Zwischen Chaos, Funken und magischen Geheimnissen
Kapitel 8: Sind wir hier in Fightclub, oder was?
Finja und ich mussten keine zehn Minuten warten, da stand Dilan auch schon wutschnaubend vor uns.
»Mit dir hat man auch keinen Tag Ruhe, oder?«, fuhr er mich an und ich wich erschrocken ein paar Schritte zurück. Was sollte denn jetzt dieses Verhalten? Es ist ja nicht so, als hätte ich einen Fehler begangen.
»Hallo Dilan, freut mich auch dich wieder zu sehen«, antwortete ich daher umso gelassener. Ich hatte nicht vor, mich von seinem Verhalten anstecken zu lassen. Mit meiner Reaktion schien er nicht gerechnet zu haben, denn nun wich er zurück und schaute mich verwirrt an.
Nachdem er sich wieder gefasst hatte, fragte er mich: »Warum bist du so gelassen?«
»Würde es jetzt etwas bringen, wenn ich aus der Haut fahren würde und vollkommen verzweifelt wäre?«, entgegnete ich.
»Ich finde, dass macht dich nur umso verdächtiger«, knurrte er mich gereizt an.
»Und warum?«
»Soweit ich weiß, lassen solche Ereignisse Menschen aus der Haut fahren, in Ohnmacht fallen, an ihrem Verstand zweifeln oder aggressiv werden. Hier ist aber nichts davon der Fall. Außerdem scheinst du dich auch noch an alles zu erinnern und bist überhaupt nicht benebelt durch den Feenstaub. Das alles spricht eher dafür, dass du eine Jägerin bist«, führte er aus, während ich ihn nur immer verwirrter anblickte.
»Irgendwas scheint ja eher mit dir nicht zu stimmen. Was für Ohnmachtsanfälle, Feenstaub und Jäger?«, fragte ich entgeistert und merkte, wie der plötzlich aufkommende Druck auf meiner Brust mir die Luft aus den Lungen drückte. Offensichtlich sickerten erst jetzt, mit Dilans Erscheinen und seinen Worten, die Ereignisse wirklich zu mir durch.
»Das war also kein besonderes IT-Projekt mit Projektionen oder sowas in der Art?«, fragte ich verunsichert, weil mir erst jetzt wirklich klar wurde, dass es für das, was ich gesehen hatte, keine rationale Erklärung gab. Genauso wie Finjas Verhalten nicht gut erklärbar war. Trotzdem neigte ich dazu, eher Sachen zu verdrängen, die nicht in mein Weltbild passten, und das gehörte eindeutig dazu.
Ich merkte, wie ich anfing zu hyperventilieren. So viel zu meiner Verdrängungstaktik. Damit taumelte ich wieder ein paar Schritte zurück und schaute die beiden mir gegenüber mit großen Augen an. Die Angst musste mir förmlich ins Gesicht geschrieben stehen, denn jetzt sah mich Finja traurig und Dilan schockiert an. Als sie einen Schritt auf mich zumachen wollten, schaffte ich es irgendwie, wieder Energie in meine Beine zu bekommen, und sprintete los. Ich musste raus, musste an die frische Luft und anfangen, meine Gedanken zu sortieren. Wie mit dem Kelpie musste es auch hierfür eine logische Erklärung geben, etwas das greifbar war und mich nicht in einen übernatürlichen Wahnsinn katapultierte. Ich hatte genug Fantasyromane gelesen, um zu wissen, dass eine solche Geschichte immer mit viel Schmerz und bitteren Erfahrungen für den menschlichen Charakter zusammenhing und sicher hatte nicht vor, so zu enden.
»Clarissa, warte«, rief Finja mir noch nach, doch ich schüttelte nur den Kopf und rannte weiter. Ich konnte das jetzt nicht auch noch gebrauchen.
Als ich es irgendwie geschafft hatte aus dem Gebäude rauszukommen und nun auf dem Schulhof angekommen war, atmete ich zuerst tief durch. Die frische Luft schien mir zu helfen, wieder klare Gedanken fassen zu können. Ohne ein bestimmtes Ziel ging ich nun mit langsamen Schritten einfach weiter. Bloß nicht stehen bleiben, denn Bewegung half mir, meinen Kopf zu beruhigen.
