Wiedererwacht – Die unterirdische Stadt: Kapitel 2

»Aline, bitte wach auf. Du darfst so nicht gehen!«, ruft eine mir bekannte Stimme. Ich kann sie nur nicht vernünftig zuordnen. Als ich nicht sofort reagiere, beginnt sie, leise zu fluchen.
Keuchend ringe ich nach Luft und fasse mir an die Kehle. Ich habe es tatsächlich geschafft. Ich bin nicht gestorben. Ich werde meinen Geburtstag noch erleben und einen weiteren schönen Tag mit meiner Familie und meinen Freunden haben können.
»Aline, du lebst«, seufzt die Person erleichtert auf.
Bevor ich sie genauer betrachten kann, wirft sie sich schon um meinen Körper und schließt mich in eine feste Umarmung ein.
Ich erwidere sie nicht, sondern schaue mich zuerst verwirrt um. Wir sind ganz sicher nicht im Krankenhaus. Wir sind auf einer Wiese. Irgendwo im Nirgendwo. Außerdem sind wir von einer Gruppe Menschen umringt, die mich alle geschockt anschauen.
Einige verärgert, andere erleichtert. Doch alle schauen mich an, als könnten sie nicht glauben, dass ich tatsächlich lebe.
»Ähm, danke«, sage ich und tätschle vorsichtig dem Mädchen, welches mich umarmt, auf den Rücken.
»Du kannst mich jetzt loslassen«, füge ich noch nachdrücklich hinzu.
Das Mädchen löst sich von mir, hält mich aber noch immer an beiden Armen fest. Kurz habe ich das Gefühl, dass so etwas wie Abscheu durch ihre Augen gleitet, doch es ist so schnell verwunden, dass ich es mir nur eingebildet haben muss. Jetzt rinnen ihr nur noch Tränen aus den Augen und sie schluchzt herzzerreißend.
Sie scheint in meinem Alter zu sein und ist wunderschön. Ihre Haut ist ebenmäßig und weist keinerlei Makel auf. Ihre blonden Haare sind perfekt gestylt, was nicht zu diesem Chaos passt. Diese blauen Augen kommen mir unglaublich bekannt vor, doch das ist nicht, was mich am meisten an ihrem Äußeren irritiert. Von ihrer linken Schläfe bis unter ihre Kleidung zieht sich ein tiefschwarzes Tribeltattoo. Würde ich es nicht besser wissen, könnte man meinen, dass Emilia, die Mobberin, um mich weint.
Ich merke nicht, dass ich die Luft angehalten habe, bis ich sie nun in einem Schwall ausatme. Wo zur Hölle bin ich hier nur gelandet? Ich bin vor nicht mal ein paar Minuten auf der Krankenstation gestorben und jetzt? Ist das vielleicht eine Halluzination durch Medikamente und ich bin doch noch nicht gestorben?
Verwirrt schüttel ich meinen Kopf und versuche, einen klaren Gedanken zu fassen.
»Lasst mich durch«, ruft in diesem Moment eine andere Stimme, die ich kenne, und quetscht sich zwischen den Schülern durch.
»Was machen sie hier auf dem Boden?«, sagt meine Biolehrerin, Frau Forster.
Doch sie sieht ganz anders aus, als ich sie in Erinnerung habe. Auch sie hat ein riesiges Gesichtstattoo und eine ganz andere Frisur. Außerdem trägt sie einen merkwürdigen Overall.
»I… Ich weiß nicht«, stammel ich und kann noch immer nicht fassen, was hier passiert.
Mein Geist ist vollkommen überfordert, was auch kein Wunder ist. Vor ein paar Sekunden war ich noch sterbend im Krankenhaus und jetzt bin ich irgendwo, umzingelt von Menschen, die ich nicht erkenne. Da merke ich auch schon, wie mir Schwarz vor Augen wird.

Dieses Mal wache ich geblendet vom hellen Licht auf. Das ähnelt schon viel mehr der mir bekannten Krankenhausumgebung. Bevor ich meine Augen tatsächlich öffne, versuche ich, zuerst die Umgebung um mich herum wahrzunehmen.
Ich höre von draußen gedämpfte Stimmen und nehme das Piepen unterschiedlicher Geräte wahr. Die Unterlage, auf der ich liege, ist hart und unbequem.
Bestimmt war alles ein unschöner Traum und ich habe es doch geschafft, zu überleben. Meine Phantasie neigte schon immer dazu, die unmöglichsten Dinge zu erschaffen.

