Wiedererwacht – Die unterirdische Stadt: Kapitel 3
Die Stimmen meiner Eltern wecken mich dieses Mal aus meinem Delirium.
»Was sollen wir hier? Wir haben sie extra in Ihre Obhut gegeben, damit wir uns nicht weiter mit ihr auseinandersetzen müssen. Sie ist Ihr Problem und nicht unseres«, höre ich die Stimme meines Vaters aufgebracht flüstern.
Was soll das? Diese Art passt überhaupt nicht zu ihm.
»Papa? Mama?«, flüstere ich schwach und versuche dabei flatternd, meine Augenlider zu öffnen.
Doch anstatt wie sonst von ihrer liebevollen Wärme umfangen zu werden, blicke ich nun in zwei angewiderte Gesichter. Sie sehen meinen Eltern schon ähnlich.
Der Mann, welcher vor mir steht, hat eindeutig die Merkmale meines Vaters. Er hat die breiten Schultern, die gleichen braunen Augen und das gleiche braune Haar. Doch anstatt das um seine Augenpartie und Lippenpartie die liebevollen Falten des ständigen Lächelns liegen, ist dort straffe Haut mit einem finsteren Blick, der mir das Blut in den Adern gefrieren lässt.
Hilfesuchend blicke ich mich nach meiner Mutter um. Doch auch hier blickt mir eine fremde Frau entgegen, die nur das gleiche Aussehen wie meine Mutter hat.
Sie hat rote, wilde Locken. Genau wie ich. Ihre sonst so von Wärme strahlenden blauen Augen blicken mir nun wie gefrorenes Eis entgegen. Ihre vollen roten Lippen heben sich genauso von ihrer blassen Haut ab, wie bei meiner Mutter, doch ein bösartiger Zug liegt um sie.
Doch das ist noch nicht alles. Auch sie tragen beide ein Tattoo von ihrem Gesicht abwärts. Damit ist eindeutig klar, dass die Leute vor mir nicht meine Eltern sind.
Erschrocken zucke ich zusammen. Alles in mir fühlt sich an, als wäre ich von ihnen geschlagen worden. Allein ihre eiskalten Blicke haben dafür vollkommen ausgereicht.
»Wie hast du uns genannt?«, fragt der Mann, der meinem Vater so sehr ähnelt.
Dabei ist sein Ton gefährlich gefühlskalt und sorgt dafür, dass ich mich noch unsicherer fühle, als bisher schon.
»Mama und Papa?«, wiederhole ich nun unsicher.
Entrüstet schaut er mich an, als könnte er nicht recht glauben, was er soeben aus meinem Mund gehört hat.
»Dir muss offenbar ordentlich zugesetzt worden sein, wenn du uns so nennst«, sagt meine Mutter voller Hohn.
»Sorgen sie dafür, dass sich das regelt. Wir können nicht noch mehr Probleme gebrauchen. Wir haben Wichtigeres zu tun. Das nächste Mal kontaktieren sie uns nur, wenn Aline tatsächlich verstorben ist. Alles Andere kann sie uns früher oder später selbst mitteilen«, sagt meine Mutter streng zu Frau Forster.
Sie beide verlassen das Krankenzimmer, ohne ein weiteres Wort an mich zu richten. Als dies passiert, wirft mir Frau Forster einen mitleidigen Blick zu. Doch dieser ist nur von so kurzer Dauer, dass ich mir nicht sicher bin, ob ich ihn tatsächlich gesehen habe.
Jetzt bin ich allein in diesem mir unbekannten Zimmer. Es ist das erste Mal, seitdem ich aufgewacht bin. Es ist für mich kaum vorstellbar, was alles in dieser kurzen Zeit passiert ist.
Ein Teil von mir kann noch immer nicht glauben, dass das alles hier real ist. Doch ich muss es akzeptieren. Um in dieser Welt zu überleben, bleibt mir gar keine andere Möglichkeit, als diese neue Realität zu akzeptieren.
Selbst wenn das hier alles nur ein Traum sein sollte, muss ich, so gut es geht, mitspielen. Mein Bauchgefühl sagt mir, dass das hier schlecht ausgehen wird, wenn ich mich noch weiter hier verkrümel. Daher raffe ich mich auf und schwinge mich aus dem Bett.
Ich muss das hier alles erkunden. Mir bleibt wohl kaum eine andere Wahl.
In Gedanken erstelle ich mir eine Liste.
1. Herausfinden, wo ich bin.
2. Herausfinden, wer ich bin.
3. Herausfinden, wer mich umgebracht hat.
4. Herausfinden, was für eine Stimme das vor meinem Tod war.
5. Die Menschen um mich herum kennenlernen.
So leise ich kann, öffne ich die Tür und stecke verstohlen meinen Kopf raus. Ich blicke in einen menschenleeren Flur. Außerdem scheinen auch kaum Lichter zu leuchten.
