Wiedererwacht – Die unterirdische Stadt: Kapitel 1
Ich liege im Bett, schaue in die flackernden Lichter des Krankenhauslichtes und kann es kaum glauben, dass es mittlerweile so weit sein soll – dass mein letzter Atemzug nun so nah scheint.
Natürlich war es abzusehen. Meine Gesundheit ging immer mehr den Bach runter. So sehr ich auch gekämpft habe, konnte ich dennoch nichts dagegen tun. Der Krebs frisst sich durch meinen Körper. Die Schmerzen sind kaum zu ertragen, auch wenn ich versuche, für meine Familie immer ein Lächeln aufzusetzen.
Ich sehe den Schmerz meiner Eltern jeden Tag. Höre die ungeweinten Tränen in den Stimmen meiner Geschwister, wenn wir miteinander reden. Spüre die mitleidigen Blicke meiner Großeltern, die nicht fassen können, dass ich diese Welt vor ihnen verlassen werde.
Nur noch wenige meiner Freunde kommen mich besuchen. Ich kann es verstehen. Sie können oder möchten meinem Verfall nicht länger zusehen.
Nur meine beiden besten Freunde können sich gelegentlich aufraffen, mich besuchen zu kommen. Doch auch ihnen merkt man an, dass es ihnen immer schwerer fällt.
Es ist auch kein Wunder. Ich erkenne mich mittlerweile selbst kaum wieder. Meine erdbeerblonden Haare sind mir mittlerweile ausgefallen. Meine Augenringe sind so dunkel, dass sie einschüchternd wirken. Die durch den starken Gewichtsverlust eingefallene Haut sieht grau und leblos aus.
Mir bekamen die ganzen Operationen und Chemotherapien nicht, doch ich wusste, dass ich sie durchstehen musste. Meine Familie und meine Freunde brauchten sie. Egal wie gering die Chancen waren, sie brauchten diese Hoffnung.
Mir war von Anfang an klar, dass es kein gutes Ende nehmen würde, auch wenn ich mich äußerst angestrengt habe. Doch heute bin ich mehr als froh, dass ich immer mein Bestes gegeben habe. Wenn auch mein ganzer Körper schmerzt und mich anschreit, es war es trotzdem wert.
Denn sobald ich meine Augen das letzte Mal schließen werde, kann ich reinen Gewissens gehen. Ich brauche mir keine Vorwürfe zu machen, dass ich nicht alles Mögliche gemacht habe.
Das ist auch der Grund, warum ich versuche, keine Last für meine Liebsten zu sein. Natürlich gebe ich zu, wenn es wirklich schlimm ist, wie schlecht es mir geht. Trotzdem weigere ich mich, dass das die Erinnerung ist, die bleiben soll.
Sie sollen mich lächelnd in Erinnerung haben. Wie ich einen schlechten Witz erzähle oder das Schöne in jedem Bisschen sehe. Denn das sollen sie auch.
Ich wünsche mir aus tiefstem Herzen, dass sie über meinen Tod hinwegkommen. Dabei mache ich mir keine Illusionen. Versuche nicht, es mir schönzureden. Trotzdem hoffe ich aus tiefstem Herzen, dass sie den Schmerz überwinden werden, weil auch sie wissen, dass ich alles gegeben habe. Weil auch sie wissen, dass ich meine Lebensfreude selbst am Schluss nicht verloren habe.
Es wird ihnen ungerecht vorkommen und der Himmel weiß, das ist es auch. Trotzdem ist viel in dieser Welt unfair und niemand kann dagegen etwas unternehmen. Das Leben ist nun mal das Leben und keiner kann sich dagegen stellen.
Damit habe ich bereits meinen Frieden gemacht. Ich habe mittlerweile erkannt, dass es keinen Sinn mehr macht, etwas zu betrauern. Dazu besteht auch kein Grund.
Ich hatte ein schönes Leben, auch wenn es schon früh enden wird. Ich bin gerade einmal sechzehn und hätte noch viel zu erleben. Trotzdem habe ich mein Leben so gut gelebt, wie ich konnte.
Ich habe eine wundervolle Familie, die mich liebt. Geschwister, mit denen ich alles teilen konnte und nur wenig Gezanke. Außerdem unglaublich tolle Freunde, welche immer auf meiner Seite standen.