Nachdem ich mir weiter Mut zugesprochen habe, kann ich mich dazu überwinden, meine Augen zu öffnen. Doch ich schließe sie sofort wieder.
»Fräulein Kühne, ich habe genau gesehen, dass sie ihre Augen geöffnet haben. Es wird ihnen nichts bringen, sich weiter schlafend zu stellen«, ertönt die Stimme von Frau Forster.
Was ein Mist. Ich habe nicht damit gerechnet, dass tatsächlich jemand hier ist und mich beobachtet. Auch ihren Atem habe ich überhaupt nicht wahrgenommen.
Ich überlege noch einen Moment, wie ich weiter vorgehen soll, öffne doch dann wieder meine Augen. Diese Frau Forster hat recht. Es hat keinen Sinn, sich weiter schlafend zu stellen, sobald man erwischt wurde.
»Hallo Frau Forster«, stammle ich zögerlich, da ich noch immer die Situation nicht richtig einzuschätzen weiß.
Wieder nutze ich die Chance, meine Umgebung genauer zu betrachten.
Frau Forster sieht noch genauso aus, wie ich sie auf dem Feld gesehen habe. Der Raum, in dem ich mich befinde, scheint tatsächlich eine Krankenstation zu sein. Doch diese Krankenstation sieht ganz anders aus als mir die bekannten.
Hier sind überall Geräte, die ich nicht zuordnen kann. Als ich aus dem Fenster schaue, sehe ich mir unbekannte Gebäude. Sofern man das so nennen möchte.
Das, was ich vor dem Fenster sehe, sind nämlich einfach riesige, dunkle Fronten, welche erstaunlich nah an einem Krankenhaus stehen. Außerdem wirkt alles düster und beklemmend.
Auch der ganze Raum ist dunkel und einengend. Die Wände sind in verschiedenen Grautönen und nirgends ist weiß oder eine Farbe zu sehen. Natürlich ist mir bekannt, dass Krankenhäuser nicht den größten Wert auf Ästhetik legen, doch so ein beklemmender Raum ist mir selten vorgekommen.
»Wo bin ich hier und warum warten gerade sie an meinem Bett?«, frage ich diese Frau Forster, in der Hoffnung, dass sie mir weiterhelfen kann.
Dabei lasse ich noch die tausend anderen Fragen weg, welche mir auf der Zunge liegen. Mein Bauchgefühl sagt mir, dass es nicht der richtige Moment ist, um es anzusprechen.
Frau Forster schnaubt entrüstet über meine Frage, als könne sie nicht glauben, dass ich sie tatsächlich stelle.
»Sie sind auf der Krankenstation des Schlosses Bergenden. Ihrer Schule? Der Ort, an dem sie leben? Und ich bin hier, weil ich ihre Klassenlehrerin bin und die Verantwortung für sie trage«, erklärt sie.
Bei ihren Worten werden meine Augen immer größer und ich kann kaum glauben, was ich höre.
»Das kann nicht sein«, unterbreche ich sie, während ich ihrer weiteren Erklärungen nicht zugehört habe.
»Was kann nicht sein, Fräulein Kühne?«, fragt sie mich mit hochgezogenen Augenbrauen.
Dabei ist ihr Blick forsch und sie schaut mich missbilligend an. Offensichtlich kann sie es nicht glauben, dass ich es tatsächlich wage, sie zu unterbrechen.
»Das ich lebe«, entgegne ich und schaue dabei an meinem Körper hinab.
Dieser scheint vollkommen in Ordnung zu sein. Er wirkt nicht so ausgemergelt wie noch vor ein paar Stunden und hat auch nicht mehr die gleichen Blessuren. Ich fühle mich so gesund wie schon lange nicht mehr.
»Dass sie noch leben, ist tatsächlich ein Wunder, welches wir untersuchen müssen. Können sie sich denn an irgendwas erinnern? Wer Ihnen das angetan hat? Wo das Gift drin war? Hat jemand etwas gegen Sie?«, fragt nun Frau Forster und unterbricht mich damit in meiner Betrachtung.
»Wie meinen Sie das?«, frage ich schockiert und schaue sie mit großen Augen an.
»Wovon reden Sie?«, entgegnet Frau Forster genauso irritiert.
Offensichtlich wissen wir beide nicht, wovon die jeweils andere spricht.
Um mir weiter auf die Sprünge zu helfen, erklärt sie: »Frau Kühne. In ihrem Körper wurde eine tödliche Menge an Gift gefunden. Keiner Ihrer Mitschüler will etwas darüber wissen oder hat einen Grund dafür genannt. Natürlich sind Verletzungen nicht unüblich, wenn man sich auf den Krieg vorbereitet oder in Übungsschlachten zieht. Doch das ist mehr als üblich. Können Sie mir daher bitte erklären, wer etwas gegen Sie hat?«
Mit großen Augen schaue ich Frau Forster an und schüttle dabei nur verständnislos den Kopf. Das muss doch ein schlechter Scherz sein! Ein abstruser Traum, nach meiner Nahtoderfahrung. Sicher wache ich gleich auf, meine Eltern stehen voller Schock neben meinem Bett und ich kann diesen Traum hinter mir lassen.
Um mir zu beweisen, dass dies hier nicht die Realität ist, kneife ich mir in meinen Arm. Als ich den Schmerz spüre, merke ich, wie mein Körper von selbst die Luft anhält. Offensichtlich ist das hier kein Traum.
Mit dieser Erkenntnis wird mir schwarz vor Augen.

 

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