hände. Auf einmal erfasste mich eine innere Ruhe, als wäre plötzlich ein Schalter in mir umgelegt worden.
»Alles gut, Finja. Das alles wird sich ja bestimmt gleich aufklären. Uns beiden würde es jetzt sicher nichts bringen, wenn wir in Panik verfallen.« Dabei war es schon merkwürdig, dass ich auf einmal diejenige war, die Finja beruhigte, obwohl das ganze Gespräch der beiden dafür hätte sorgen müssen, dass ich schon vollkommen an meinem Verstand zweifeln musste. Tat es aber erstaunlicherweise nicht.

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