Am Rand des Hofs konnte ich einen Wald erkennen. Sicher würde der mir auch helfen können. Bäume hatten schon immer eine unglaublich beruhigende Wirkung auf mich, und das würde ich nun sicher brauchen können. Denn ich brauchte so viel Unterstützung, wie ich bekommen konnte.
Gerade, als ich die Hälfte des Schulhofs überquert hatte, wurde ich von rechts so stark angerempelt, dass ich auf den Boden fiel. Was hatten die Bewohner hier nur gegen meine körperliche Unversehrtheit? Als ich aufsah, um mich zu beschweren, schaute ich zu einem wunderschönen Mädchen auf. Sie hätte die Reinkarnation von Schneewittchen sein können. Zu ihrer Linken und Rechten waren noch zwei Jungs, die mich gehässig anblickten.
Bevor ich etwas sagen konnte, ergriff das Mädchen schon das Wort: »Genau da gehörst du hin, Mensch. Ich weiß sowieso nicht, warum wir uns seid Jahrhunderten vor euch verstecken, wenn ihr doch so klein und mickrig seid. Selbst wenn ich normal gegen dich laufe, liegst du schon auf dem Boden.« Dann betrachtete sie mich einen Augenblick, bevor sie fortfuhr: »Und besonders hübsch bist du auch nicht. Ich versteh nicht, warum so ein Wirbel um dich gemacht wird. Dan, Dean, zeigt der Kleinen ganz genau, wo ihr Platz ist.«
Erschrocken wich ich vor den beiden Ungeheuern zurück, als diese mit einem gehässigen Lächeln auf mich zu kamen. Irgendwas sagte mir, dass ich diese Begegnung mit den beiden nicht nur mit ein paar Kratzern überstehen würde. Ich versuchte mich aufzurappeln, aber meine Beine wollten mir einfach nicht gehorchen.
Gerade, als ich um Hilfe schreien wollte, ertönte auch schon eine Stimme hinter mir – Dilan.
»Cindy, ruf deine Hunde zurück. Das ist doch nicht nötig. Du siehst doch selbst, dass sie zu nichts fähig ist.«
»Halt dich da raus, Dilan. Du hast doch selbst genug gemeckert, dass du dich jetzt sicher nicht als Moralapostel aufspielen musst. Du traust den Menschen doch auch nicht. Weißt du, was sie mit meiner Oma gemacht haben? Schau dir doch an, wie schwächlich sie auf sich alleine gestellt sind. Wenn es eine weniger ist, ist das der erste Schritt in die richtige Richtung. Die sind doch eh alle gleich«, spuckte ihm das Mädchen Namens Cindy entgegen.
In der Erwartung, dass Dilan ihre Worte überzeugt hatten, hielt ich noch nach weiterer Hilfe Ausschau. Doch niemand ließ sich blicken. Außerdem wusste ich nicht, wie gut meine Chancen waren, einfach die Flucht zu ergreifen. Mein Bauchgefühl sagte mir, dass ich nicht weit kommen würde.
»Ich habe sie schon im Auge, seitdem sie hier angekommen ist. Sie und ihre ganze Familie. Bis jetzt haben sie keine Anstalten gemacht, gefährlich zu wirken. Solange sie nichts Verräterisches machen, müssen wir sie vorerst dulden. Das hat der Rat nunmal so beschlossen – indem im Übringen auch dein Vater sitzt«, entgegnete er.
»Kinder müssen manchmal die Fehler ihrer Eltern ausbaden. Dass müsstest du doch am besten wissen.«
Die beiden Schläger machten keine Anstalten wieder zurückzuweichen und kamen in kleinen, unauffälligen Schritten weiter auf mich zu. Ich fasste mir zum ersten Mal ein Herz und schaute verängstigt in Dilans Gesicht. Ich wusste nicht genau, was ich gehofft hatte, dort zu finden, aber was es auch immer gewesen sein mochte, ich fand es nicht. Ein leichtes Wimmern kroch mir über die Lippen und verlor vollkommen die Kontrolle über mich. Wider meines Willens rannten mir Tränen aus den Augen und ich fing an haltlos zu zittern. Es war mir unangenehm, aber um mich weiter damit zu befassen, hatte ich keine Zeit.