Sicher, wir waren nicht die Beliebtesten. Doch genauso waren wir die Unbeliebtesten. Ich konnte mich immer auf sie verlassen und zusammen haben wir schon den einen oder anderen Unsinn getrieben.
Ich merke, wie ein Lächeln meine Lippen verzieht. Trotzdem spüre ich genauso die Nässe an meinen Wangen. Das ist doch wirklich unglaublich.
Schnell wische ich mir die Tränen aus meinem Gesicht, als ich Stimmen vor der Tür höre.
»Hallo, Aline. Wir haben dir dein Lieblingsessen mitgebra…«, fängt meine Mutter an zu sagen und unterbricht sich, sobald sie mein Gesicht sieht.
»Alles in Ordnung? Hast du Schmerzen?«, fragt sie.
Die Besorgnis ist ihr ins Gesicht geschrieben und ich könnte mir dafür in den Arsch beißen.
Schnell setze ich ein strahlendes Lächeln auf, als ich sage: »Natürlich ist alles gut. Ich habe mich nur an schöne Augenblicke erinnert. Dann haben mich meine Gefühle einfach übermannt, weil ich wirklich dankbar dafür bin, dass ich euch alle habe.«
Nun treten Tränen in ihre Augen. Sie versucht diese schnell wegzublinzeln und wendet ihr Gesicht von mir ab.
Trotzdem sagt sie: »Und davon werden wir auch noch viele Weitere haben. Du wirst schon sehen. Dein Leben ist noch nicht vorbei. Es fängt gerade erst an.«
Bei ihren Worten dreht sie sich wieder mir zu, während mein Vater neben sie tritt und sie liebevoll in den Arm nimmt.
Ich nicke nur leicht und schenke ihr ein schmales Lächeln. Ich möchte ihr keine Versprechungen machen, die ich nicht halten kann.
Meine Mutter scheint mein Zögern zu merken, denn schnell fährt sie fort: »Wo war ich? Ach ja! Wir haben dir dein Lieblingsessen mitgebracht. Frische Pfannkuchen. Sie sind tatsächlich auch noch warm«, fügt sie mit einem Zwinkern hinzu.
Ich lächel sie aus tiefstem Herzen dankbar an, als ich sage: »Wow, Dankeschön. Das bedeutet mir echt viel. Ich kann das Krankenhausessen schon kaum noch ertragen.«
»Das weiß ich doch ganz genau, Liebling«, erwidert sie und bereitet mir das Essen vor.
Beide schlucken wir die restlichen Worte runter, die uns auf der Zunge liegen. Wir wissen auch so, was uns auf dem Herzen liegt und was die andere sagen möchte.
Nun kommt mein Vater an mein Bett, streichelt mir über das Haar und haucht mir einen Kuss auf den Scheitel.
»Alles klar, meine Kämpferin?«, fragt er mich und schaut mich dabei voller Stolz an.
»Natürlich«, erwidere ich, doch bin dabei schon voll auf die Pfannkuchen konzentriert.
»Nichts kann mich unterkriegen. Noch nicht mal ein Krebs.«
»Genau so sieht es aus«, sagt er, aber ich merke, dass sein Lächeln etwas angespannter ist.
Sie versuchen, ihre Besorgnis genauso zu verstecken wie ich. Auch sie möchten mich nicht noch mehr belasten und ich weiß es durchaus zu schätzen. Ebenfalls möchte ich mich in meinen letzten Momenten an ihr Lächeln erinnern und nicht an ihre Tränen.
Langsam merke ich, wie ich müder werde. Meine Eltern merken es auch und räumen ihre Sachen zusammen.
Ich habe mich sehr über ihren Besuch die letzten Stunden gefreut. Doch mit der Zeit wurde es immer schwerer.
Die Schmerzmittel haben nachgelassen und meine Freude aufrecht zu erhalten wurde dadurch zu einer Meisterleistung. Nichts trübt die Freude so sehr wie Schmerzen. Sei es nun körperlicher oder seelischer Natur.
»Wir sehen uns morgen, mein Liebling«, verabschiedet sich meine Mutter und streichelt mir dabei liebevoll über den Kopf.