Offensichtlich ist es Nacht, was mir die perfekte Gelegenheit bietet, mich hier genauer umzusehen.
Ich trete aus meinem Zimmer aus und schließe leise die Tür hinter mir. Das Letzte, was ich in diesem Augenblick möchte, ist jemanden jetzt anzutreffen.
Einen Schritt vor den anderen husche ich durch die Gänge. Das Gebäude scheint alt zu sein. Sehr alt.
Die Steine sind groß und kalt. Sie erinnern mich an ein altes Schloss. Das Licht, das die Gänge erleuchtet, geht von merkwürdigen Pflanzen aus, die aus dem Gemäuer zu wachsen scheinen. Sie hinterlassen einen violetten Schimmer. Ein Teil von mir ist versucht sie anzufassen, doch ein anderer kann sich so gerade eben noch zurückhalten.
Ich möchte weitergehen, scheine nun aber unvorsichtiger geworden zu sein, denn prompt renne ich in einen anderen Menschen.
»Da bist du ja! Ich habe dich schon gesucht«, sagt ein mir wildfremder Junge.
Erschrocken fahre ich zusammen und springe sofort einen Schritt zurück. Ich versuche, einen sicheren Stand einzunehmen, damit ich mich im Notfall verteidigen kann. Dabei fällt mir auf, dass dieser Körper um einiges besser trainiert zu sein scheint, als mein Letzter.
Unschuldig hebt der Junge die Hände hoch und sagt: »Alles gut, Aline. Ich bin ein Freund, kein Feind. Vermutlich bin ich der Einzige, der dir gerade helfen kann.«
Nun schaue ich ihn mir genauer an.
Der Junge mir gegenüber wirkt eher schlaksig als muskulös. Trotzdem scheint er recht ansehnlich zu sein. In diesem dunklen Licht kann man es so schlecht erkennen, doch er scheint dunkle Haare und Augen zu haben. Außerdem ziert auch seine linke Gesichtshälfte ein Tattoo.
Was ist bloß in dieser Welt los, dass alle ein Gesichtstattoo haben?
Ich kann seine Mimik nicht lesen, da es dafür zu dunkel ist.
Daher sage ich mit so viel Selbstvertrauen, wie ich aufbringen kann: »Und wer bist du? Wie willst du mir helfen können?«
»Jetzt tu nicht so stark. Ich weiß, dass du aus einer anderen Welt stammst«, erklärt er.
Bei seinen Worten versteift sich mein ganzer Körper. Ich kann kaum glauben, was er so einfach von sich gegeben hat.
»Ich weiß nicht, wovon du sprichst«, entgegne ich daher, so selbstsicher ich kann.
»Das kann ich mir vorstellen. Immerhin bin ich vermutlich der Einzige, der die Situation hier richtig einschätzen kann«, sagt er flapsig.
Er scheint meine Worte ganz anders aufgenommen zu haben, als ich sie meinte.
»Darauf wollte ich nicht hinaus«, setze ich wieder an, um ihm damit ein Ende zu setzen.
Bevor ich weiter erklären kann, unterbricht er mich.
»Mir ist schon bewusst, was du damit sagen wolltest. Ich weiß über die Situation aber besser Bescheid als du. Komm doch einfach mit mir und ich werde dir das alles in Ruhe erklären.«
»Sicher werde ich nicht mit dir kommen. Ich weiß doch überhaupt nicht, wer du bist«, entgegne ich und mache mich von ihm los.
Er hatte bereits mein Handgelenk gepackt und versucht, mich mit sich zu ziehen.
Seufzend dreht er sich zu mir um und stemmt die Arme in seine Hüften.
Als wäre es die schwerste Aufgabe der Welt, fängt er an zu erzählen: »Ich bin Elias. Du kennst mich nicht, auch nicht aus deiner alten Welt. Ich weiß, wer du bist, da ich dich in meinen Visionen gesehen habe. Ich weiß auch, woher du kommst, weil ich das in meinen Visionen gesehen habe. Ich werde dir helfen, dich hier zurechtzufinden, damit du unsere Welt…«
»Warte. Warte. Warte«, unterbreche ich ihn, »Wie meinst du das? Was meinst du mit Visionen? Sowas Albernes habe ich noch nie gehört.«
»Siehst du? Das ist schon der erste Beweis, dass du nichts aus unserer Welt stammst. Alle anderen wären jetzt komplett ausgerastet und hätten mir gesagt, wie mächtig diese Fähigkeit ist. Dass du mich für verrückt hältst, ist der beste Beweis, dass du nicht aus dieser Welt stammst. Was einfach wirklich unglaublich ist, möchte ich noch anmerken«, beendet Elias seine Erklärung.