Ich versuchte die verbleibende Energie in mir zu sammeln und kroch noch ein paar Schritte zurück. Ich wollte möglichst viel Abstand zwischen mich und die Ds bringen, bis ich wieder genug Energie gesammelt hatte, dass ich lossprinten konnte. Als ich jedoch anfing, warf mir Dilan einen kaummerklichen Blick zu und schüttelte ganz leicht den Kopf. Als hätte ich Grund, diesem Mistkerl zu vertrauen. Bis jetzt ist er noch kein einziges Mal nett zu mir gewesen – das schuf daher nicht die beste Basis. Daher folgte ich auch weiter meinem Gefühl und kroch noch weiter zurück.
Doch offensichtlich schien das tatsächlich die falsche Entscheidung gewesen zu sein, denn das Grinsen auf den Gesichtern von Cindys Schlägertypen wurde nur noch gehässiger und sie kamen nun unverhohlener, mit größeren Schritten auf mich zu. Gerade, als ich anfangen wollte zu schreien – oder es zumindest versuchen wollte – stellte sich Dilan ihnen in den Weg.
»Ich habe gesagt, dass ihr sie in Ruhe lassen sollt, solange noch keine Beweise gegen sie vorliegen. Im Maent seid ihr die Einzigen, die sich gefährlich verhalten«, sagte er, wobei er selbst nicht so überzeugt wirkte, wie ich es mir gewünscht hätte.
»Willst du etwa abwarten, bis der erste von uns Tod ist?«, fragte Cindy ihn mit einem heimtückischen Lächeln.
Zu meinem Entsetzen schien Dilan kein vernünftiges Gegenargument einzufallen. Das konnte doch wohl nicht sein Ernst sein? In diesem Maent floss unglaubliche Wut durch meine Adern, was mir neue Kraft schenkte, um es wieder auf meine Beine zu schaffen und meine Stimme wieder zu finden.
»Ist das euer Ernst? Ihr seid ja schlimmer als jeder Rassist in unserem Land. Ich weiß ja nicht, was ihr erlebt habt, aber Gewalttaten in der Vergangenheit, ausgeübt von anderen Generationen, mit anderen Entscheidungen und Lebensgeschichten rechtfertigen kein ausgrenzendes Handeln zu dieser Zeit. Ihr seid hier so voreingenommen und verblendet, dass ihr mir fast leidtun würdet, wenn ihr nicht mir ans Leder wolltet. Das, was ihr hier vorhabt macht euch zu noch Schlimmeren, als das, vor dem ihr Angst habt. Soviel kann ich euch sicher sagen«, hielt ich meinen Monolog und schaute dann in vier fassungslose Gesichter. Niemand von ihnen hatte mit einer solchen Reaktion gerechnet. Doch einer der beiden Schlägertypen schien sich rasch wieder zu fassen und kam schneller, als meine Augen ihm folgen konnten, auf mich zu. Ich versuchte, noch meine Hände schützend zu heben, erkannte aber, dass es keinen Sinn hatte. Im Augenwinkel sah ich noch, dass Dilan mich mit einem verzerrten Gesichtsausdruck anblickte. Er zeigte irgendwas zwischen Erleichterung und einem Hauch von Zerrissenheit. Einen kurzen Maent wirkte es so, als hätte er seine Hand gehoben und dann doch wieder fallen lassen. Das hier musste mein Ende bedeuten.
Gerade, als unterschiedlichste, wirre Gedanken durch meinen Kopf streiften, tauchte auf einmal ein großer, fluffiger Ball zwischen uns auf. Der Angreifer lief mit vollem Karacho in ihn hinein und wurde mit noch mehr Energie zurück geschleudert. Dann schrumpfte der Ball in sich zusammen und vor mir saß ein freundlich hechelnder Fluff.