»Bis morgen, meine Kämpferin. Wir sehen uns morgen. Jetzt ruh dich noch aus. Denk dran, es ist ein besonderer Tag. Du wirst siebzehn«, sagt mein Vater und nimmt mich in eine feste Umarmung.
»Stimmt, das habe ich wegen all dem hier schon fast vergessen. Bis morgen«, sage ich überrascht und versuche die Erinnerung, welche mich dabei durchfährt, zu verdrängen.
Vor einem Jahr, zu meinem Geburtstag, merkte ich das erste Mal, dass etwas nicht stimmt. Nach einer supertollen Sweet Sixteen Party hatte ich das erste Mal diese unglaubliche Übelkeit. Kurz bevor ich mich voller Erschöpfung ins Bett fallen ließ, habe ich mich furchtbar übergeben.
Ich dachte, dass es am Alkohol lag, obwohl ich nur zwei Bier getrunken hatte. Ich dachte einfach, dass es daran lag, dass ich Alkohol nicht gut vertrage. Doch es war das erste Anzeichen.
Nachdem es nach einer Woche noch immer nicht weggegangen ist, habe ich meine Eltern darauf angesprochen und bin mit ihnen zum Arzt gegangen. Dieser tat es zuerst als eine Magenverstimmung ab und hat mir ein paar Medikamente gegeben, damit meine Übelkeit abnimmt.
Die erste Zeit hatten sie sogar etwas geholfen, doch schnell wendete sich das Blatt. Ich hatte angefangen, Blut zu spucken und anstatt erneut zu diesem Hausarzt zu eilen, sind wir dann direkt ins Krankenhaus.
Dort wurde er gefunden – mein Magenkrebs. Doch anstatt, dass er sich nur mit meinem Magen begnügt hatte, hat er schon angefangen zu metastasieren. Schon da war ich im vierten Stadium und die Ärzte hatten wenig Hoffnung für mich. Trotzdem waren wir nicht bereit aufzugeben und das führte mich bis zum heutigen Tag.
Ich schüttele den Kopf, um mich wieder aus meiner Erinnerung zu reißen.
»Bis morgen«, sage ich, so fröhlich ich kann, und winke meinen Eltern zu, als sie den Raum verlassen.
Als sie endlich weg sind, atme ich schwer aus.
Die letzte Stunde ist mir das Luftholen ziemlich schwergefallen, doch ich habe es vor ihnen verborgen.
Ihr Besuch war zu schön, um meine Verletzungen und Erschöpfung vor ihnen zu zeigen. Ich strecke meine müden Glieder. Merke, wie mir die Augen zufallen.
»Es ist an der Zeit, jetzt zu uns zu kommen«, höre ich eine geisterhafte Stimme neben meinem Ohr.
Ich zucke zusammen und sehe mich in dem Raum um. Ich kann niemanden ausfindig machen. Verunsichert lehne ich mich wieder zurück in mein Kissen. Sicher habe ich mir das nur eingebildet.
Doch plötzlich überkommt mich ein Hustenanfall aus dem Nichts. Ich bekomme keine Luft mehr und sehe mich keuchend nach Hilfe um.
Ich möchte die Fernbedienung an meinem Bett greifen, aber durch das Schütteln meines Körpers fällt sie aus der Hand. Um auf dem Gang nach Hilfe zu fragen, versuche ich aufzustehen, doch falle einfach auf den Boden.
So habe ich mir mein Ende nicht vorgestellt. Das war nicht die Art und Weise, wie ich von dieser Erde verschwinden will. Ich wollte in seliger Ruhe einschlafen und einfach nicht mehr aufwachen.
So ein Scheiß, morgen ist doch mein Geburtstag.
Mit letzter Kraft versuche ich, mich aufzustemmen. Die Tür zu erreichen. Doch sie möchte mir einfach nicht entgegenkommen.
Jetzt merke ich, wie Leute in mein Zimmer stürmen, höre verzweifelte Zwischenrufe und merke, wie mein Körper gepackt wird.
Doch ich weiß, dass es zu spät ist, dass ich keine Chance mehr habe und heute der letzte Tag mit meinen Eltern war.
Mit meinem letzten Blick treffe ich auf leuchtende grüne Augen, die mich starr anblicken. Dann weicht mein letzter Atemzug aus meinem Körper und ich weiß, dass es jetzt vorbei ist.
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