Ich weiß nicht so recht, ob ich seinen Worten trauen kann. Das alles kommt mir viel zu surreal vor, um tatsächlich wahr zu sein.
»Dann zeig mir etwas«, sage ich auffordernd.
Wenn er tatsächlich recht hat, muss er in der Lage sein, mir das zu beweisen.
Elias streckt seine Hand nach vorne aus und in seiner Hand erscheint eine Lichtkugel in dem gleichen Violett der Pflanzen. Ich mache große Augen und traue ihnen kaum.
»Das ist das Mindeste, was jeder von uns hier kann«, erklärt er.
»Kannst du mir beweisen, dass es nicht nur ein Trick ist? Vielleicht hast du etwas von dieser komischen Pflanze an der Wand in deiner Hand und lässt es so aussehen, als würde es fliegen«, sage ich misstrauisch.
Ich weiß, dass ich es vielleicht zu kritisch betrachte und eher dankbar für die Hilfe sein sollte. Doch dieser Zustand will sich noch nicht einstellen. Viel mehr habe ich das Gefühl, in dieser Welt oder dem Traum, alles und jeden hinterfragen zu müssen.
Elias scheint etwas Ähnliches durch den Kopf zu gehen, doch er folgt meiner Aufforderung.
Er erzeugt weitere Lichter und lässt sie wie durch Geisterhand durch den Gang schweben.
»Das ist einfach unglaublich«, flüstere ich ungläubig.
»Kann ich sowas auch?«, frage ich und Aufregung erfasst meinen ganzen Körper.
Vielleicht besitze ich eine Fähigkeit, die mich zurück in meine Welt bringt.
»Sicher kannst du sowas auch. Du musst einfach herausfinden, wie die alte Aline sowas gemacht hat. Sie gehörte zu den Mächtigsten unter uns. Sicher musst du nur ein Gefühl für ihre Fähigkeiten bekommen. Doch vorerst müssen wir jetzt von hier verschwinden, damit ich dir helfen kann, dich hier zurechtzufinden.«
Gedankenverloren nicke ich und lasse mich von Elias fortführen.
Elias führt uns in einen Raum, nicht weit von dem Gang entfernt. Bevor er den Raum hinter uns abschließt, schaut er sich erneut verstohlen in dem Gang um. Er wirkt, als habe er etwas Verbotenes vor.
»Warum auf einmal so vorsichtig?«, frage ich ruppig, da mir die ganze Situation noch immer unheimlich vorkommt.
»Niemand sollte unser Gespräch belauschen. Vor allem für dich ist es dann hier nicht mehr sicher. Es passiert nicht oft, doch äußerst selten kommen Menschen aus anderen Welten, nicht nur aus deiner Welt, in unsere rüber und übernehmen die Körper unserer Verstorbenen. Keiner kann erklären, woran es liegt. Die, die zu uns rüber kommen, werden fast immer liquidiert, nachdem die Informationen aus ihnen herausgekitzelt wurden. Sie werden als zu große Gefahr für unsere Gesellschaft angesehen. Darum ist es umso wichtiger, dass du mir jetzt aufmerksam zuhörst und möglichst viel lernst«, erklärt er aufgeregt.
Ich schaue ihn mit großen Augen an und möchte ihm einfach nicht glauben. Was er erzählt, klingt viel zu schrecklich, um wahr zu sein.
»Dann sollte ich wohl lieber schnellstmöglich von hier verschwinden, anstatt mit dir zu reden. Sie haben sicher schon Verdacht geschöpft«, sage ich und möchte mich auf den Weg machen.
Elias stellt sich mit ausgebreiteten Armen in meinen Weg und sagt: »Nein. Alles gut. Ich konnte herausfinden, dass dieses Gift für einen verwirrten Geisteszustand für mehrere Tage sorgen kann. Besonders die Dosis, die du erhalten hast. Sie hat die Aline aus dieser Welt auch umgebracht, doch euer Übergang war so fließend, dass es überhaupt nicht aufgefallen ist. Wenn du dich die nächsten Tage noch etwas anders verhältst, wird dir das jeder nachsehen. Das verschafft uns genug Zeit, dich auf deine Rolle hier vorzubereiten.«
»Und warum sollte ich das machen? Sind meine Überlebenschancen nicht um einiges höher, wenn ich einfach in einem wenig belebten Ort untertauche, wo mich niemand kennt? Sicher wird es hier einen Ort geben und dort kann ich mich in Ruhe zurückziehen, anstatt unter vielen prüfenden Blicken Gefahr zu laufen, trotzdem enttarnt zu werden«, entgegne ich.