Wieder traten mir Tränen in die Augen, doch diesmal waren es Tränen der Erleichterung.
Schnell hob ich meinen Retter hoch, drückte mein Gesicht in sein Fell und schniefte: »Danke, dass du mich beschützt hast.«
Als Antwort wurden mir nur freudig die Tränen weggeschleckt.
»Fluff«, flüsterte Dilan voller Erstaunen. Doch dieser knurrte ihn nur an, was Dilan bestürzt blicken ließ.
Dann tauchte auch schon Finja zusammen mit Elvas auf, der geschockt auf die ganze Szenerie blickte.
Das Erste, was ihm über die Lippen kam, war: »Dilan, ich bin unglaublich enttäuscht von dir. Wie konntest du es soweit kommen lassen?«
Die Worte seines Vaters schienen ihn nur noch mehr zu quälen.
»Aber …«
»Nein, kein Aber. Für dein Verhalten gibt es keine Entschuldigung. Hat dir diese Familie etwas getan? Haben sie dir Grund zum Zweifel gegeben? Hat sich auch nur eine deiner Ängste bestätigt? Ich habe dir dein Verhalten durchgehen lassen, weil ich wusste, wie wichtig dir deine Cousine gewesen ist und dass es nicht leicht ist zu verzeihen. Doch das sind nicht dieselben Menschen. Sogar dein Onkel und deine Tante haben das verstanden. Ich habe darauf vertraut, dass du zumindest dafür sorgen würdest, dass niemand hier – inklusive der Menschen – zu Schaden kommt. Aber dieses Vertrauen habe ich wohl falsch in dich gesetzt.«
Dilan schaute seinen Vater mit großen Augen an und dann zu mir – dem kleinen, verweinten Häufchen Elend – mit seinem Hund auf dem Arm. Seine Augen wurden noch größer, wenn das überhaupt möglich war und Erkennen schlich sich in seinen Blick. Als habe er erst jetzt das ganze Ausmaß der Situation vollkommen verstanden.
»Das wollte ich so nicht. Ich wollte nur …«, doch dann gingen ihm die Worte aus, da er selbst zu realisieren schien, was er da beinahe zugelassen hätte.
In einer Geste der reinsten Verzweiflung fuhr er sich über das Gesicht und flüchtete ohne ein weiteres Wort in den Wald. Ich hingegen schaute nur verständnislos zu Elvas und Finja. Sie hingegen erwiderten nur meinen Blick mit einem traurigen Lächeln. Dann löste sich Elvas Blick von mir und fiel auf die Personen hinter mich. Sofort verfinsterte sich seine Miene.
»Und sie drei kommen mit mir mit. Wir haben ein ernsthaftes Gespräch zu führen über ihr verhalten. Cindy, ich werde ihren Vater darüber in Kenntnis setzen. Ich bin schon äußerst gespannt, was er dazu zu sagen hat. Außerdem werden ihre Magieeinschränkungen erhöht, sodass sie selbst nur noch die Kraft eines Sterblichen haben«, fuhr er die Drei an. Der Schock in ihren Blicken war hingegen unbezahlbar. Offensichtlich hatte dies mehr Auswirkungen, als mir zum jetzigen Zeitpunkt bewusst war.
»Clarissa, du wartest bitte mit Finja zusammen bei dir Zuhause. Du bist für den Rest des Tages freigestellt, um dich erst mal von dem allen zu erholen. Nach Unterrichtsende werde ich sofort zu euch kommen und dann können wir zusammen mit deiner Familie darüber sprechen. Nach dieser Situation habe ich wohl kaum noch eine andere Möglichkeit. Ich würde dich bitten, solange noch Schweigen zu wahren. Du kannst Finja alles fragen, was du möchtest, und sicher wird sie ihr Bestes geben, um dir zufriedenstellende Antworten zu geben. Ich kann mir vorstellen, dass das alles sicher ein bisschen viel für sich war, also ruh dich jetzt aus«, sagte er und schaute mich dabei verständnisvoll an.
Als Antwort nickte ich nur und folgte den weggehenden Gestalten mit glasigem Blick – vollkommen in meinen Gedanken verloren.
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