»Das ist leider keine Möglichkeit für dich. Du gehörst in dieser Welt zu der Herrscherfamilie. Deine Eltern sind sowas wie die Kriegsregenten unseres Volkes und du bist die offizielle Erbin. Jeder in diesem Land, wahrscheinlich auch in den meisten anderen Ländern, kennt dich. Du wirst gleichermaßen gefürchtet und bewundert. Du wurdest mit so viel Strenge, Hass und Verachtung großgezogen, dass du die perfekte Kriegstreiberin für unser Volk sein wirst. Zumindest ist das der Plan deiner Eltern. Sie konnten natürlich nicht damit rechnen, dass gerade ihre Tochter ausgetauscht wird«, erklärt er.
Bei seinen Worten raucht mir der Kopf, doch eine Sache bleibt klar und deutlich hängen.
»Wenn du von ausgetauscht sprichst, heißt das, dass die andere Aline jetzt in meinem Körper ist?«, frage ich hoffnungsvoll.
»Wie gesagt, es fehlt leider die genaue Erklärung dazu. Die meisten gehen davon aus, dass die vorherigen Seelen ihren Körper verlassen haben, als er gestorben ist. Was danach mit ihnen passiert, ist ungeklärt. Doch irgendwie musst du doch auch hier gelandet sein. Kann es dann nicht sein, dass die Seele der anderen Aline einfach in deinen Körper oder in den Körper einer ganz anderen Aline gefahren ist?«
Bei seinen Worten mache ich große Augen. Wenn dem wirklich so ist, könnte das bedeuten, dass ich wieder zurück in meine Welt kann? Muss ich einfach ein weiteres Mal sterben, damit ich wieder nach Hause kann?
»Bring mich um«, sage ich aufgeregt, denn ich möchte meinen Gedanken sofort Taten folgen lassen.
Bei meinen Worten schaut mich Elias nur mit großen Augen an.
»Das ist doch sicher nicht dein Ernst. Ich weiß, auf welche Gedanken du gekommen bist, doch niemand kann dir versichern, dass dein Plan funktioniert. Bei unseren barbarischen Tests, bei denen Leute deiner Art liquidiert wurden, ist nie eine andere Seele wieder in ihren Körper zurückgekommen. Vielleicht ist die andere Aline auch einfach gestorben und dein alter Körper auch. Wenn ich dich dann jetzt umbringen würde, wärst du für immer tot. Ist es das, was du wirklich möchtest?«, fragt er vorsichtig.
Entgeistert blicke ich ihn an. An diese Möglichkeit habe ich überhaupt nicht gedacht.
Die Vorstellung, ab jetzt für immer tot zu sein, verängstigt mich.
Eigentlich hatte ich mit meinem Leben abgeschlossen. Ich war bereit, in die ewige Finsternis hinüber zu gehen und den Tod wie einen guten Freund zu empfangen.
Doch die letzten Erinnerungen an mein Ableben sitzen noch tief in meiner Seele. Die Furcht und die Verzweiflung lassen mich noch immer nicht los und sorgen dafür, dass ich mir meiner Entscheidung doch nicht mehr so sicher bin, wie noch vor ein paar Sekunden.
Nach ein paar Momenten, in denen Elias und ich uns nur schweigen anblicken, lasse ich entmutigt die Schultern sinken. Er hat recht, mein Plan birgt zu viele Risiken, die ich noch nicht bereit bin, einzugehen.
Er scheint meine Kapitulation zu bemerken, denn auch er lässt wieder seine Arme sinken und stößt einen Luftstoß der Erleichterung aus.
»Es freut mich, dass du dich für diesen Weg entschieden hast. Ich werde mein Bestes geben, damit ich dir helfen kann, dich hier einzugliedern«, sagt er erfreut.
»Warum hilfst du mir eigentlich?«, frage ich nun argwöhnisch.
»Weil es das Aufregendste ist, was ich jemals tun werde. Außerdem bietest du tatsächlich eine Chance auf Veränderung in dieser Welt«, sagt er und dabei leuchten seine Augen.
»Wenn es weiter nichts ist«, nuschle ich in mich hinein.
Er wird schon erkennen, dass ich keine Lust habe, eine solch bedeutende Rolle in dieser Welt zu spielen, doch das braucht er noch nicht jetzt erfahren. In diesem Moment brauche ich nämlich eine Sache besonders von ihm. Sein Wissen über diese Welt und wie ich hier überleben kann. Sobald ich das von ihm erhalten habe, kann ich ihn noch immer in die Realität zurückholen.
»Dann sag mir mal alles, was du über die Aline in dieser Welt weiß«, sage ich, so enthusiastisch ich kann, und Elias fängt an, mir so viel wie möglich zu erzählen.
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